Ist der Essay als Prüfungsform zu retten?


Aphorismus_Essay_Tucholsky
© Ernst Klett Ver­lag, Stuttgart

Der Essay ist seit einiger Zeit eine beliebte schriftliche Prü­fungs­form im Abitur in Baden-Würt­tem­berg. Unter Experten ist weit­ge­hend unstrit­tig, dass es sich auf Grund der vielfälti­gen stilis­tis­chen Vari­a­tion­s­möglichkeit­en um eine der anspruchsvoll­sten Schreib­for­men han­delt, die man sich vorstellen kann.

Große Namen haben sich daran ver­sucht: Mon­taigne, Swift, Pope etc. Schon die Def­i­n­i­tion des Essays ist wegen der großen Gestal­tungs­frei­heit, die er gewährt, schwierig. Enge struk­turelle Vorschriften liegen ihm fern, exak­te Analyse, klare sys­tem­a­tis­che Abfolge der Gedanken sind nicht gefordert. For­mulierungslust, assozia­tive Herange­hensweise an ein Prob­lem oder einen Sachver­halt, Sprach­spiel­ereien, Unverbindlichkeit, kurz gesagt, die lockere und äußerst sub­jek­tive Behand­lung eines The­mas sind ange­sagt. Um es deut­lich auszus­prechen: Es geht hier so ziem­lich um das exak­te Gegen­teil von dem, was in ein­er schriftlichen Abitur­prü­fung auch im Fach Deutsch ver­langt wird.

Bew­er­tung von Schüler­es­says

Die logis­che Folge ist, dass bei der Bew­er­tung von Schüler­es­says, die ja auch noch unter Prü­fungs­druck geschrieben wer­den müssen, große Unsicher­heit herrscht. Fluchtreak­tio­nen sind zu beobacht­en: Schü­lerin­nen und Schüler greifen zu bekan­nten Mustern und schreiben schlichtweg eine Erörterung statt eines Essays; auch wird der gute alte Besin­nungsauf­satz oft­mals wieder­belebt. Andere verkrampfen in ihrem Orig­i­nal­itätsstreben so, dass Zielführung und Sinnhaftigkeit kaum mehr zu erken­nen sind. Von der erforder­lichen Stil­sicher­heit kann nur sel­ten die Rede sein – wie auch, wenn Stil­bil­dung und Stilempfind­en dem in der gym­nasialen Ober­stufe all­seits vorherrschen­den Zeit­druck schon lange zum Opfer gefall­en sind. Das Resul­tat auf Schüler­seite ist oft­mals ein mehr oder weniger unverbindlich­es, weil ober­fläch­lich­es Dahinge­plaud­er von All­ge­mein­plätzen, das neben dem Vorteil ein­er dur­chaus über­schaubaren Vor­bere­itung auf die schriftliche Prü­fung darauf hof­fen lässt, dass sich das Urteil der Kor­rigieren­den – sein­er­seits eine Fluchtreak­tion — irgend­wo im Befriedi­gen­den ein­pen­deln wird.

Essay — eine geeignete Prü­fungs­form?

Auch müssen die Erfind­er dieser Prü­fungs­form bere­its von unguten Gedanken geplagt gewe­sen sein, denn mit ein­er Auf­satz­form wie „Mate­ri­algestütztes Schreiben“ oder gar der Anfer­ti­gung von Abstracts zu vorgelegten Mate­ri­alien hat man zumin­d­est ansatzweise die Flucht in die Verbindlichkeit ange­treten, auch wenn die Rel­e­vanz der Abstracts bzw. des Inhalts der vorgelegten Mate­ri­alien für die Beno­tung des Essays selb­st nach wie vor oft­mals im Vagen liegt. Aus der Not des Bew­er­tungszwanges her­aus haben sich Bew­er­tungsmuster her­aus­ge­bildet: Der Essay mis­cht Reflek­tion und Assozi­a­tion; er hat einen „roten Faden“, braucht eine motivierende Ein­leitung, spielt Denkmöglichkeit­en anre­gend durch, umkreist seinen Gegen­stand oder kehrt am Ende zum Anfang zurück, um nur einige zu nen­nen. Ganz davon abge­se­hen, dass sich bere­its darüber stre­it­en lässt, was eine „anre­gende Denkmöglichkeit“ ist (Ist aufre­gend anre­gend, pro­vokant oder nicht schon abstoßend?), muss man natür­lich fra­gen, ob ein so ent­standenes Prü­fungss­chema nicht die Inten­tion des Essays kon­terkari­ert. Oder, um es auf den Punkt zu brin­gen: Ist der Essay über­haupt eine für die Schule geeignete Prü­fungs­form?

