Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht nutzen


bunte Papierschnipsel mit dem Wort Danke in mehreren Sprachen
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Das ist die Normalität: Unsere Schülerinnen und Schüler bringen viele Sprachkenntnisse mit – als nichtdeutsche Muttersprachler oder Sprachlerner. Diese Erfahrungen lassen sich besonders im Deutschunterricht gewinnbringend einsetzen.

von Ramona Benkenstein

In der Pause gab es einen Konflikt, es wurde darüber gesprochen und am Ende der Diskussion stand der Satz – Ich entschuldige mich. – in sieben Sprachen an der Tafel. Fragen entstanden, zum Beispiel, warum wir unterschiedliche Buchstaben und Schreibrichtungen verwenden. Das Nachdenken über Sprache mit echten Fragen und neugierigen Gesichtern meiner Lernenden war mir eine Freude.

Diese spontane Entscheidung, über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Sprachen zu reflektieren, bestärkte mich darin, die sprachliche Vielfalt meiner Lerngruppen positiv zu sehen und sie zu nutzen. Denn das Wehklagen über die Heterogenität bringt mich und meine Schülerinnen und Schüler kein Stück weiter.

Ich selbst begab mich dann auf die Suche, lernte ein paar Wörter Arabisch und Persisch zu schreiben, reaktivierte meine Russischkenntnisse und fing an, Kinderbücher auf Englisch zu lesen. Jetzt kann ich besser nachvollziehen, wie manche Schwierigkeiten in den Lernprozessen meiner Schülerinnen und Schüler entstehen und gezielt nach Lösungen suchen. Ich habe auch verstanden, dass es nicht nötig ist, beim verstehenden Lesen jedes Wort nachzuschlagen, sondern dass man häufig den Inhalt über den Textzusammenhang verstehen kann.

Neben dem Verstehen und damit auch besseren Fördern meiner Schülerinnen und Schüler fiel mir ein weiterer Aspekt auf, der durch das Hineindenken in andere Sprachen entstand: Ich habe den Respekt der Lernenden erarbeitet und sie öffnen sich selbst auch in schwierigen Momenten, trauen sich mehr zu. Denn zum einen konnten sie mir zeigen, dass sie auch Fachleute sein können: in ihrer Muttersprache. Zum anderen kann ich sie besser motivieren, eine Hürde zu überwinden, weil ich als ihre Lehrerin selbst über diese Hürde gestiegen bin. Ich kann ihnen glaubhaft vermitteln, dass ich weiß, wie schwer das ist, sich in eine fremde Sprache „hineinzudenken“.

Die Idee, Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht zu nutzen, ist nur eine Möglichkeit, mit der Heterogenität der Schülerinnen und Schüler umzugehen. Die Kenntnisse und Erfahrungen aus ihrer Lebenswirklichkeit einzubeziehen, wäre eine weitere.
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Dr. Ramona Benkenstein

ist Lehrerin für Deutsch, Geschichte, Rhetorik und Informationstechnische Grundbildung und unterrichtet derzeit in Merseburg. Sie ist außerdem Autorin und Expertin für Rhetorik in der Schule sowie aktives Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS).

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