Wie die Digitalisierung an Schulen gelingt


Das Lessing-Gymnasium Döbeln wurde 2018 als einzige Schule Mitteldeutschlands vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom e.V.) als „Smart School“ ausgezeichnet. Schulleiter Michael Höhme gibt uns Auskunft, wie es dazu kam, was die aktuellen Herausforderungen sind und wie er sich die digitale Zukunft an Sachsens Schulen vorstellt.

Ursula Kührig und Tommy Greim bei der Verleihung des Titels Smart School am 26.06.2018 in Berlin.
© Lessing-Gymnasium Döbeln, Schulleiter Michael Höhme

Herr Höhme, das Lessing-Gymnasium gilt als Schule, die schon viele Jahre Wert auf medienintegrativen Unterricht legt. Wie haben Sie sich bei der Einbeziehung digitaler Medien in Döbeln auf den Weg gemacht?

Am Lessing-Gymnasium wurde die Bedeutung von digitalen Medien und dem Internet früh erkannt. Einer meiner Vorgänger setzte hier Maßstäbe, entwickelte unter der Domain www.lgd.de eine der ersten Schulwebseiten Sachsens. Der frühe Vogel fängt den Wurm. Es gibt deutschlandweit nur wenige Schulen, die eine so prägnante Internetadresse haben, also eine, die mit nur drei sprechenden Buchstaben auskommt: lgd.de – Lessing-Gymnasium Döbeln. Niemand ahnte damals, mit welcher Dynamik der Siegeszug des Internets voranschreiten würde.

Dass medienintegrativer Unterricht an Bedeutung gewinnen wird, war auch vielen Lehrerinnen und Lehrern unserer Schule klar.

So wurden, einer Intention der Lehrplangeneration von 2004 folgend, in Döbeln bspw. im Deutschunterricht schon frühzeitig Filmclips gedreht und am Computer bearbeitet, Hörfunkfeatures aufgenommen, Computerpräsentationen gestaltet und Webseiten entwickelt. Der Wahlgrundkurs „Jüdische Geschichte und Kultur“, ein Eigengewächs des Döbelner Gymnasiums, erarbeitete die Webseite www.judentum-projekt.de. Über viele Schülergenerationen hinweg entstand eines der größten Informationsportale zum Judentum im deutschsprachigen Netz. Die Seite wird täglich von 2.000 bis 3.000 Usern genutzt. Unsere Schülerinnen und Schüler arbeiten nach wie vor engagiert an dieser Webseite, weil sie spüren, dass ihre Arbeit einen konkreten Nutzen für andere Menschen hat. Auszeichnungen, zum Beispiel als „Schule mit Idee“ oder der Lehrerpreis des Bundeswirtschaftsministeriums für das Projekt, motivierten zusätzlich.

Anfangs war der medienintegrative Unterricht von der Arbeit in Computerkabinetten geprägt. Mit der Sanierung von zwei Schulgebäuden von 2010 bis 2015 verbesserte sich die technische Ausstattung und es entstanden neue Möglichkeiten.

Neben etwa 200 Computern besitzt die Schule heute 28 interaktive Tafeln und 42 Tablets.

Aktuell beschäftigen wir uns intensiv mit dem Einsatz von digitalen Endgeräten im Unterricht, wissend, dass das Tablet demnächst Schulbuch, Arbeitsheft, Kopie, Deutsch-Lektüre, Taschenrechner, Wörterbuch usw. ersetzen wird.

Wie haben Sie Ihr Team an Bord geholt? Gab es spezielle Angebote zur Fortbildung?

Die Technik anschaffen, ist ein erster Schritt. Er reicht aber nicht aus. Genauso wichtig ist die Fortbildung des Personals. Jede neu eingestellte Lehrkraft, Referendarinnen und Referendare erhalten noch vor dem eigentlichen Schulstart bei uns eine Einweisung zum Umgang mit den interaktiven Tafeln und zu den Einsatzmöglichkeiten der Tablets. Ansonsten merken wir, dass der Aufbau von Medienkompetenz beim Team auch Zeit braucht und das Motto Learning by doing eine gute Herangehensweise darstellt. Natürlich muss man anfangs Zeit investieren.

Wenn die Lehrerinnen und Lehrer allerdings merken, dass die Technik auch Arbeitserleichterungen mit sich bringt, wächst die Akzeptanz.

Früher war man manchmal schon vor dem Unterricht schweißgebadet. Brennen beim Overheadprojektor noch alle Lampen, wie jongliere ich den Fernsehwagen über die Schwelle des Vorbereitungszimmers, sind Beamer und Notebook ordentlich verkabelt – verdammt, es fehlen die Lautsprecher usw.

Heute betritt man mit einem entspannten Lächeln und einem USB-Stick das Klassenzimmer, fährt die interaktive Tafel hoch und es kann losgehen. Selbst Lehrerinnen und Lehrer, die den Segnungen der neuen Technik skeptisch gegenüberstanden, haben diese Erleichterungen des Alltags überzeugt.

