Die Kraft des Du


dges_KraftsdesDU_Maass_150824
Lehrerin Franziska Maaß

Lehrer, Mörder und Ent­führer“, antwortet Fin­ja auf die Frage, wovor man Angst haben kann. Sie guckt ihre Lehrerin treuherzig an, Franziska Maaß lacht, die Schüler ihrer 6. Klasse grin­sen und alle wis­sen: Das war nicht ernst gemeint. Denn an der Georg-Christoph-Licht­en­berg Gesamtschule in Göt­tin­gen ist fröh­lich­es und selb­st­ständi­ges Ler­nen ganz nor­mal. Vor den Lehrern hat man hier ganz bes­timmt keine Angst. Zu den Lehrern sagt man du.Das Duzen gehört an der IGS zu einem Konzept, das vor 40 Jahren erar­beit­et wurde und bis heute aktuell ist. Dazu gehört: keine Fach­leis­tungs­d­if­feren­zierung bis Ende der 10. Klasse, keine Noten bis Ende der 8. Klasse, son­dern aus­führliche Ler­nen­twick­lungs­berichte, und kein Sitzen­bleiben – stattdessen: Tea­mar­beit und Freiräume. „Die Entwick­lung von sozialer Kom­pe­tenz ist ganz wichtig hier“, sagt Deutsch- und Geschicht­slehrerin Franziska Maaß. Die Schüler sollen zu starken Per­sön­lichkeit­en wer­den, die selb­st­be­wusst genug sind, Schwächen einzugeste­hen – mit dem beruhi­gen­den Gefühl, in einem anderen Bere­ich Stärken zu haben. „Und jed­er Schüler kann irgen­det­was ganz beson­ders gut,“ ist Franziska Maaß überzeugt.

Die engagierte 33-Jährige serviert den Lern­stoff nicht – sie glaubt fest daran, dass ihn die Kinder sich gegen­seit­ig beib­rin­gen. Darauf ist sog­ar die Architek­tur der Schule eingestellt. Jed­er Jahrgang lebt, lernt und lacht in einem soge­nan­nten Clus­ter. Hier rei­hen sich Klassen­z­im­mer, Son­der­räume, ein Zim­mer mit per­sön­lichem Schreibtisch für jeden der etwa 15 Jahrgangsstufen­lehrer um einen fre­undlich gestal­teten Gemein­schaft­sraum.

dges_KraftdesDU_SuS1_150824
Schü­lerin­nen und Schüler im Unter­richt

In den Klassen, die hier Stam­m­grup­pen heißen und von denen einige auch behin­derte Schüler aufnehmen, sind die Kids in Tis­chgrup­pen aufgeteilt. Sechs Schüler mit unter­schiedlichen Tal­en­ten arbeit­en hier für min­destens ein halbes Jahr zusam­men und ler­nen, was es heißt, sich aufeinan­der zu ver­lassen. „In den ersten drei Jahren ist das sehr viel Arbeit. Danach ern­ten wir die Früchte,“ sagt Franziska Maaß lächel­nd. Und wie sieht diese Ernte aus? „Es ist ein­fach toll zu sehen, wie selb­st­ständig die Schüler arbeit­en. Sie helfen sich gegen­seit­ig und schaf­fen es, ihre Ressourcen so zu nutzen, dass am Ende ein fer­tiges Pro­dukt her­auskommt“, erk­lärt Franziska Maaß als Schü­lerin Ali­na her­bei­hüpft und Hil­fe beim Mul­ti­plizieren möchte. „Frag doch bitte jeman­den, der beson­ders gut in Mathe ist“, sagt Franziska Maaß und als Ali­na sich pfeifend auf den Weg zum Rechen-Ass der Klasse macht, ver­rät ihre Lehrerin: „Klar kön­nte ich ihr das erk­lären. Aber sie soll ler­nen, sich bei ihren Mitschülern Hil­fe zu holen.“

