Sprachförderunterricht DaZ: Erst einmal Druck herausnehmen!


In diesen Monat­en find­en sich viele Kol­legIn­nen vor einem höchst het­ero­ge­nen Häufchen Kinder wieder, das sie sehr erwartungsvoll anschaut. Es ist vielle­icht die het­ero­gen­ste Lern­gruppe, die sie je vor sich hat­ten – bezo­gen auf Alter, Herkun­ft, Fam­i­lien­sprache, schulis­che Vor­bil­dung und indi­vidu­elle Leis­tungs­fähigkeit, ganz zu schweigen von eventuellen Trau­ma­ta und son­der­päd­a­gogis­chen Förderbe­dar­fen oder Alpha­betisierungs­be­darf. Manche sprechen vielle­icht schon etwas Deutsch, andere gar nicht.
Zugle­ich beste­ht den DaZ-Förder­lehrkräften gegenüber ein hoher Erwartungs­druck seit­ens der Fachkol­legIn­nen, die diese Kinder in ihrem Unter­richt haben: Die Kinder sollen möglichst schnell ‚mit­machen‘ kön­nen. Und sie sollen bis dahin bitte etwas zu tun bekom­men von der DaZ-Lehrkraft, die vielle­icht nie zuvor DaZ unter­richtet hat.

Was tun? Ein­er­seits ist dies angesichts der Het­ero­gen­ität ein klas­sis­ch­er Fall von inklu­siv­er Päd­a­gogik: Offene Unter­richts­for­men ermöglichen jedem Kind einen Zugang zum gemein­samen Gegen­stand gemäß sein­er Inter­essen, sein­er Lern­präferen­zen und seines Leis­tungs­standes. In koop­er­a­tiv­en bzw. kom­mu­nika­tiv­en Lern­for­men kön­nen sie viel voneinan­der ler­nen – eventuell mit gemein­samen Fam­i­lien­sprachen als Ver­ste­hen­shil­fe.
Ander­er­seits aber sind offene und damit auch etwas unsichere Sit­u­a­tio­nen genau das, was diese Kinder nicht brauchen. Sie sind in einem frem­den Land mit fremder Sprache und Kul­tur, gewohnte Bezugsper­so­n­en und Fre­unde sind vie­len wegge­brochen, manche müssen mit schlim­men Erin­nerun­gen leben. Sie fühlen sich hil­f­los, ver­loren, entwurzelt. Was sie brauchen, ist Zuwen­dung, Ori­en­tierung, Schutzraum und auch das Gefühl der Selb­st­wirk­samkeit und Anerken­nung.
Außer­dem kom­men viele Kinder aus Lern­tra­di­tio­nen, die vornehm­lich Frontalun­ter­richt pfle­gen. Sie sind mit offe­nen Unter­richts­for­men nicht nur über­fordert, son­dern lehnen sie teil­weise sog­ar ab, weil sie und ihre Eltern diese nicht als echt­en Unter­richt anerken­nen.

In dieser Sit­u­a­tion ist für alle Beteiligten (auch für die Lehrkraft) das einzig Richtige, erst ein­mal Druck her­auszunehmen und als Gruppe zusam­men­zufind­en: „In dieser Gruppe sind wir zu Hause, uns verbindet unsere Sit­u­a­tion und gemein­sam kön­nen wir vielle­icht auch ein­mal darüber lachen.“