Es ist natürlich ein großer Vorteil, wenn die interaktiven Tafeln in fast allen Unterrichtsräumen verfügbar sind. So kann man als Lehrkraft täglich neue Anwendungsszenarien ausprobieren und bleibt in Übung. Die Lehrerinnen und Lehrer unserer Schule haben im Umgang mit den interaktiven Tafeln schrittweise Kompetenzen aufgebaut. Anfangs haben sie nur den digitalen Stift genutzt und mit ihm ein Tafelbild verfertigt, dann wurden YouTube-Clips und Webseiten einbezogen, später eigens erstellte Präsentationen eingesetzt, man speicherte die Tafelbilder als PDF und schickte sie Schülerinnen und Schülern zu, die erkrankt waren. So gerüstet, wagt man sich irgendwann an die Verknüpfung von Tablets und interaktiven Tafeln.

Nach den Einführungsfortbildungen zum allgemeinen Umgang mit interaktiven Tafeln und Tablets bieten wir noch spezifische Qualifizierungen für Fortgeschrittene an. Sie widmen sich zum Beispiel der Lern- und Kommunikationsplattform Lernsax oder auch verschiedenen fächerspezifischen Apps, die auf unseren Tablets installiert sind. Es ist aus meiner Sicht wichtig, dass die Fortbildung möglichst vor Ort stattfinden. Die Nachhaltigkeit verbessert sich, wenn mit der Technik und Software gearbeitet wird, die dann auch im Unterricht zur Verfügung steht.

Welche besonderen Beispiele für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht gibt es?

Wir haben viele Projekte, die alle auf unserer Schulwebseite zur finden sind. Im Deutschunterricht zum Beispiel führen wir filmanalytische Betrachtungen zu Werbespots oder Theatertrailern mit dem Tablet durch. So gelingen individuelles Arbeiten und differenzierter Unterricht besser, als wenn alle Schülerinnen und Schüler nur auf einen Bildschirm blicken. Mit der App Movie Maker gestalten sie eigene Kurzfilme zur Lyrik der 1920er Jahre, zu Goethes Faust und Herrndorfs Tschick. Eigene Texte werden mit iPage überarbeitet und dann zu einer Literaturzeitung über Shakespeares Hamlet zusammengeführt. In Mathematik stellen unsere Schülerinnen und Schüler Lernvideos her, weil man das Thema Terme und Gleichungen Neuntklässlern besser vermitteln kann, wenn sie als YouTuber arbeiten dürfen.

Und Sie erhielten sogar eine Auszeichnung für ein Projekt mit dem Einsatz digitaler Medien.

Genau. Im Rahmen von „Ideen bewegen – der Wettbewerb zur digitalen Schule“ errangen wir mit einem GPS-Projekt (Globale Positionsbestimmungssystem) einen 2. Platz. Die Schülerinnen und Schüler nutzten hier u. a. die App Actionbound und wurden über GPS zu verschiedenen Orten in der Stadt Döbeln geführt. Bei diesem Stadtrundgang mussten sie historische Informationen sammeln, den Wasserverbrauch des Stadtbads anhand des Querschnitts berechnen und mit römischen Zahlen an der ehemaligen Mädchenschule hinter der Döbelner Nikolaikirche arbeiten. Dafür nutzten sie Schreibprogramme, legten ihre Daten in einer Cloud ab, erarbeiteten Präsentationen, schrieben Beiträge für Webseiten und drehten kurze Filme. Unser Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, dass medienintegrativer Unterricht meist auch fächerverbindender Unterricht ist. Bei unserem Projekt eigneten sich die Lernenden Kompetenzen aus den Fächern Geografie, Mathematik, Physik, Informatik, Deutsch, Englisch und Geschichte an.

Preisverleihung beim bundesweiten Wettbewerb der Initiative „Digitale Bildung neu entdecken“ 2016 auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin.
© Lessing-Gymnasium Döbeln, Schulleiter Michael Höhme

Mit einem 2. Platz und einem Warengutschein im Wert von 3.000 Euro für den digitalen Unterricht im Gepäck traten die Lehrerinnen Sylvia Risse und Ursula Kührig sowie der Schüler Philipp Hoffmann und Schülerin Martha Teichert die Heimreise an (v.l.n.r.).

Wie stehen Sie zur Frage, ob private Smartphones oder Tablets an Schulen eingesetzt werden sollten?

Bring your own device ist sicher ein gangbarer Weg, den wir teilweise praktizieren. Schnell tauchen aber auch Probleme auf. Der Jugendschutz macht die Einbindung der Geräte ins W-LAN-Netz der Schule zwingend. Schafft das Netz den Zugriff von 800 Smartphones oder Tablets? Wie gewährleisten die Lehrenden die Vermittlung eines einheitlichen Lernweges, wenn man mit unterschiedlichsten digitalen Endgeräten konfrontiert ist?

