Nicht ohne mein Handy!


Das Märchen vom „Hasen und Igel“ der Brüder Grimm skizziert vielleicht am deutlichsten, wie es um unser Bemühen in der Vermittlung von Medienkompetenz steht: Bis die Medienpädagogik mit klugen Ideen auf technische Entwicklungen reagiert, ist der elektronische Fortschritt mit Kindern und Jugendlichen im Schlepptau längst weitergezogen. Die Dinge verändern sich einfach zu schnell.

Thematisieren statt verbieten

Ein Beispiel: Früher dachten Eltern, sie könnten mit einem Filterprogramm die Gefahren des Internets von Kindern fernhalten. Heute wird zu Hause einfach der WLAN-Stecker gezogen. Beides ist eine Kapitulation vor der Erziehung. Nun kommt noch eine weitere Schwierigkeit hinzu: Das Smartphone ist das neue Handy und hat auch in die Klassenzimmer längst Einzug gehalten. Und wie reagieren die Schulen? Mit harschen Verboten – eine Vermittlung von Medienkompetenz sieht anders aus. Und die ist dringend nötig, denn Kinder besitzen zwar eine beachtliche Bedienkompetenz, aber sie können manche Dinge nicht einordnen. Darum sollte die Schule das Mobiltelefon zum Thema machen und es mit klugen Ideen im Unterricht einsetzen und zur Vermittlung des Stoffes nutzen.

Schüler einbeziehen

Warum nicht die Klasse selbst vor die Frage stellen, ob das Handy erlaubt oder verboten werden sollte. Einsatz statt Tabuisierung: Wenn die Schülerinnen und Schüler dafür sind, dann müssen sie auch überzeugende Argumente für den Einsatz im Unterricht finden – und sich mit Gegenargumenten auseinandersetzen. Dazu stellen sie zum Beispiel klare Regeln auf (Klingelton aus) und legen fest, wie im Falle eines Verstoßes damit umzugehen sei. Auch einen Zeitrahmen (1–2 Wochen) für das Experiment vereinbaren die Schülerinnen und Schüler in Absprache mit der Lehrerin bzw. dem Lehrer.

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Smartphones & Co. im Kinderzimmer

Sinnvoll ist die Erstellung eines Reglements in schriftlicher oder am besten gleich in multimedialer Form: Also mit Fotos, Videos, Texten und einer ansprechenden Gestaltung, die die Kinder mitnimmt. Dabei wird gleich vermittelt, was mit Fotos geht und was nicht geht, was das Recht am eigenen Bild bedeutet oder wie sich Privatsphäre definieren lässt.

Kosten entstehen hier keine, denn die Schüler besitzen in der Regel das Equipment. Oft verfügen Smartphones über ausgezeichnete Apps zum Bearbeiten von Fotos oder zum Schneiden von Videos. Auch das Texten findet in all seinen Spielformen statt: per Textverarbeitungsprogramm oder mit Messengerdiensten wie SMS und Whatsapp.

Ist das wirklich in der Schule nötig? Ja, denn das Internet findet eben nicht mehr nur am Computer zu Hause stattfindet, sondern immer mehr auf mobilen Geräten.

Webshops in der Hosentasche

Es ist aber noch schlimmer: Die Schüler tragen ja nicht nur das Internet in der Hosentasche, sondern vor allem Shops. Der Kunde kann und soll überall einkaufen. Gratis-Apps gewöhnen Kinder zeitig an das Kaufsystem, denn selbst an kostenlose Apps kommen sie nur, indem ein gewöhnlicher Kaufvorgang durchlaufen wird.

So findet eine frühe Konditionierung statt. Auch die Verlockung von inApp-Käufen mitten in einem Spiel muss dringend thematisiert werden. Gratis-Spiele wie „Clash of Clans“ verdienen mit InApp-Käufen 2,4 Millionen Dollar am Tag (!).

Stressfalle Spiele-Apps

Noch eine Sensibilisierung ist notwendig: Apps stressen. Durch unentwegte Mitteilungen („Komm zurück!“) machen die Spiele Druck und wollen so entscheiden, wann gespielt wird. Darüber hinaus werden nicht nur Kinder von einigen Apps auch ausspioniert. Nur wenn alle darüber Bescheid wissen, können sie im Falle eines Falles reagieren. Das ist Medienkompetenz.

Foto: iStockphoto (JodiJacobson)

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Thomas Feibel

ist führender Journalist in Sachen Kinder und Computer in Deutschland, verfasst Sach- und Kinderbücher, hält Lesungen und Vorträge und initiiert den Softwarepreis TOMMY, der jährlich verliehen wird für die beste Kindersoftware. (Foto: Carlsen Verlag)

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