Mit Kaugummi und Menschenwürde


Ist das wirk­lich das echte (Schul-)Leben? Vier Sech­stk­lässler behaupten ohne rot zu wer­den, dass ihnen Schule Spaß macht. Die größten Chaoten wer­den zu hil­fs­bere­it­en Mitschülern, sobald der geistig behin­derte Robin die Klasse betritt. Eine Horde wilder Elf- und Zwölfjähriger lernt fleißig und konzen­tri­ert nach einem Plan, den sich jed­er selb­st zusam­mengestellt hat. Und ein Junge schenkt dem Rek­tor sein­er Schule zwei Lol­lies – ein­fach so.

Rek­tor Math­ias Kessler

Traum? Utopie? Fernse­hen? Nein. Ein ganz nor­maler Tag an der Bar­bara-Gon­za­ga-Gemein­schaftss­chule in Bad Urach bei Reut­lin­gen. Die ehe­ma­lige Grund- und Werkre­alschule gehört zu den 42 Ein­rich­tun­gen, die 2012 als Gemein­schaftss­chule in Baden-Würt­tem­berg starteten. Rek­tor Math­ias Kessler lächelt über die bei­den Lol­lies, wird dann aber ernst: „Wir sind alles andere als eine Kuschel-Schule“, sagt er. Das Vorurteil, leis­tung­sori­en­tiertes Arbeit­en gebe es an ein­er Gemein­schaftss­chule nicht, lässt der 46-Jährige nicht gel­ten.

Jed­er Schüler hat seinen per­sön­lichen Orga­niz­er mit Kom­pe­ten­zrastern von A1 (Ein­stieg), A2 (Hauptschu­la­b­schluss) über B1(mittlere Reife), B2 (Über­gang in die Sekun­darstufe II) bis zu C1 (Abitur). Dort trägt er unter anderem in einen Wochen­plan ein, was er in welchem Fach gemäß sein­er Fähigkeit­en schaf­fen will. Hat er etwas abgeschlossen, wan­dert der fröh­lich bunte Aufk­le­ber mit der Auf­gabe in die Spalte „Meine Erfolge“. Über die reden die Schüler ein­mal in der Woche aus­führlich mit ihrem per­sön­lichen Coach, einem Lehrer, der max­i­mal zwölf Kinder betreut.

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Orga­niz­er mit Kom­pe­ten­zraster

Bevor geschwätzt wird, muss aber geschafft wer­den. Im Deutschunter­richt bei Car­o­la Bon­ert geht es heute darum, lebendig von einem Aus­flug in den Stuttgarter Zoo, die Wil­hel­ma, zu bericht­en. Fün­fer und Sechser arbeit­en zusam­men in einem Zim­mer, aus dem die alten Schul­bänke ver­schwun­den sind. Stattdessen: Hüftho­he Regale, die Heften und Stiften Platz bieten und die man für die Grup­pe­nar­beit fix umstellen kann.

Vorher erk­lärt Car­o­la Bon­ert die Auf­gaben­stel­lung. Sie ste­ht mit ihren Schülern an einem Regal, neben sich Robin, der fast zärtlich ihre Hand hält. „Das läuft mit Robin oft so ab“, sagt die 32-Jährige lächel­nd und man spürt: Sowohl Lehrer als auch Mitschüler behan­deln den Jun­gen mit liebevoller Nor­mal­ität. Anfängliche Sor­gen, ob die an Gemein­schaftss­chulen aus­drück­lich gewün­schte Inklu­sion klap­pen würde, erwiesen sich als unbe­grün­det. Nicht zulet­zt, weil Robin von Alisa Klink begleit­et wird, die an der Schule ihr Soziales Jahr absolviert.

So ver­schieden die Schüler sind, so indi­vidu­ell wer­den sie hier gefördert. „Das ist die beste Schule über­haupt“, sagt Aley­na Dogan. Ihr macht das Ler­nen hier Spaß, weil sie keine Angst vor Noten oder dem Sitzen­bleiben haben muss – bei­des gibt es hier nicht. Dafür hat Aley­na ihren eige­nen Schreibtisch, an dem sie heute einen Lern­job mit Mathe-Auf­gaben löst. Kommt sie nicht weit­er, ist min­destens ein Lehrer in der Nähe, den sie fra­gen kann.