Mein Haupteinwand gegen bring your own device macht sich allerdings an der Bildungsgerechtigkeit fest. Es wäre für mich nur schwer hinnehmbar, wenn einzelne Schülerinnen und Schüler vor teuren Tablets sitzen und sich andere mit Geräten behelfen müssen, die nur eine eingeschränkte Funktionalität haben. Schule muss soziale Unterschiede ausgleichen, jeder muss dieselben Chancen haben. Das kann nur bedeuten, dass die Schule im Zweifelsfalle digitale Endgeräte zur Verfügung stellen muss. Das wird teuer, ich weiß. Aber aus meiner Sicht führt hieran kein Weg vorbei.

Wie schaffen Sie es eigentlich, beim gegenwärtigen Lehrermangel das Thema „Digitalisierung in der Schule“ voranzutreiben?

Das ist natürlich nicht leicht, auch die Gymnasien sind keine Inseln der Glücksseligkeit mehr. Umso wichtiger ist es, dass Projekte zu und mit digitalen Medien A-Priorität erhalten. Hier sind die Schulleitungen gefordert. Lob und Anerkennung für engagierte Lehrerinnen und Lehrer sind wichtig, aber auch ein klares Forderungsverhalten.

Wenn die Technik vorhanden ist, muss sie genutzt werden. Damit das möglich wird, muss man sich weiterbilden.

Jammern und der ewige Verweis auf eine unzureichende Ausstattung sind übrigens keine gute Strategie. Unsere ersten Tablets haben wir uns von Preisgeldern gekauft, die wir für Projekte erhalten haben, die mit Leihgeräten durchgeführt wurden. Derzeit reformieren wir die Struktur unseres Profilunterrichts und entwickeln ein Medienprofil. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass die Implementierung von digitalen Medien in den Fachunterricht zu langsam voranschreitet und wir auch große Defizite bei Kindern und Jugendlichen im Umgang mit digitalen Medien feststellen. Die Lernenden sollen bei uns über drei Schuljahre hinweg in jeweils zwei Doppelstunden wöchentlich lernen, ihr eigenes Mediennutzungsverhalten kritisch zu hinterfragen und sie sollen sich den kompetenten Umgang mit und die Produktion von Medien aneignen.

Kurzum: Irgendetwas geht immer. Man sollte nicht warten, bis ein roter Teppich ausgerollt wird, sondern sich auf den Weg machen.

Praxistaugliche Lerntools zur Rechtschreibung oder zu verschiedenen Rechenoperationen existieren bereits und warten auf ihren Einsatz. Im nächsten Schuljahr wollen wir mit dem Klett Verlag das Rechtschreibprojekt flipped classroom der Lehrwerksreihe Deutsch kompetent erproben. Wir wissen, dass mit ihm viel individueller geübt werden könnte, als das eine Lehrkraft veranlassen kann, die mit 28 lebhaften Sechstklässlern konfrontiert ist. Leider machen wir im Moment noch nichts aus dieser Erkenntnis.

Ansonsten plagen wir uns viel zu häufig mit juristischen Bedenken, statt pragmatische Lösungen anzustreben. Das wurde mir wieder bewusst, als ich kürzlich mit dem Schulleiter unserer tschechischen Partnerschule sprach. Wir kamen auf die Frage, wie man Eltern gegenüber Notentransparenz herstellt. Ich erzählte ihm vom deutschen Brauchtum – von Lehrerinnen und Lehrern, die Unterschriften unter Klassenarbeiten kontrollieren, Telefonate führen, um über Versetzungsgefahr zu informieren, über Notenbücher, die parallel zur Notenübersicht im Lehrerkalender geführt werden und über Karteikarten mit den Noten, die Eltern kleiner Klassen noch als besonderen Service des Klassenlehrers mehrfach im Jahr ausgefüllt bekommen. Mein Kollege aus Ústí nad Labem hatte nur ein mitleidiges Lächeln. In Tschechien ist eine Datenbank online, hier tragen die Lehrerinnen und Lehrer die Noten ein und per Passwort können sich die Eltern jederzeit informieren. Ende der Durchsage!

Vielen Dank für die spannenden Einblicke Herr Höhme. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg für die Digitalisierung an Ihrer Schule!

Hier finden Sie alle Links im Überblick. 

Schülerprojekte

http://gpsprojekt.de

http://www.judentum-projekt.de

Berichte zur digitalen Bildung am Lessing-Gymnasium  

http://www.lgd.de/profil/projekt/index.html

Landesweite Konferenz zur digitalen Bildung mit Bericht im Muldental TV

http://www.lgd.de/news/september/0109-landesweite-konferenz-zur-digitalen-bildung.html


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