Digitaler Deutschunterricht: Was spricht dafür und was dagegen?


Grammatik büffeln wie digitale Nomaden – überall und wie es einem gefällt. Warum sich eine Kölner Realschule einen Deutschunterricht ohne digitale Medien nicht mehr vorstellen kann.

Für den Einsatz digitaler Medien im Deutschunterricht spricht die hohe Motivation bei Schülerinnen und Schülern, weil Medien wie Computer, Laptop, Tablet-PC und Smartphone zu ihrem Alltag gehören. Es motiviert sie, wenn ihre Lehrer diese für den Bildungsprozess nutzen. Zentral für das Lernen mit digitalen Medien ist bei uns die Plattform Moodle. Sie erst ermöglicht es, Unterrichtsinhalte sehr mannigfaltig entlang des Lehrplans einzusetzen und online verfügbar zu machen.

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Andreas Koch

Beispiel Grammatik: Unsere Schüler kommen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zu uns und lernen auch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Der eine Schüler begreift die Deklination etwas schneller, dafür hakt es bei ihm vielleicht bei der Konjugation. Mithilfe von Moodle fällt es uns nun viel leichter, das zu praktizieren, was man Individualisierung des Unterrichts nennt: Nämlich jedem Einzelnen den Stoff zum Lernen, Üben und Erklären aus dem Netz mundgerecht zuzubereiten und anzubieten. Jedes Kind kann bei uns sein individuelles Lernprogramm auf Moodle nutzen.

Es gelingt uns mit Moodle mehr als im analogen Unterricht schwache und starke Lerner zu fördern. Wenn es Probleme mit der Bildung des Genetivs gibt, dann findet man im Lehrbuch oder im Arbeitsheft vielleicht zwei Übungen dazu. Im Internet findet man zu der gleichen Aufgabe Hunderte von Übungen. Das Netz bietet in einem größeren Maße einfache und komplizierte Übungen zu einer speziellen Aufgabe im Deutschunterricht oder zu anderen Fächern an. Das Material, das wir aus dem Web herunterladen, schneiden wir auf unsere Lerngruppen zu und verteilen es über Moodle. Und zwar mit Nutzen für die eigene Lerngruppe sowie mit Nutzen für die Netzgemeinde, sodass nicht nur Lehrer in Köln davon profitieren können, sondern auch Kollegen in Hamburg.

Durch den Einsatz digitaler Medien kommt der Sitzordnung eine geringere Bedeutung zu als im herkömmlichen Unterricht. Denn wir nutzen digitale Medien nicht nur zu Zwecken des Lernens, sondern setzen sie auch für die Kommunikation ein. Die Schüler als Kommunikationspartner müssen nicht mehr unbedingt im Klassenraum nebeneinander sitzen. Sie können auch an unterschiedlichen Orten arbeiten, sodass aus daraus ein ganzer Prozess wird. Das entspricht der Arbeitsweise, die sich in der modernen Berufswelt wiederfindet.

Zur Person: Andreas Koch, 49 Jahre, ist Konrektor und Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politik an der Johannes-Gutenberg-Realschule in Köln-Godorf.

Noch nie war es so leicht, einen knackigen Einstieg in die Deutschstunde zu finden wie heute. Doch das Unterrichten mit digitalen Medien kann auch nervenaufreibend sein. Zwei Lehrerinnen aus Düsseldorf zu Vor- und Nachteilen der Digitalisierung.

Die Motivation der Schüler bekommen wir mit wenig Aufwand, wenn wir mithilfe des Interaktiven Whiteboards (IWB) in den Unterricht einsteigen. Ein Beispiel ist das Thema Werbung in Klasse acht. Über eine digitale Tafel führen wir Werbefilme vor, greifen einzelne Sequenzen heraus und analysieren die Werbesprache mit der Klasse. Die Phase des Inputs dauert je nach Thema zwischen drei und zehn Minuten.

Die Arbeit mit dem IWB mündet dabei nicht zwangsläufig in Frontalunterricht − es hängt davon ab, mit welchem Ziel man es einsetzt. Da das IWB ein interaktives Medium ist, ermöglicht es uns, die Schüler nach vorne ans Whiteboard zu holen, wo sie etwas beitragen können, das aus ihren eigenen Reihen kommt. Das Medium bietet hier eine Vielzahl an Anlässen, um Partner- und Gruppenarbeit in die Wege zu leiten, die dann wieder dazu führt, dass Schüler ihre Ergebnisse motiviert präsentieren. Digitale Medien unterschiedlicher Art eignen sich sehr gut zur Unterstützung freier Vorträge von Schülern. Zum Ende ihrer Schullaufbahn müssen Alle in der Lage sein, eine Power-Point-Präsentation zu erstellen. So werden Medienkompetenzen geübt, die heutzutage allgemein vorausgesetzt werden. Und auch die meisten Eltern legen darauf großen Wert.

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Elina Dimitrova und Gabriele Schmidt

Gegen das Lernen mit digitalen Medien spricht, dass viele Schüler Computer unkritisch nutzen. So bekommen viele Jugendliche, die eine SMS in ihr Smartphone tippen, von vorinstallierten Rechtschreibprogrammen automatisch Vorschläge, wie sie Wörter schreiben sollen. Oft übernehmen sie diese ohne zu hinterfragen, ob die Wörter richtig geschrieben sind. So führen die Programme zu einem falschen Fremd- wie auch Selbstbild, was die Rechtschreibfähigkeiten der Schüler anbelangt.

Ein weiterer Nachteil ist, dass Lehrer immer über genügend Medienkompetenzen verfügen müssen, wenn der Unterricht nicht scheitern soll. Gerade bei Lehrern, die technisch nicht so bewandert sind, besteht die Gefahr, dass sich die Bedienung der digitalen Medien in den Vordergrund schiebt. Da täglich viele neue Lern-Apps auf dem Markt erscheinen, stehen Lehrkräfte noch einmal mehr unter Druck, sich weiterzubilden. Und leider spielt auch die Technik nicht immer mit. Das bedeutet, wir müssen sehr flexibel sein und immer zusätzlich Materialien dabeihaben, um den Unterricht umstricken zu können. An Tagen, wo sich ein Fach an das andere reiht, raubt das einem mitunter die Kraft.

Zur Person: Elina Dimitrova, 42 Jahre, Lehrerin für Naturwissenschaften, Informatik, Mathematik und Deutsch und Gabriele Schmidt, 57 Jahre, Konrektorin und Lehrerin für Deutsch, Erdkunde und Musik. Beide unterrichten an der Justus-von-Liebig-Realschule in Düsseldorf.

Fotos: Arnd Zickgraf

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ist freier Journalist und schreibt viele Artikel rund um das Thema Bildung, u.a. für die Zeit, Spiegel Online und den WDR.

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