Wir suchen Schätze in den Kindern


Mehr Arbeit. Mehr Ein­satz. Nicht mehr Geld. Und trotz­dem kann Mar­i­on Zim­mer nicht aufhören zu lächeln. „Ich will niemals wieder an ein­er anderen Schule unter­richt­en“, sagt die Lehrerin für Deutsch und EWG an der Gemein­schaftss­chule Ober­hausen im Land­kreis Karl­sruhe. Ihre Augen strahlen und es sprudelt, wenn sie die Vorteile ihrer Arbeit aufzählt. „Wir arbeit­en im Team und nicht mehr als Einzelkämpfer. Die Stim­mung im Kol­legium ist wun­der­bar, wir spüren alle ‚good vibra­tions‘, weil wir hin­ter dem ste­hen, was wir tun.“

Das unter­schei­det sich deut­lich von vie­len anderen Schulen. Der Frontalun­ter­richt ist auf ein Min­i­mum reduziert, die Kinder wer­den indi­vidu­ell begleit­et und berat­en. Fach­fremdes Unter­richt­en, wie es die Grund-Haupt- und Werkre­alschullehrerin bish­er kan­nte, gibt es nicht mehr. Noten wer­den nur dann vergeben, wenn die Eltern es wollen. Viel lieber ist es Mar­i­on Zim­mer, wenn sie eine aus­führliche Beurteilung geben kann. „Wir ver­ste­hen uns hier nicht mehr als klas­sis­che Lehrer, son­dern als Lern­be­gleit­er,“ sagt sie und erk­lärt: „Wir suchen Schätze in den Schülern. Herkömm­liche Schulen suchen oft Fehler.“

Wie gut es bei den Schülern ankommt, dass man ihnen etwas zutraut, erk­lärt die 45-Jährige mit ein­er hüb­schen Geschichte. „Unsere Schule gehörte zu den ersten im Land, die Gemein­schaftss­chule wur­den. Die jet­zi­gen Sechser sind stolz darauf, Pio­niere zu sein. Als kür­zlich Tag der offe­nen Tür war, woll­ten sie deshalb unbe­d­ingt für die Besuch­er ihren Unter­richt­sall­t­ag zeigen. Frei­willig – an einem Sam­stag.“

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Lehrerin Mar­i­on Zim­mer mit ihrer Klasse

Dieser All­t­ag war den meis­ten Besuch­ern wohl ziem­lich fremd. Hier wird in Grup­pen­räu­men in kleinen Lern­teams gear­beit­et – oder nebe­nan im Ler­nate­lier konzen­tri­ert für sich. In den Input-Räu­men spricht der Lehrer oder die Schüler präsen­tieren ihre Ergeb­nisse. Alle Türen sind offen, alle Räume sind ver­bun­den. Und der Cyber­class­room, in dem Natur­wis­senschaften inter­ak­tiv und in 3D ver­mit­telt wer­den, ist natür­lich ein echter Knaller.

Egal in welchem Raum – jedes Kind arbeit­et auf seinem Niveau, das zu Beginn sein­er Schulzeit in Zusam­me­nar­beit mit den Eltern fest­gestellt wird. Und das in ein- und dem­sel­ben Fach vari­ieren kann. „Ein Schüler schreibt wun­der­bare Auf­sätze, ist aber in Rechtschrei­bung schwach. Dann wird er in diesem Bere­ich beson­ders gefördert.“ Dass hier die Schwachen von den Starken prof­i­tieren – und ander­sherum – ist für Mar­i­on Zim­mer „ein­fach her­rlich zu sehen.“ Die starken Schüler motivieren die schwächeren und prof­i­tieren selb­st, wenn sie erk­lären und so den Stoff ver­tiefen kön­nen.

