Jungen lesen anders — wenn überhaupt …


Was macht ein 12-jähriger, dem Dino- und Bau­maschi­nen-Bilder­buch entwach­sen­er Junge im Buch­laden? Ver­mut­lich schnell wieder kehrt – angesichts der vie­len rosa­far­be­nen, glitzern­den oder qui­etschbun­ten Cov­er mit Titeln wie „Nur für Mäd­chen“, „Freche Mäd­chen“ oder „Nix für Jungs“.Vor eini­gen Jahren öffnete Dieter Schnacks Best­seller „Kleine Helden in Not“ Eltern- und Poli­tik­er­au­gen. Jungs – zer­rieben zwis­chen klas­sis­chem Rol­len­denken und mod­er­nen Erziehungsansprüchen – ste­hen sei­ther weit oben auf der Beobach­tungsliste. Vom Hoch­stand der Päd­a­gogik-Forschung aus wer­den Gewalt­poten­zial, Lern­bere­itschaft und Vater-Sohn-Beziehun­gen ins Visi­er genom­men. Und auch das Lesev­er­hal­ten der kleinen bis jun­gen Män­ner.

Eine Studie des Insti­tuts für ange­wandte Kin­der­me­di­en­forschung (IfaK) bestätigt landläu­fige Vorurteile: Jungs lesen viel weniger als Mäd­chen. 70 Prozent der erk­lärten Nichtleser zwis­chen 10 und 16 Jahren sind männlich. Und wenn sie lesen, lesen sie meist weniger Anspruchsvolles. Es stimmt auch, dass die Mehrheit der Jungs zwar ein Vorzugs­genre benen­nen kann (Kri­mi, Fan­ta­sy und Grusel ste­hen ganz vorn in der Gun­st), aber im Gegen­satz zu Mäd­chen haben Jungs meist keinen Lieblingsautor und kön­nen oft kein Lieblings­buch nen­nen. Was die IfaK-Studie auch ergab: Die Klas­sik­er der Eltern­gener­a­tion – Lind­gren, Käst­ner, Preußler – ste­hen nur noch sel­ten im Bücher­re­gal der Söhne.

Jun­gen lesen anders

Warum also, wenn über­haupt, lesen unsere Jungs dann? Aus dem gle­ichen Grund, der sie fernse­hen, Playsta­tion spie­len oder face­booken lässt – sie suchen Unter­hal­tung.

Nicht Infor­ma­tion, nicht die Phan­tasie­ex­pe­di­tion in fremde Wel­ten oder in andere Pro­tag­o­nis­ten. Das mag ambi­tion­ierte Eltern und Lehrer frus­tri­eren. Doch es ist immer noch bess­er, als läsen die Her­ren in spe gar nicht.

In einem sind sich Medi­en­päd­a­gogen einig: Um Jungs dazu zu brin­gen, von allein ein Buch in die Hand zu nehmen, muss man ihnen bieten, was sie suchen. Also einen straf­fen Hand­lungs­bo­gen mit vie­len Höhep­unk­ten. Auch wenn man dabei in Kauf nehmen muss, dass sich neben „Har­ry Pot­ter“ und „Gregs Tage­büch­ern“ nur die „Stine-Gänse­haut-Serie“ neben dem Bett stapelt. Von da ist dann der Schritt zur richtig guten Kinder- und Jugendlit­er­atur nur noch halb so weit, und ein ergreifend­es Buch, wie Uri Orlevs „Lauf, Junge, lauf!“ (Ver­lag Beltz & Gel­berg) lan­det nicht unge­le­sen in der Ecke. Auss­chlaggeben­der Fak­tor bleiben die Vor­bilder – vor allem die Eltern. Und hier sind in erster Lin­ie Väter und Lehrer gefragt, damit sich in der Welt der frauen­do­minierten Bib­lio­thekarin­nen, Lek­torin­nen, Grund­schullehrerin­nen, Buch­händ­lerin­nen und vor­lesenden Müt­ter das Lesen nicht als „Weiberkram“ in den Köpfen der her­anwach­senden Män­ner fest­set­zt.

Foto: iStock­pho­to (Chel­nok)

print
Grit Kleindienst

arbeitet als Marketingmanagerin im Ernst Klett Verlag.

alle Beiträge von Grit Kleindienst
Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Archiv