IMG_4629
Fotoal­bum und Wortschatz-Heft

Eine Möglichkeit, Druck her­auszunehmen und die Gruppe zusam­men­führen, ist ein gemein­samer Foto-Spazier­gang durch die Schule, nach­dem Steck­briefe halb geschrieben und halb gemalt, Namensspiele gespielt und die Stun­den­pläne ver­standen wur­den. Schenken Sie den Kindern vorher ein kleines, leeres DIN A5-Heft auf dem ste­ht: „Meine Schule“. Erk­lären Sie, dass es ein Fotoal­bum wird (wenn möglich auch, dass die Kinder zu jedem Foto etwas schreiben wer­den). Hal­ten Sie bei dem Spazier­gang die Kam­era auf alles, auf das die Kinder zeigen (ggf. auch auf sie selb­st, wenn sie es so möcht­en). Auf diese Weise kann es ein sehr heit­er­er Spazier­gang wer­den. Acht­en Sie darauf, dass alle wichti­gen Orte abgelichtet wer­den. Schenken Sie dann jedem Kind bis zu 10 Fotos mit ver­schiede­nen Orten des Schul­gelän­des. Gemein­sam wer­den diese auf jed­er zweit­en linken Seite des Heftes eingek­lebt. Im kom­menden Hal­b­jahr kön­nen die Kinder nach und nach Texte gemein­sam und als Hausauf­gabe ver­fassen über den Ein­gang, die Sporthalle, den Schul­hof und was man dort jew­eils tut. Nach Über­ar­beitung und Freiga­be über­tra­gen sie diese ordentlich in ihr Album: Ein motivieren­der Anlass für Wortschatzarbeit und für das so wichtige Schreiben und Über­ar­beit­en von Tex­ten, denn auch ältere Kinder zeigen das Album gerne Fre­un­den und Ver­wandten.

Nach einem lock­eren Auf­takt wie diesem sollte jed­er Tag zum Aufwär­men mit einem fröh­lichen oder besinnlichen Rit­u­al begin­nen. In der Grund­schule kön­nen Sie Begrüßungslieder und Bewe­gungsspiele spie­len (Musik, Kun­st und szenis­ches Spiel sind generell wichtige Moti­va­toren und Gedächt­nisanker, die auch sozial zusam­men­führen). Aber auch in älteren Grup­pen sind Rit­uale wichtig, um anzukom­men und um Sicher­heit zu gewin­nen. Der Erzählstein und das kurze Vor­lesen ein­er Fort­set­zungs­geschichte funk­tion­ieren auch hier noch. Wer es eilig hat, kann in dieser Phase auch bere­its Wortschatz aus ver­gan­genen Stun­den wieder­holen lassen, z. B. bei Ket­ten­spie­len nach dem Prinzip des Kof­fer­pack­ens („Ich kaufe ein und ich nehme…“, „Ich öffne den Klei­der­schrank und nehme…“). Eine weit­ere Idee wäre, im Regelun­ter­richt Aus­drücke sam­meln zu lassen, die zu Beginn gek­lärt und ein­er gemein­samen Wortschatz-Samm­lung für die ver­schiede­nen Fäch­er zuge­führt wer­den („Was habt ihr heute für unsere Wortschatzk­iste mit­ge­bracht?“).

Wortschatzk­iste

Generell ist eine kleine (Ideen-)Sammlung an Lern­spie­len wie z. B. Bin­go, Tabu, Kof­fer­pack­en, Pan­tomime, Wer bin ich, Mon­tags­maler … für zwis­chen­durch immer nüt­zlich. Sie lock­ern nicht nur auf: Hier wer­den unbe­wusst und mul­ti­sen­sorisch Sprach­mit­tel vielfach verknüpft und damit gut im men­tal­en Lexikon ver­ankert.

Außer­dem sind unter­richt­sor­gan­isierende Uten­silien, die non­ver­bal Ori­en­tierung bieten oder Feed­back geben, in DaZ-Lern­grup­pen beson­ders wertvoll. Dazu gehören z. B. Sand- oder Stop­puhren, Bilderkärtchen für die Grup­penein­teilung und Stem­pel.

Für ihre indi­vidu­ellen Fra­gen und Mit­teilun­gen brauchen die Kinder unbe­d­ingt ein Wörter­buch, bei Über­forderung ggf. ein Bild­wörter­buch. Der Gefahr, dass sie es über­mäßig nutzen, kann durch klare Regeln begeg­net wer­den (z. B. wenn das Wörter­buch nur in der Erar­beitungsphase des Unter­richts genutzt wer­den darf oder nur, wenn ein grünes Schild hängt).

