Wie Bücher lebendig werden


Der große Glam­our ist vor­bei. Doch trotz des Weg­gangs viel­er Ver­lage gilt Leipzig noch heute als bedeu­tende Buch­stadt Deutsch­lands. Häuser ver­schieden­er Gen­res und Branchen sind seit Jahrzehn­ten fest im Ver­lagswe­sen der Stadt ver­ankert. Die Leipziger Klett-Fil­iale wurde 1990 als erste Zweignieder­las­sung eines west­deutschen Ver­lags in den neuen Bun­deslän­dern gegrün­det. Die Buch­stadt Leipzig lebt noch immer, sie lebt wieder und schon Kinder und Jugendliche sind fest und innig mit ihr ver­bun­den.

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Char­lotte Hiller

Annemarie Strankmüller schreibt seit der vierten Klasse Romane. Ihr erstes Buch ist bald vol­len­det. Dann kann jed­er in sie ein­tauchen, in die hun­derte Seit­en lange Welt „Mis­e­ria“, in der sich Clans bekämpfen und Men­schen Opfer ihrer selb­st wer­den. Oder Lina Märtens: Die 14-Jährige schreibt Kurzgeschicht­en, viele davon sind grafisch liebevoll gestal­tet und als Büch­er gebun­den. Janine Har­nisch set­zt sich ihre Wel­ten nicht aus Buch­staben, son­dern dig­i­tal­en Pin­sel­strichen zusam­men, Josephine Wege dichtet ergreifende Zeilen, Char­lotte Hiller druckt etwas und Moritz Kodytek hat sich neulich auf ein­er 22-Stun­den-Bus­fahrt den Beginn seines Fan­ta­sy-Sci­ence-Fic­tion-Romans über­legt. Sie alle sind jung, sie alle sind kreativ, sie alle glauben an sich. Das ist auch das Ver­di­enst des bekan­nten Leipziger Bleilaus-Ver­lags.

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Lei­t­erin des Bleilaus-Ver­lags: Susann Hoch

Das Kinder- und Jugend­ver­lagspro­jekt des soziokul­turellen Zen­trums Haus Ste­in­straße bietet ihnen ein­mal wöchentlich eine Heimat, ein Ate­lier zum Schreiben, Aus­tauschen und Gestal­ten, zum Druck­en und Set­zen, zum Pro­duzieren und Innehal­ten. „Für Kinder ist es wichtig, Pro­jek­te umzuset­zen“, sagt Susann Hoch, die Lei­t­erin des Bleilaus-Ver­lags. Eine Idee sei das eine, diese zu real­isieren das andere. „Diesen Prozess zu durch­laufen, ihn durchzuhal­ten, die Durst­streck­en zu über­winden und die Mühen der Ebene zu passieren – das ist die große Her­aus­forderung. Ich möchte Kindern Lust machen, ihre Ideen umzuset­zen und zu exper­i­men­tieren.“

Das ist der Grafik­erin und Buchgestal­terin in der Bleilaus-Jugend­gruppe gelun­gen. Viele sind schon in der vierten Klasse gekom­men, durch Schul­pro­jek­te oder Fre­unde. Jet­zt ste­hen sie vor dem Abitur. „Unser Kurs ist ein einge­spieltes Team“, sagt Lina und ern­tet zus­tim­mendes Nick­en.

Doch kreativ-pro­duk­tives Arbeit­en ist es nicht allein, was die Bleilaus-Ini­tia­tive so erfol­gre­ich macht. „Wir set­zen auf Ver­ant­wor­tung“, erk­lärt Hoch. Die Großen betreuen die Kleinen, begleit­en sie, mod­erieren ihre Lesun­gen. Die Leipziger Buchmesse ist ein alljährlich­er Höhep­unkt. „Jugendliche und auch schon Kinder brauchen das Gefühl, dass sie gebraucht wer­den, helfen kön­nen, nicht über­flüs­sig sind“, erk­lärt Hoch. Sie glaubt, dass der Bezug zur Real­ität – die Boden­haf­tung – ein wichtiges Ele­ment sind. Deswe­gen ist ihr und den anderen Bleilaus-Mitar­beit­ern das Handw­erk­liche so wichtig. „Wenn Kinder ein Pro­dukt mit eige­nen Hän­den fer­ti­gen, sind sie mit diesem auf beson­dere Weise ver­bun­den.“

Ein Fokus des Ver­lags liegt auf der inte­gra­tiv­en Arbeit. „Wir möcht­en den selb­stver­ständlichen Umgang von kör­per­be­hin­derten und nicht behin­derten Kindern fördern“, erk­lärt Hoch. „Wir erleben immer wieder, dass behin­derten Kindern zu wenig zuge­traut wird.“ Oft wür­den sie auf Hän­den von ein­er Sta­tion zur näch­sten gere­icht. „Für sie ist es jedoch wichtig, nor­mal behan­delt zu wer­den und in gesun­den Konkur­ren­zver­hält­nis­sen zu agieren.“ In der Bleilaus-Fil­iale der Leipziger Albert-Schweitzer-Förder­schule kön­nen kör­per­be­hin­derte Schüler deswe­gen erfahren, wie leicht und schön es ist, an Druck­maschi­nen und Buch­binde­pressen trotz Hand­i­caps zu arbeit­en.

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Kreatives Ambi­ente

Alle Ergeb­nisse stapeln sich auf dem Ate­lier­tisch. In ver­schiede­nen For­mat­en mit gedruck­ten Hand- und Com­put­er­schriften sowie Grafiken, per Hand gebun­den und gek­lebt, ist jedes Stück ein Orig­i­nal. In jedem Buch steck­en Herz und Kraft. Nein, Büch­er sind kein star­res Kon­strukt, das fix und fer­tig, unabän­der­bar im Regal auf Käufer wartet. Büch­er sind gestalt­bar, vom Inhalt und ihrer Anmu­tung. „Jedes Buch stellen wir per Hand in ein­er Auflage von zehn bis 30 Exem­plaren her“, erk­lärt Hoch. Doch auch mit Trick­fil­men wird exper­i­men­tiert, mit Comics, mit Tusche und Holz.
Bestellt wer­den kön­nen die Lieb­haber­stücke auf der Web­seite www.haus-steinstrasse.de/bleilaus-verlag – inno­v­a­tive Büch­er made in Leipzig.

Fotos: Klett-Archiv

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arbeitet als Redakteurin in Dresden.

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