Genaue Angaben, wie die Idee Gemein­schaftss­chule umge­set­zt wer­den soll, existieren nicht. Gut, dass sich Lehrerin­nen wie Car­o­la Bon­ert und ihre Kol­le­gin Lena Bässe, eine studierte Realschullehrerin, mit Pio­niergeist und Ide­al­is­mus ans Werk machen und vor unvergüteter Mehrar­beit nicht zurückschreck­en. Car­o­la Bon­ert sagt: „Wir arbeit­en uns hier seit zwei Jahren tot und entwick­eln eine neue Schu­lart. Zum Null­tarif.“ Eine Schu­lart, die ihren Ide­alvorstel­lun­gen sehr nahe kommt, weil sie überzeugt davon ist, dass jedes Kind an der Bar­bara-Gon­za­ga-Gemein­schaftss­chule seine Ziele erre­ichen kann. Sie beobachtet, dass das Selb­st­be­wusst­sein der Kinder gestärkt wird und der soziale Hin­ter­grund keine Rolle mehr spielt, denn: „Erfolg macht erfol­gre­ich.“

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Schüler im Unter­richt

Rek­tor Kessler weiß, dass die Gemein­schaftss­chulen an ihren Erfol­gen gemessen wer­den. Und er glaubt, dass sie selb­st­be­wusste, erfol­gre­iche junge Men­schen her­vor­brin­gen wer­den, die „men­schen­würdig durch Pubertät und Schulzeit“ gegan­gen sind. Auf seine engagierten Lehrerin­nen und Lehrer ist er mächtig stolz und wün­scht sich, dass ihre Arbeit mehr Anerken­nung find­et. „Es ist wichtig, jet­zt Geld in die Hand zu nehmen“, sagt der Rek­tor und ver­schwindet lächel­nd in seinem Büro.

Ein Junge läuft Kau­gum­mi kauend vor­bei und wird von Car­o­la Bon­ert gebeten, den Kau­gum­mi sofort loszuw­er­den. Lachend sagt sie: „Hier ist vieles anders. Aber Kau­gum­mi kauen darf man auch bei uns nicht.“ Das ist es – das echte (Schul-)Leben.

Fotos: Rein­er Pfis­ter­er

 

Und was sagen die Kinder dazu?

Es gefällt mir hier an der Schule sehr gut. Vor allem, weil wir uns aus­suchen, wann wir die Tests schreiben. Ich werde erst dann, wenn ich den Stoff kann, geprüft. Das ist viel bess­er als früher. Auch dass ich selb­st Ver­ant­wor­tung übernehmen kann, finde ich toll. Und dass ich nicht immer dasitzen und dem Lehrer zuhören muss. Dass wir den ganzen Tag in der Schule sind, ist völ­lig ok. Ich habe nach­mit­tags immer noch genug Zeit, um mit meinen vier Geschwis­tern zu spie­len.“ Songül A.

Ich finde die Schule echt ok. Vor allem gefällt mir, dass wir alleine arbeit­en. Der Lern­coach sagt uns dann, wie wir uns verbessern kön­nen. Den nor­malen Unter­richt früher und dass wir damals Noten bekom­men haben, fand ich zwar auch nicht so übel, aber hier kann ich eben viele Sachen sel­ber entschei­den, und das finde ich viel bess­er.“ Arlind R.

Früher hat mir die Schule über­haupt keinen Spaß gemacht, vor allem wegen den Hausauf­gaben. Aber seit ich hier bin, finde ich es toll, in die Schule zu gehen. Die Lern­jobs machen richtig Spaß und es gibt keine fes­ten Ter­mine für Klasse­nar­beit­en. Mein Ziel ist der Realschu­la­b­schluss und das will ich auf jeden Fall schaf­fen. Als Klassen­sprecherin hab ich auch von den anderen Schülern noch nie etwas Schlecht­es über unsere Schule gehört. Toll sind auch die AGs. Ich zum Beispiel gehe in die Reit-AG.“ Valenti­na B.

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ist freie Jour­nal­istin, lebt und arbeitet in Stuttgart.

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