Trau­rig find­et Mar­i­on Zim­mer nur eins: Dass ihre Söhne schon zu alt sind für die Gemein­schaftss­chule. 14 und 18 sind die Jungs und „sie hat­ten immer Prob­leme mit der Rechtschrei­bung und Panik vor Dik­tat­en“, sagt Mar­i­on Zim­mer. Die Gemein­schaftss­chule hätte hier Angst nehmen und Selb­st­be­wusst­sein stärken kön­nen.
Genau das fehlte Mar­i­on Zim­mer auch in ihrer Schulzeit. „Ich ging sel­ber mit viel Angst in die Schule“, sagt sie. Nicht, weil sie keine Freude am Ler­nen hat­te, son­dern weil der Druck zu groß war. Sie wurde Lehrerin, weil sie etwas anders machen wollte. Und stieß während ihrer Aus­bil­dung an ihre Gren­zen. Zum Glück holte sie der Rek­tor der Ober­hausen­er Schule an seine Ein­rich­tung, in der man schon zu Haupt- und Werkre­alschulzeit­en einen anderen Weg ging. Einen, der jet­zt als Gemein­schaftss­chule kon­se­quent weit­erge­gan­gen wird.

Wir sind auf einem guten Weg,“ sagt Mar­i­on Zim­mer und hofft, dass noch mehr Realschul- und Gym­nasiallehrer an ihre Schule kom­men. Wo sie übri­gens genau so viel ver­di­enen wie an ihren „Stamm­schulen.“ Gut, mehr Arbeit wartet hier auf sie. Aber auch eine Schatz­suche, die sich lohnt.

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Mar­i­on Zim­mer

13 Fra­gen – 13 Antworten: Mar­i­on Zim­mer

1. Was war Ihr let­zter, klein­er Glücksmo­ment?
Ein Tre­f­fen mit mein­er großen Tochter mit anschließen­dem Stadt­bum­mel bei her­rlichem Wet­ter in Hei­del­berg.
2. Mit wem wür­den Sie gern einen Monat tauschen?
Mit nie­man­dem, ich bin glück­lich wo ich bin.
3. Wer war der Held Ihrer Kind­heit?
Das ist zwar pein­lich, aber es war defin­i­tiv Win­netou. (lacht)
4. Wer ist es heute?
Kleine, große Helden sind meine Inklu­sion­skinder.
Sie beweisen jeden Tag aufs Neue, dass man auch mit
Hand­i­cap glück­lich und aktiv am Leben teil­haben kann.
5. Wem wür­den Sie mit welch­er Begrün­dung einen Orden ver­lei­hen?
Da muss ich keine Sekunde über­legen: Mein­er alten Kol­le­gin Ursel Born. Sie sitzt seit Jahren im Roll­stuhl und unter­richtete bis zu ihrer Pen­sion­ierung mit viel Herz und guter Laune jahrgangs­gemis­chte Klassen. Sie ist und bleibt mein großes Vor­bild.
6. Eine Zeile aus einem Roman, einem Gedicht, einem Lied, die Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht?
„Was wir alleine nicht schaf­fen“ von Xavier Naidoo
7. Was schätzen Sie an Ihren Fre­un­den?
Dass sie immer ein offenes Ohr haben und mich so nehmen, wie ich bin …
8. Was war das Lieblingsessen Ihrer Kind­heit?
Vaters selb­stkreierte Pfan­nen­spezial­itäten
9. Ihre drei Lieblings­büch­er?
J. R. R. Tolkien „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“, Don­na W. Cross „Die Päp­stin“ und Jostein Gaarder „Sofies Welt“.
10. Weshalb haben Sie das let­zte Mal gelacht?
Als heute Mor­gen mein Husky in seinem zer­fet­zten Kör­bchen lag. (lacht)
11. Was war das Wichtig­ste, was Sie in der Schule gel­ernt haben?
Ver­trauen in die Kraft der Kinder
12. Welchem Poli­tik­er wür­den Sie gerne eine Rede schreiben?
Andreas Stoch ist Recht­san­walt und Poli­tik­er der SPD. Er ist seit 1. April 2009 Mit­glied des Land­tages von Baden-Würt­tem­berg und seit dem 23. Jan­u­ar 2013 Kul­tus­min­is­ter in BW.
13. Welche drei Dinge brauchen Sie im Leben?
Meine Fam­i­lie und Fre­unde, Gesund­heit und meine Schule … Sind das vier Dinge? (lacht)

Fotos: pri­vat

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ist freie Jour­nal­istin, lebt und arbeitet in Stuttgart.

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