Heißt es „spöttisch” oder „humorvoll”?


Die Wirtschaft klagt schon lange über man­gel­nde Deutschken­nt­nisse bei Jugendlichen − doch wie ste­ht es um das sprach­liche Ver­ständ­nis von Achtk­lässlern tat­säch­lich? Dozen­ten für Poten­zial­analyse in Köln ver­suchen dem mit ver­schiede­nen Tests auf die Schliche zu kom­men.

Jonas traut sich noch. Fünf Stun­den sind ver­gan­gen, seit sich der Schüler des Stadt­gym­na­si­ums Porz der Poten­zial­analyse stellt. Fre­itag kurz vor 15 Uhr sind die meis­ten Schüler längst zu Hause – der dreizehn­jährige Jonas hat bere­its einen stres­si­gen Konzen­tra­tionstest, Grup­penübun­gen, eine handw­erk­liche Prü­fung und einen anstren­gen­den Logik­test hin­ter sich. Zum let­zten Mal heißt es, Gas geben! Jonas ste­ht vor sein­er Klasse in einem weiß getüncht­en Raum der Jugend­hil­fe Köln im Stadt­teil Ehren­feld, um einen Vor­trag zu hal­ten. Der Gym­nasi­ast soll sich selb­st präsen­tieren.

Julia Schnei­ders (re.) und Lau­ra Still­well (li.)

Um sich auf die Selb­st­präsen­ta­tion vorzu­bere­it­en, hat­te er zehn Minuten Zeit, einen Frage­bo­gen zur eige­nen Per­son auszufüllen. Mit seinem Tis­ch­part­ner hat Jonas die Präsen­ta­tion noch geprobt. Die 25-jähri­gen Psy­chologin­nen Julia Schnei­ders und Lau­ra Still­well von der Tal­ent­brücke, einem exter­nen Bil­dungsträger für Poten­zial­analy­sen, sind ges­pan­nt. Die Beobach­terin­nen wollen wis­sen: Welche beru­flichen Inter­essen hat Jonas? Wie flüs­sig kann der Achtk­lässler schon vor ein­er Gruppe sprechen? Wie klappt das mit dem Aus­druck in der deutschen Sprache?

… etwas mit Com­put­ern”

Ich habe noch keinen Beruf­swun­sch, doch kön­nte ich mir etwas mit Com­put­ern vorstellen“, sagt Jonas. Er schildert, wie er sich als Mess­di­ener in der kirch­lichen Gemeinde engagiert. Und wie er im Vere­in Hand­ball spielt. Er bren­nt vor Ehrgeiz. „Was eine Stärke ist, aber auch eine Schwäche sein kön­nte. Ich will immer der Beste sein“, so der Jugendliche. Er könne zwar im Team arbeit­en, aber er wolle auch, dass das Grup­pen­ergeb­nis immer per­fekt sei. „Weil ich immer aufs Ergeb­nis schaue, arbeite ich vielle­icht zwei Tage, obwohl ich fürs Ergeb­nis nur einen Tag Zeit habe“, schließt er seine Selb­st­präsen­ta­tion.

So wie beim Stadt­gym­na­si­um Porz stellen sich über­all in Deutsch­land Achtk­lässler der Poten­zial­analyse. Im Zuge des Beruf­sori­en­tierung­spro­gramms (BOP) des Bun­des­bil­dungsmin­is­teri­ums find­en Poten­zial­analy­sen in der Regel in der siebten oder acht­en Jahrgangsstufe statt. Ins­ge­samt hat der Bund von 2010 bis 2016 rund 580.000 Poten­zial­analy­sen bewil­ligt. Als bun­desweites Förder­pro­gramm ist das BOP in allen Bun­deslän­dern vertreten – in Baden-Würt­tem­berg und Hes­sen wer­den Poten­zial­analy­sen über Lan­despro­gramme finanziert.