dges_KraftdesDU_SuS2_150824
Arbeit in Tis­chgrup­pen

Dass die schwächeren Schüler davon prof­i­tieren, ist offen­sichtlich. „Aber auch für die Guten ist es klasse. Sie ler­nen, das, was sie ver­standen haben, auch sin­nvoll weit­erzugeben.“
Von der 5. bis zur 10. Klasse bleiben die Kinder in ihren fes­ten Ver­bän­den, eng begleit­et von zwei Tutoren. Gefes­tigt wird die Verbindung Schüler-Lehrer auch durch das verbindliche Du. „Unsere Autorität fes­ti­gen wir durch das, was wir tun. Die wird durch das Duzen nicht klein­er“, erk­lärt Franziska Maaß. Als Tutorin ken­nt sie ihre Pap­pen­heimer genau, weiß, was zu ihnen passt. Klar auch, dass sie sich an den Lehrplan hält. „Aber der erlaubt viele Frei­heit­en. Und die schöpfen wir hier voll aus.“ Frei­heit­en bekom­men auch die Schüler: Sie entschei­den in freien Arbeits- und Übungsstun­den, was sie machen wollen, kön­nen Cafe­te­ria, Dis­co, Bil­lardraum und Kino der Schule nutzen und erleben bei zwei Klassen­fahrten im Jahr viel Schönes miteinan­der.
Einzelkämpfer­tum ist an der IGS aber nicht nur bei den Schülern tabu. Auch die Lehrer arbeit­en inten­siv miteinan­der, tauschen Ideen aus – und nehmen auch die Eltern mit ins Boot. „Erst dachte ich: Diese enge Zusam­me­nar­beit mit den Eltern ist doch gruselig“, sagt Franzi­ka Maaß. Heute weiß sie: „Das klappt super und ist richtig kon­struk­tiv.“ Bei regelmäßi­gen Tre­f­fen, die in den Tis­chgrup­pen bei den Kindern zu Hause stat­tfind­en, wer­den den Eltern Pro­jek­te vorgestellt, es darf kri­tisiert, gefragt, gelobt wer­den.

dges_KraftdesDU_plan_150824
Dien­st­plan

Dass die IGS mit ihrem Lernkonzept Erfolg hat, zeigen nicht nur Ausze­ich­nun­gen wie der Deutsche Schul­preis 2011: Die meis­ten der 1500 Schüler der Schule erre­ichen das Abitur – egal, mit welch­er Bil­dungsempfehlung sie ihre Kar­riere an der IGS began­nen. Klar, dass die nötige Organ­i­sa­tion, das Schreiben der Ler­nen­twick­lungs­berichte, die Eltern­abende und Pro­jek­te allen viel abver­lan­gen. Aber die Arbeit dort erfüllt auch. Franziska Maaß ist glück­lich, hier zu sein. „An ein­er ide­alen Schule gäbe es mehr Geld und wir hät­ten mehr Lehrer“, sagt sie zwar schmun­zel­nd und denkt dabei an die Kämpfe mit dem Schu­lamt, die natür­lich auch von der IGS aus­ge­tra­gen wer­den müssen. „Anson­sten kommt das Konzept hier meinem Ide­al von Schule sehr nahe“, ergänzt sie. „Man merkt ein­fach, dass man den Schülern damit Gutes tut. Was anderes will ich nicht.“

Und was sagen die Kinder dazu?

„Im Ver­gle­ich zur Grund­schule machen die Lehrer den Unter­richt hier viel bess­er, finde ich. Weil sie ein­fach viel genauer nach den einzel­nen Schülern guck­en. Auch das wir die Hausauf­gaben in den Arbeits- und Übungsstun­den hier an der Schule machen kön­nen, ist super. Das Einzige, was doof ist: Unsere Klasse hat beim Mit­tagessen in der Men­sa viel zu wenig Plätze!“
Ali­na B.
„Ich finde es gut, dass es nicht so viele Fäch­er gibt. In GR zum Beispiel sind Geschichte, Erd­kunde, Poli­tik und Reli­gion zusam­menge­fasst. Später kann man dann auch Clubs wie Fußball, Karate oder Gesellschaftsspiele wählen, das gefällt mir auch. Und die Tis­chgrup­pen sind super! Beson­ders Spaß machen die Tis­chgrup­pen-Match­es, bei denen die Grup­pen gegeneinan­der antreten, in Englisch zum Beispiel.“
Ben R.
„Ich finde es toll, dass wir hier alle zusam­men im Clus­ter ler­nen. Auch das gemein­same Arbeit­en in den Tis­chgrup­pen finde ich super. Eigentlich gibt es nichts, was mir nicht gefällt. Nur an das Duzen der Lehrer musste ich mich erst gewöh­nen. Das war am Anfang richtig schwierig, weil man es aus der Grund­schule ja ganz anders kan­nte.“
Isabell-Aylin B.

Fotos: Rein­er Pfis­ter­er

print

ist freie Jour­nal­istin, lebt und arbeitet in Stuttgart.

alle Beiträge von Heide Grehl
Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Archiv