Ist es wirklich so einfach? – „Das Problem sind die Lehrer“ von Sigrid Wagner


Humorlos, inkompetent und faul. So sieht Sigrid Wagner, selbst ehemals Lehrerin, ihre Kolleginnen und Kollegen. Und zwar nicht nur einzelne. Soll dieses Buch wachrütteln oder als Ventil für den eigenen Frust dienen?

Zwei aufgeschlagene Bücher
© Creativ Collection Verlag GmbH

von Petra Breuer-Küppers

Ich gebe zu, nach den ersten Seiten dieses Buches – und später immer wieder – habe ich mich gefragt: Habe ich es nach über 30 Jahren im Schuldienst nötig, mich so pauschal beschimpfen zu lassen?

Auf den Lehrer kommt es an.

Dieser Aussage (in Anlehnung an Hattie) kann ich mich voll und ganz anschließen. Wir brauchen Lehrer, die selbstbewusst sind, die durch klare Regeln Sicherheit und Werte vermitteln und diese auch vorleben. Auch ganz richtig: Lehrer brauchen Unterstützung, um den vielfältigen Aufgaben gerecht zu werden und dies bei zunehmendem Druck z.B. durch PISA, volle Lehrpläne, immer mehr verhaltens- und lerngestörte Kinder, Inklusion, zunehmende Bürokratie, fordernde und z.T. gewalttätige und klagewütige Eltern.

Was läuft schief?

Folgt man Frau Wagner, sind die allermeisten Lehrer unfähig (sie selbst natürlich ausgeschlossen), demütigen ihre Schüler pausenlos, lassen ihren Frust an ihnen aus, mobben, sind korrupt, faul, sexistisch, machtbesessen, intrigant usw. usw. Und ich muss sagen: Ja, es gibt sie, diese Kollegen, so wie in jedem anderen Beruf auch. Aber, so ergaben kleine Umfragen im Kollegen-, Studierenden- und Elternkreis, nicht in überwiegender Anzahl. Meine Erfahrungen in unterschiedlichen Schulformen zeigen eher: Es gibt eine Vielzahl kinderfreundlicher, engagierter Lehrer, die ihren Unterricht ordentlich vor- und nachbereiten, sich miteinander und mit Kindern, Eltern, Jugendämtern, Sozialarbeitern usw. austauschen, um das Beste für die ihnen anvertrauten Kinder zu erreichen. Lehrern die (alleinige) Schuld zuzuweisen für lebenslange Versagensängste oder falsch geleitete Lebensläufe, wie Frau Wagner es tut, halte ich doch für stark übertrieben.

Die gute Absicht?

In ihrem Buch reiht Sigrid Wagner eine furchtbare Anekdote an die nächste und verallgemeinert sogleich: Dies gelte für (fast) alle Lehrer. Sie rechtfertigt dies damit, dass sie aufrütteln und aufmerksam machen möchte und dabei „muss man manchmal auch polemisch werden“. Manchmal? So liest sich das Buch von vorne bis hinten. Auf mich macht es den Eindruck, als habe jemand, der selbst nie länger als 2–3 Jahre im gleichen System gearbeitet hat, alle Schlechtigkeiten gesammelt, vielleicht verursacht durch eine selektive Wahrnehmung aufgrund eigener schlechter Schulerfahrungen.

Wenn es wirklich die Absicht von Frau Wagner ist aufzurütteln und mit dazu beizutragen, dass wir in Deutschland bessere Lehrer bekommen (und nicht nur Auflage zu machen mit ach so beliebter Lehrerschelte), dann wählt sie aus meiner Sicht den falschen Weg. Ihre z.T. durchaus richtigen Anregungen versteckt sie hinter so viel Polemik, dass man schon sehr genau lesen muss, um sie zu finden. Bei den meisten Lesern dürfte sich festsetzen: Wir haben es ja schon immer gewusst, Lehrer sind halt alles das, was man sich an Negativem denken kann. Kein Wunder, dass viele Lehrer ihren Beruf lieber verschweigen.

Ein attraktiver Arbeitsplatz, Anerkennung und Wertschätzung in der Gesellschaft sollen die neuen und „richtigen“ Lehrer anziehen.

Aber: Ob man mit diesem Buch junge Leute für diesen wunderbaren Beruf begeistern kann? Ich wage es zu bezweifeln. Fazit: Man kann dieses Buch lesen, muss es aber nicht.

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Ein Kommentar zu “Ist es wirklich so einfach? – „Das Problem sind die Lehrer“ von Sigrid Wagner”

  1. P. Riederer

    Danke für die Möglichkeit. Wenn Frau Wagner die KollegInnen so schlimm findet, die Defizite erkennt und beheben kann, gerade weil sie sie erkennt: Frage: Warum zum Teufel engagiert sie sich nicht mehr an den Schaltstellen, im KuMi, in der Ausbildung, geht ins Seminar, an die Uni, in den QUEKS-Prozess, in die Steuergruppe… und wartet, bis an s Ende ihrer (darf man das Karriere nennen? -, um dann eine Ladung Schmutz über den Beruf zu kippen, der ihr viele Jahre lang ein sicheres Plätzchen samt Auskommen und nun eventuell auch noch Pensionsanspruch gesichert hat und sichert?
    Das ist illoyal, unkollegial und destruktiv.
    Wer verändern will, darf nicht oauschal „rummotzen“, sondern muss konkret auch Veränderungsvorschläge machen können. Beckmesser brauchen wir nicht.

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