Nicht zulet­zt ist emo­tion­al natür­lich bedeut­sam, dass die Kinder und Jugendlichen weniger kri­tisiert als vielmehr ermutigt, gelobt und in ihren Kom­pe­ten­zen  gese­hen wer­den (z. B. Fam­i­lien­sprachen, musisch-kün­st­lerische oder sportliche Fähigkeit­en). Um die Sprech­bere­itschaft zu fördern, sollte beim Sprechen nicht die Fehlerko­r­rek­tur im Vorder­grund ste­hen (nur behut­sames kor­rek­tives Feed­back ist erlaubt) und die Schü­lerin­nen und Schüler soll­ten die Inhalte ihrer Äußerun­gen auch im gelenk­ten Sprechen möglichst weit­ge­hend selb­st bes­tim­men (auch wenn dies nicht immer möglich ist).

Inner­halb eines solchen fes­ten stützen­den Rah­mens und mith­il­fe von Mate­ri­alien und Auf­gaben, die Trans­parenz über Lernziele her­stellen und klare Anweisun­gen geben, kön­nen die Schü­lerin­nen und Schüler nach den Phasen 1. des Aktivierens und Struk­turi­erens von Vor­wis­sen sowie 2. der Rezep­tion eines vor­bildlichen Textes zum gemein­samen Ein­stieg in eine neue Unter­richt­sein­heit dann auch Sta­tio­nen­ler­nen oder Lern­szenar­ien bewälti­gen.

Auf jeden Fall ist wichtig: Auch wenn vie­len Kinder erst ein­mal viel Zeit gegeben wer­den muss, um Sprache auss­chließlich rezep­tiv zu erfassen, so sollte der Sprachanteil der Lern­gruppe ins­ge­samt doch in jed­er Stunde möglichst hoch sein. Am Ende jed­er Unter­richt­sein­heit sollte eine Präsen­ta­tion oder jeden­falls ein Pro­dukt ste­hen, in dem jedes Kind anfangs vielle­icht mündlich (und da zunächst eher dial­o­gisch), bald aber möglichst auch schriftlich seinen Lernzie­len entsprechend gehan­delt hat.

Für Sie gilt zu Ihrer Ent­las­tung zudem: Die Fachkol­legIn­nen müssen ver­ste­hen, dass DaZ-Förderun­ter­richt allein nicht zur erfol­gre­ichen Teil­nahme am Fachunter­richt befähi­gen kann, son­dern sie eben­falls in der Ver­ant­wor­tung ste­hen, indem sie grund­sät­zlich sprach­bildend unter­richt­en. Eine SchiLF zum The­ma „sprach­bilden­der Fachunter­richt“ lässt sich sicher­lich durch die Schulleitung organ­isieren. Weit­er­hin kann es helfen, sich mit Lehrkräften aus Nach­barschulen zu ver­net­zen und Unter­richt­sein­heit­en bzw. Arbeits­ma­te­ri­alien auszu­tauschen.

Das Schöne ist: Von DaZ-Lern­grup­pen kommt im Laufe der Zeit viel zurück. Nicht nur wer­den Sie schnell Lern­fortschritte sehen, son­dern viele Kinder sind Ihnen im Nach­hinein für lange Zeit dankbar, dass Sie ihnen als erste Bezugsper­son den Ein­stieg in das neue Leben erle­ichtert haben.

Dr. Ina Bau­mann

print
Dr. Ina Baumann

Koordinatorin der Sprachbildungszentren in Niedersachsen. Zuvor hat sie am Gymnasium Englisch und Deutsch unterrichtet sowie sich am NLQ, in Projekten und in ihrer Promotion im Bereich sprachlicher und interkultureller Bildung engagiert.

alle Beiträge von Dr. Ina Baumann
Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Archiv