Ohne Zweifel ist er das für eine Min­der­heit von Schü­lerin­nen und Schülern mit aus­geprägtem Stilempfind­en wie übri­gens die Gedicht­in­ter­pre­ta­tion auch. Bei­de soll­ten deshalb ihren Stel­len­wert behal­ten, um in unser­er durch­funk­tion­al­isierten Zeit wenig­stens noch ansatzweise Freiräume für Eigengestal­tung und Kreativ­ität zu bewahren. Lei­der ver­führt er aber nicht ger­ade wenige Schü­lerin­nen und Schüler zu einem Aben­teuer, dem sie man­gels entsprechen­der Fer­tigkeit­en nicht unbe­d­ingt gerecht wer­den kön­nen, und dies zeit­igt dur­chaus gren­zw­er­tige Ergeb­nisse. Aber auch die Lehren­den sind über­fordert: Wer zwei oder drei Mei­n­un­gen von das Fach Deutsch Unter­rich­t­en­den zu einem Essay ein­holt, wird auf dur­chaus gravierende unter­schiedliche Stand­punk­te stoßen. Was bleibt zu tun, wenn eine Kor­rek­tur auf 11 Punk­te kommt und die andere auf 3? Die Mitte, also 7 Punk­te? Ist das die prag­ma­tis­che Lösung? Oder wäre es nicht sin­nvoller, Sprach- und Stil­bil­dung wieder den gebühren­den Stel­len­wert im Deutschunter­richt zukom­men zu lassen? Dies allerd­ings erfordert Zeit und vor allem Freiräume zum Üben und Gestal­ten, die kaum vorhan­den sind. Was also tun auch angesichts aus­bleiben­der staatlich­er Fort­bil­dungsange­bote zu dezi­diert fach­lichen The­men­stel­lun­gen?

Anforderung an Lehrkräfte

Deutschlehrerin­nen und Deutschlehrer soll­ten kom­pe­tent genug sein, um die Fähigkeit­en und Möglichkeit­en ihrer Schü­lerin­nen und Schüler nach fast zwei­jähriger gemein­samer Ober­stufe­nar­beit einzuschätzen. Und sie soll­ten nicht selb­st, weil sie den Essay so „kreativ“ find­en, sich auf einen Aben­teuer­trip begeben, der für die betrof­fe­nen Prüflinge ernüchternd enden kön­nte. Auf dieser Basis bleibt vorder­hand nur eine weit­ere Fluchtreak­tion – lei­der: Sie müssen, unbeschadet der freien Schülerentschei­dung, inten­siv berat­en, für wen diese Prü­fungs­form geeignet ist. Wenig­stens so ist die sub­jek­tive Aus­rich­tung der Prü­fungs­form „Essay“ noch zu bewahren, was nichts an der Tat­sache ändert, dass über die fehlende zeitliche wie auch inhaltliche Unter­füt­terung im Unter­richt ins­beson­dere auf kul­tus­bürokratis­ch­er Ebene neu nachzu­denken wäre. Über Qual­ität­sen­twick­lung im Unter­richt lässt sich bekan­ntlich leicht reden, sie lässt sich aber ohne organ­isatorische und auch finanzielle Ressourcen etwa für qual­ität­sori­en­tierte Fort­bil­dungsange­bote nicht ein­fach her­beireden, auch wenn in der Schu­len­twick­lung immer mehr so getan wird.

Nicht wenige der großen Essay­is­ten haben sich übri­gens erst im dur­chaus fort­geschrit­te­nen Alter an diese Textgat­tung so richtig herangewagt.

