Schiller in der Schule


Wenn Realschüler Weltlit­er­atur haut­nah erleben, dann kön­nten es Klassen­z­im­mer-Auf­führun­gen sein …

Sibille Helfen­berg­er ist Johan­na von Orleans. Sie ist auch König, Min­is­ter, Rit­ter, Sol­dat, Geliebte und Erzbischof in ein­er Per­son – die Profi-Schaus­pielerin schlüpft in 20 ver­schiedene Rollen, um ihrem Pub­likum „Die Jungfrau von Orleans“ von Friedrich Schiller näher zu brin­gen. 25 Realschüler der Klasse 10 b der Ober­schule 1 im nieder­säch­sis­chen Celle sitzen in ihrem Klassen­raum und schauen Helfen­berg­er in diesem Ein-Frau-Stück mit wach­sen­dem Inter­esse zu.

Am Anfang liest sie den Orig­inal­text Schillers vor, legt dann aber das Textbuch schnell aus der Hand, um in einem atem­ber­auben­den Tem­po und in ein­er Mis­chung aus alter und mod­ern­er Sprache Johan­nas Geschichte vorzus­pie­len. Sie wan­dert durch den Mit­tel­gang der Klasse hin und her, stellt mit Hil­fe von Gemüse und Gum­mi-Häh­nchen einzelne Fig­uren dar, streift sich die Papp­maske von John­ny Depp und Leonar­do DiCaprio zur Verkör­pe­rung von Rit­tern und Sol­dat­en über und kämpft mit Schw­ert und Fahne in der Hand für das Recht von Johan­na, für ihren König in den Krieg zu ziehen. Die Frau des Königs, verkör­pert durch eine Bar­bi­epuppe, kom­men­tiert das so: “Das schickt sich nicht für ein Weib.”

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Sibille Helfen­berg­er

Die Jugendlichen haben das Stück vorher nicht gele­sen, sie wis­sen nur ganz grob, worum es geht. Immer wieder gibt es Gelächter wegen der orig­inellen Darstel­lung einzel­ner Charak­tere, anson­sten ver­fol­gen die Schüler aufmerk­sam die Hand­lung, die eine Schul­stunde – und nicht wie im Orig­i­nal bis zu drei Stun­den – dauert. Danach unter­hal­ten sie sich mit Schaus­pielerin, Regis­seurin und Dra­matur­gin über ihre Ein­drücke. „Der Inhalt ist nach wie vor aktuell. In unser­er Kul­tur wollen viele Eltern immer noch den Part­ner bes­tim­men und trauen den Mäd­chen weniger zu als den Jun­gen”, sagt ein Mäd­chen mit einem Kopf­tuch. „Män­ner haben ja auch meist das größere Durch­set­zungsver­mö­gen”, meint ein Junge. „Die alte Sprache war anfangs unge­wohnt für mich, aber mit der Zeit ging das immer bess­er. Das war eigentlich sehr schön, denn so konzen­tri­ert man sich darauf und kann sich bess­er in die dama­lige Zeit hinein­ver­set­zen”, find­et eine Schü­lerin.

Einige aus der Klasse sind neugierig gewor­den, nach­dem sie erfahren haben, dass die Vor­bere­itung für das Stück nur einen Monat dauerte. „Wie lernt man so viel Text in so kurz­er Zeit und macht das auch noch Spaß?”, will ein Junge von Helfen­berg­er wis­sen. „Was ist Ihre Lieblingsstelle in dem Stück?”, fragt ein Mäd­chen und ist mit der Antwort („Dass Johan­na sich in einen feindlichen Sol­dat­en ver­liebt”) sehr ein­ver­standen. „Was für eine Aus­bil­dung haben Sie, wie wird man Schaus­piel­er?”, lautet eine weit­ere Frage. Als die Schüler erfahren, dass Helfen­berg­er vor der Schaus­pielschule eine Aus­bil­dung zur medi­zinis­chen Assis­tentin gemacht hat, und dass das Abitur keine Voraus­set­zung ist, kann man in eini­gen Gesichtern spür­bares Inter­esse erken­nen.

Früher kon­nte man inten­siv­er mit den Schülern arbeit­en, das Lesen von län­geren Tex­ten ist schwieriger gewor­den”, sagt Deutschlehrerin Ursu­la Jaacks, die seit 1976 unter­richtet. Um so wichtiger seien solche High­lights im Unter­richt wie der Auftritt ein­er Schaus­pielerin – der Kon­takt zu den Schülern sei näher als bei einem The­aterbe­such, die Möglichkeit, anschließend mit den The­ater­ma­ch­ern zu sprechen, schaffe ein größeres Ver­ständ­nis für den Inhalt. Klas­sik­er im Unter­richt – das sind für Ursu­la Jaacks auch „Im  West­en nichts Neues” von Erich Maria Remar­que, „Die ver­lorene Ehre der Katha­ri­na Blum” von Hein­rich Böll, „Musche­lessen” von Bir­git Van­der­beke und „Wasser­far­ben” von Thomas Brus­sig. „Und was kann Besseres durch so ein Klassen­z­im­mer­stück mit einem Stück der Weltlit­er­atur passieren, als den Kids Lust auf einen The­aterbe­such zu machen?”

Foto: Torsten Volk­mer

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schreibt als freier Journalist zu einer Vielzahl von Themen und veröffentlicht u. a. in der Süddeutschen Zeitung.

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2 Kommentare zu “Schiller in der Schule”

  1. Liebe “Mach­er” dieser Seite,
    da ich ger­ade über Kor­rek­turen sitze, kann ich nicht anders ;-):
    “Deutschunter­richt an mit–
    ­tleren Schul­for­men”
    Offen­bar hat der geringe zur Ver­fü­gung ste­hende Platz zu einem Tren­nungs­fehler geführt.

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    • deutsch.klett
      deutsch.klett

      Ja, die Tren­nung kön­nen wir — trotz einge­bauter Zusatz­soft­ware — nicht in allen Browsern hun­dert­prozentig bee­in­flussen. Das schmerzt uns auch. Trotz­dem danke für den Hin­weis.

      Antworten
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