Die Kraft des Du


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Lehrerin Franziska Maaß

„Lehrer, Mörder und Entführer“, antwortet Finja auf die Frage, wovor man Angst haben kann. Sie guckt ihre Lehrerin treuherzig an, Franziska Maaß lacht, die Schüler ihrer 6. Klasse grinsen und alle wissen: Das war nicht ernst gemeint. Denn an der Georg-Christoph-Lichtenberg Gesamtschule in Göttingen ist fröhliches und selbstständiges Lernen ganz normal. Vor den Lehrern hat man hier ganz bestimmt keine Angst. Zu den Lehrern sagt man du.Das Duzen gehört an der IGS zu einem Konzept, das vor 40 Jahren erarbeitet wurde und bis heute aktuell ist. Dazu gehört: keine Fachleistungsdifferenzierung bis Ende der 10. Klasse, keine Noten bis Ende der 8. Klasse, sondern ausführliche Lernentwicklungsberichte, und kein Sitzenbleiben – stattdessen: Teamarbeit und Freiräume. „Die Entwicklung von sozialer Kompetenz ist ganz wichtig hier“, sagt Deutsch- und Geschichtslehrerin Franziska Maaß. Die Schüler sollen zu starken Persönlichkeiten werden, die selbstbewusst genug sind, Schwächen einzugestehen – mit dem beruhigenden Gefühl, in einem anderen Bereich Stärken zu haben. „Und jeder Schüler kann irgendetwas ganz besonders gut,“ ist Franziska Maaß überzeugt.

Die engagierte 33-Jährige serviert den Lernstoff nicht – sie glaubt fest daran, dass ihn die Kinder sich gegenseitig beibringen. Darauf ist sogar die Architektur der Schule eingestellt. Jeder Jahrgang lebt, lernt und lacht in einem sogenannten Cluster. Hier reihen sich Klassenzimmer, Sonderräume, ein Zimmer mit persönlichem Schreibtisch für jeden der etwa 15 Jahrgangsstufenlehrer um einen freundlich gestalteten Gemeinschaftsraum.

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Schülerinnen und Schüler im Unterricht

In den Klassen, die hier Stammgruppen heißen und von denen einige auch behinderte Schüler aufnehmen, sind die Kids in Tischgruppen aufgeteilt. Sechs Schüler mit unterschiedlichen Talenten arbeiten hier für mindestens ein halbes Jahr zusammen und lernen, was es heißt, sich aufeinander zu verlassen. „In den ersten drei Jahren ist das sehr viel Arbeit. Danach ernten wir die Früchte,“ sagt Franziska Maaß lächelnd. Und wie sieht diese Ernte aus? „Es ist einfach toll zu sehen, wie selbstständig die Schüler arbeiten. Sie helfen sich gegenseitig und schaffen es, ihre Ressourcen so zu nutzen, dass am Ende ein fertiges Produkt herauskommt“, erklärt Franziska Maaß als Schülerin Alina herbeihüpft und Hilfe beim Multiplizieren möchte. „Frag doch bitte jemanden, der besonders gut in Mathe ist“, sagt Franziska Maaß und als Alina sich pfeifend auf den Weg zum Rechen-Ass der Klasse macht, verrät ihre Lehrerin: „Klar könnte ich ihr das erklären. Aber sie soll lernen, sich bei ihren Mitschülern Hilfe zu holen.“