Wie ist Ihre Mei­n­ung zum The­ma “Essay als Prü­fungs­form” und welche Erfahrun­gen kon­nten Sie mit Ihren Schü­lerin­nen und Schülern machen? Schreiben Sie uns in den Kom­mentaren!


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war Deutsch-, Englisch- und Ethiklehrer an einem beruflichen Gymnasium sowie Fachberater für die Fächer Deutsch und Englisch.

alle Beiträge von Hans Robert Spielmann

3 Kommentare zu “Ist der Essay als Prüfungsform zu retten?”

  1. mmartin

    Hier wird “Stilempfind­en” als wichtige Voraus­set­zung für Essay oder Gedicht­in­ter­pre­ta­tion genan­nt. Es ist ein Unter­schied, ob ich anwende (Essay) oder rezip­iere (Gedicht). Deshalb kann man Gedicht­in­ter­pre­ta­tion in einem Schul­jahr ler­nen, Essay schreiben aber kaum. Nahc wie vor halte ich die Gedicht­in­ter­pre­ta­tion für die am leicht­esten zu bewälti­gende Auf­gabe, man kann sie “ler­nen”, man kann sie an vie­len Beispie­len mit jew­eils ver­gle­ich­sweise kurzem Zeitaufwand “üben”.
    Wer vor dem Abi, also nach der Vor­bere­itung in der 12.Klasse dann in der 13.Klasse so etwa 20–25 Gedichte inter­pretiert (jede Woche eines?) und dazu sich auch Inter­pre­ta­tio­nen aus dem Netz zum Ver­gle­ich und zur Anre­gung anschaut hat sein Deutsch­abi mit min­desten 9–10 Punk­ten in der Tasche.

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  2. Ulrich Sanke

    Rette sich, wer kann!
    Der Essay als Prü­fungs­form ist alle­mal einen Ver­such wert, wie beein­druck­ende Schüler­leis­tun­gen beweisen. Dass nicht jede und jed­er gut schreiben kann, gilt für Schüler und Lehrer. Erstere kön­nen dies in der Schule dur­chaus ler­nen, wenn sie denn regelmäßig schrieben. Dies set­zt aber eine Grund­hal­tung voraus, die immer mehr ver­loren geht und für die die Dig­i­tal­isierungs­be­mühun­gen am Gym­na­si­um kon­trapro­duk­tiv sind. Rechtzeit­iges Feed­back in Probeklausuren durch ehrliche Notenge­bung kann viele von dem Wahn heilen, man müsse sich auf den Essay nicht vor­bere­it­en oder es gäbe keine geeigneten Bew­er­tungs­maßstäbe. Unsichere Deutschlehrer soll­ten regelmäßig zu den Abiturko­r­rek­tur-Fort­bil­dun­gen gehen, die jedes Jahr ange­boten wer­den. Ret­tung für den Lehrer bietet auch das Gespräch mit erfahre­nen Drit­tko­r­rek­toren. Das Heft Klausurtrain­ing Essay ist nur eingeschränkt zu empfehlen, da es aus mein­er Sicht zu erörterungslastig in die Schreib­form ein­führt. Der Auf­bau eines Essays muss nicht logisch sein — und sollte es vielle­icht auch gar nicht -, wie emp­fohlen wird, son­dern er muss nachvol­lziehbar sein, das ist aber ganz etwas anderes. So bleibt nur zu hof­fen, dass für die guten Schreiber unter unseren Schülern, diese Form erhal­ten bleibt.
    P.S. Eine Stunde mehr Deutschunter­richt kön­nte viel bewirken, statt weit­er den natur­wis­senschaftlichen Bere­ich auszubauen, mit frag­würdi­gen Ergeb­nis­sen für die Anforderun­gen der Studier­fähigkeit.

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  3. Rainer Lex

    Sehr richtig erkan­nt: Für die meis­ten Schüler eine eher gefährliche Auf­satz­gat­tung. Die Ver­gle­ich­barkeit mit anderen Auf­satz­for­men ist kaum gegeben.
    Eine ordentliche Gedich­t­analyse mit anschließen­der Inter­pre­ta­tion ist dage­gen für wesentlich mehr Schüler geeignet, wenn man diesen das entsprechende Rüstzeug gibt und auch Lust auf Lyrik ver­mit­telt.

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