Den Blick öff­nen für ver­bor­gene Poten­ziale

Bei der Poten­zial­analyse check­en geschulte Dozen­ten, meist Psy­cholo­gen und Päd­a­gogen, ver­bor­gene, noch nicht entwick­elte Kom­pe­ten­zen bei Jugendlichen. Getestet wer­den neben sprach­lichen Kom­pe­ten­zen soziale, motorische, math­e­ma­tis­che und logis­che Kom­pe­ten­zen. Noch am sel­ben Tag erk­lären die Dozen­ten den jun­gen Teil­nehmern in einem Abschlussge­spräch, wie diese bei den unter­schiedlichen Tests im Ver­gle­ich mit ihrem Alters­durch­schnitt abgeschlossen haben. Die Mäd­chen und Jun­gen sollen dadurch angeregt wer­den, sich mit ihren sicht­baren Kom­pe­ten­zen, aber auch mit den in ihnen schlum­mern­den Poten­zialen auseinan­derzuset­zen, bevor Prak­ti­ka in der neun­ten Jahrgangsstufe anste­hen. Anders als bei der Leis­tungs­beurteilung will die Poten­zial­analyse den Blick für das öff­nen, was noch sein kön­nte. Im Vorder­grund ste­ht die Erfahrung: „Ich kann etwas!”

Nils Gau

Eine Poten­zial­analyse hat nicht den Zweck, Schüler auf bes­timmte Berufs­bilder festzu­nageln. „Wir sagen euch nicht, werdet Post­bote!“, erläutert Nils Gau, Coach und Berater bei der Tal­ent­brücke. Vielmehr geben Dozen­ten für Poten­zial­analy­sen Jugendlichen Impulse, sich frühzeit­ig mit ihren Inter­essen und Kom­pe­ten­zen zu beschäfti­gen, die in Berufen aktuell gefragt sind. Seit Jahren schon bekla­gen sich Aus­bilder und Hochschullehrer immer wieder über man­gel­nde Deutschken­nt­nisse, Prob­leme mit der Rechtschrei­bung und einen schrumpfend­en Wortschatz bei jun­gen Men­schen.

Wortschatztest für Haupt- und Realschüler

Poten­zial­analy­sen gibt es an Förder-,Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gym­nasien. Bei diesen Schul­for­men kommt oft ein Wortschatztest zum Ein­satz, um das sprach­liche Poten­zial zu messen. Ein Klas­sik­er ist der Wortschatztest, bei dem beispiel­sweise auf der linken Seite des Test­bo­gens Wörter fett gedruckt wie „iro­nisch“ ste­hen. Und Schüler sollen her­aus­find­en, welch­es der fünf Wörter auf der recht­en Seite des Bogens am ehesten die gle­iche Bedeu­tung wie „iro­nisch“ hat − ist es „böse“, „spöt­tisch“, „uneinig“, „humor­voll“ oder „ein­fühlsam“? Der Test mit 30 Wörtern fängt leicht an. Zum Ende hin wird er schw­er­er. Die Lösung beim Wortschatztest lautet übri­gens “spöt­tisch”, denn Ironie ist fein­er, ver­steck­ter Spott. Sebas­t­ian Schnei­der, Team­leit­er beim Bil­dungsin­sti­tut der Rheinis­chen Wirtschaft (BRW) in Euskirchen, hat die Sprachkom­pe­ten­zen unzäh­liger Schüler mit dem Wortschatztest über­prüft.

Schü­ler­gruppe bei der Poten­zial­analyse

Wie schätzen sich die Schüler selb­st ein, was ihre sprach­lichen Kom­pe­ten­zen anbe­langt? „Viele Schüler haben ein sicheres Gespür dafür, wie gut sie mit Sprache umge­hen kön­nen“, erk­lärt Schnei­der. Auf­fal­l­end sei jedoch, dass der Wortschatz nicht immer mit dem beschriebe­nen Lesev­er­hal­ten der Schüler übere­in­stimme. Konkret: Schüler, die viel lesen, kön­nen beim Wortschatztest unter ihren Erwartun­gen bleiben; und umgekehrt kann, wer nicht viel in sein­er Freizeit liest, ein gutes Ergeb­nis beim Wortschatztest erzie­len. Mäd­chen sind Jun­gen sprach­lich nicht unbe­d­ingt voraus, wie man annehmen kön­nte: „In der Ten­denz mag es sein, dass Mäd­chen sich mehr mit sprach­lich geprägten Hob­bys auseinan­der­set­zen, aber ein­deutige Kom­pe­ten­zun­ter­schiede sind nicht ersichtlich“, so Schnei­der. „Wie hoch die sprach­lichen Kom­pe­ten­zen sind, hängt mehr davon ab, in welchen Ver­hält­nis­sen Schüler aufwach­sen, als von der Schul­form, die sie besuchen“, meint Nils Gau von der Tal­ent­brücke.