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Arbeit in Tischgruppen

Dass die schwächeren Schüler davon profitieren, ist offensichtlich. „Aber auch für die Guten ist es klasse. Sie lernen, das, was sie verstanden haben, auch sinnvoll weiterzugeben.“
Von der 5. bis zur 10. Klasse bleiben die Kinder in ihren festen Verbänden, eng begleitet von zwei Tutoren. Gefestigt wird die Verbindung Schüler-Lehrer auch durch das verbindliche Du. „Unsere Autorität festigen wir durch das, was wir tun. Die wird durch das Duzen nicht kleiner“, erklärt Franziska Maaß. Als Tutorin kennt sie ihre Pappenheimer genau, weiß, was zu ihnen passt. Klar auch, dass sie sich an den Lehrplan hält. „Aber der erlaubt viele Freiheiten. Und die schöpfen wir hier voll aus.“ Freiheiten bekommen auch die Schüler: Sie entscheiden in freien Arbeits- und Übungsstunden, was sie machen wollen, können Cafeteria, Disco, Billardraum und Kino der Schule nutzen und erleben bei zwei Klassenfahrten im Jahr viel Schönes miteinander.
Einzelkämpfertum ist an der IGS aber nicht nur bei den Schülern tabu. Auch die Lehrer arbeiten intensiv miteinander, tauschen Ideen aus – und nehmen auch die Eltern mit ins Boot. „Erst dachte ich: Diese enge Zusammenarbeit mit den Eltern ist doch gruselig“, sagt Franzika Maaß. Heute weiß sie: „Das klappt super und ist richtig konstruktiv.“ Bei regelmäßigen Treffen, die in den Tischgruppen bei den Kindern zu Hause stattfinden, werden den Eltern Projekte vorgestellt, es darf kritisiert, gefragt, gelobt werden.

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Dienstplan

Dass die IGS mit ihrem Lernkonzept Erfolg hat, zeigen nicht nur Auszeichnungen wie der Deutsche Schulpreis 2011: Die meisten der 1500 Schüler der Schule erreichen das Abitur – egal, mit welcher Bildungsempfehlung sie ihre Karriere an der IGS begannen. Klar, dass die nötige Organisation, das Schreiben der Lernentwicklungsberichte, die Elternabende und Projekte allen viel abverlangen. Aber die Arbeit dort erfüllt auch. Franziska Maaß ist glücklich, hier zu sein. „An einer idealen Schule gäbe es mehr Geld und wir hätten mehr Lehrer“, sagt sie zwar schmunzelnd und denkt dabei an die Kämpfe mit dem Schulamt, die natürlich auch von der IGS ausgetragen werden müssen. „Ansonsten kommt das Konzept hier meinem Ideal von Schule sehr nahe“, ergänzt sie. „Man merkt einfach, dass man den Schülern damit Gutes tut. Was anderes will ich nicht.“

Und was sagen die Kinder dazu?

„Im Vergleich zur Grundschule machen die Lehrer den Unterricht hier viel besser, finde ich. Weil sie einfach viel genauer nach den einzelnen Schülern gucken. Auch das wir die Hausaufgaben in den Arbeits- und Übungsstunden hier an der Schule machen können, ist super. Das Einzige, was doof ist: Unsere Klasse hat beim Mittagessen in der Mensa viel zu wenig Plätze!“
Alina B.
„Ich finde es gut, dass es nicht so viele Fächer gibt. In GR zum Beispiel sind Geschichte, Erdkunde, Politik und Religion zusammengefasst. Später kann man dann auch Clubs wie Fußball, Karate oder Gesellschaftsspiele wählen, das gefällt mir auch. Und die Tischgruppen sind super! Besonders Spaß machen die Tischgruppen-Matches, bei denen die Gruppen gegeneinander antreten, in Englisch zum Beispiel.“
Ben R.
„Ich finde es toll, dass wir hier alle zusammen im Cluster lernen. Auch das gemeinsame Arbeiten in den Tischgruppen finde ich super. Eigentlich gibt es nichts, was mir nicht gefällt. Nur an das Duzen der Lehrer musste ich mich erst gewöhnen. Das war am Anfang richtig schwierig, weil man es aus der Grundschule ja ganz anders kannte.“
Isabell-Aylin B.

Fotos: Reiner Pfisterer

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ist freie Jour­nal­istin, lebt und arbeitet in Stuttgart.

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