Deutsch spielt in Physik eine große Rolle

Die sprach­lichen Kom­pe­ten­zen sind auch Gegen­stand der halb­stündi­gen Abschlussge­spräche der Dozen­ten mit den Schülern nach der Testrei­he. Oft sitzen Eltern voller Erwartung mit am Tisch. Was Dozen­ten empfehlen, wenn Schüler beim sprach­lichen Ver­ständ­nis nicht so gut abgeschnit­ten haben, kann Sebas­t­ian Schnei­der sagen: „Wichtig ist, die Moti­va­tion zum Lesen zu erhöhen.“ Fällt es den Schülern schw­er, zu lesen, ver­weist er sie gerne mal auf Hör­büch­er. Die Hemm­schwelle, sich darauf einzu­lassen, sei geringer, die Schüler wür­den den­noch mit Wörtern und Sprache kon­fron­tiert und bere­icherten ihren Wortschatz. „Viele Eltern reagieren auf die Empfehlung, mehr zu lesen, sehr pos­i­tiv und geben zu erken­nen, dass sie dieses The­ma schon lange mit den Kindern aus­disku­tieren“, erk­lärt Schnei­der. Wenn Dozen­ten von außen die Schüler auf­fordern, mehr zu lesen, ist das glaub­würdi­ger, als wenn es die Eltern predi­gen. Wer mit Büch­ern gar nichts anfan­gen mag, dem gibt Nils Gau von der Tal­ent­brücke den Tipp, es etwa mit Kreuz­worträt­seln oder Sudoku zu ver­suchen.

Lehrer Andreas Simon

Jonas vom Stadt­gym­na­si­um Porz braucht keine Ein­ladung, seinen Wortschatz zu verbessern. Bei der Selb­st­präsen­ta­tion ist der Junge über sich hin­aus­gewach­sen: „Im Unter­richt bin ich mündlich nicht so gut“, sagt der Schüler. Andreas Simon, Lehrer für Natur­wis­senschaften am Stadt­gym­na­si­um Porz, der seine Schüler zur Poten­zial­analyse begleit­et hat, hat das Gefühl, Jonas und seine Mitschüler hät­ten viel über sich gel­ernt. Der Physik­lehrer hat Jonas an diesem Tag in einem ganz anderen Licht gese­hen: „In den Natur­wis­senschaften spielt die Fach­sprache eine große Rolle.”

 

Kom­pe­ten­zen
Unter Kom­pe­ten­zen ver­ste­ht man Fähigkeit­en von Schülern, sit­u­a­tion­s­gerecht und selb­stor­gan­isiert zu han­deln. Kom­pe­ten­zen umfassen Wis­sen, Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en und müssen im Zusam­men­hang mit den Erfahrun­gen, Gefühlen, Werten und Nor­men eines Men­schen betra­chtet wer­den.
Logik­tests
Viele Anbi­eter für Poten­zial­analy­sen unter­suchen die sprach­lichen Kom­pe­ten­zen von Gym­nasi­as­ten in der Regel auch mit Intel­li­gen­ztests. Sprach­lich­es Ver­ständ­nis von Gym­nasi­as­ten wird hier­bei getestet, indem die Schüler Sätze ergänzen, Beziehun­gen zwis­chen mehreren Wörtern erken­nen und Begriffe bilden sollen − logis­ches und sprach­lich­es Denken über­schnei­den sich dabei.
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ist freier Journalist und schreibt viele Artikel rund um das Thema Bildung, u.a. für die Zeit, Spiegel Online und den WDR.

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Ein Kommentar zu “Heißt es „spöttisch” oder „humorvoll”?”

  1. Laura Stilwell

    Ein schön­er Artikel über die Poten­tial­analyse! Eine kurze nachträgliche Anmerkung, die Namen unter dem ersten Foto sind ver­tauscht, Julia Schnei­ders befind­et sich rechts.

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