Filmtipp „Wunder“ – wir können lernen, anders zu sehen


Da ist sie nun, die Verfilmung von Raquel J. Palacios wundervollem Buch „Wunder“, das seit 2012 viele Herzen und vielfach auch Klassenzimmer erobert hat. „Will man das aber sehen?“, fragte sich Carsten Morsch vor dem Kinobesuch mit seiner 8. Klasse.

Von Carsten Morsch

Buchcover "Palacio: Wunder"
Raquel J. Palacio, Wunder, übersetzt aus dem Englischen von André Mumot,© Carl Hanser Verlag, München 2013

Ja – natürlich kann man hier die üblichen Überlegungen zu Literaturverfilmungen wiederholen. Und tatsächlich stellt sich das Problem der Visualisierung radikaler, wenn es bei der Geschichte von August Pullman um einen Protagonisten geht, dessen Gesicht derart entstellt ist, dass wir es uns dem Buch zufolge nicht vorstellen können – „es ist schlimmer“. Wie soll ein US-amerikanischer feel-good Familienfilm das zeigen?

Klar, viel ‚harmloser‘ als sich das der Leser gedacht hat. Der Vorwurf kommerzieller Eigenlogik träfe aber nicht und geriete eher zum Bumerang. Als Auggie den Astronautenhelm abnimmt, unter dem er sich verborgen hat, wird Stephen Chboskys Film kurz selbstreflexiv, er wendet sich ans Publikum: ‚Es ist okay, ich zeig es euch, wenn ihr mich auch anstarren wollt.‘

Dem Zuschauer wird klar, dass es um den Grad der Abweichung gar nicht geht. Die facial differences können eben für die Eigentümlichkeiten stehen, die alle haben. Und die Sorge der Eltern, wenn Auggie nun zur 5. Klasse erstmals in eine normale Schule gehen soll, ist eine allge­meine: Wie geht dieses System und wie gehen die anderen mit unserem besonderen Kind um?

Das ist im Film so stark wie im Buch: Fragen und Probleme von Heranwachsenden, Familie, Freunde und Schule werden differenziert, mühelos und multiperspektivisch aufgegriffen. Ich habe den Roman mit meiner Klasse in der 6. gelesen und war jetzt mit ihnen in der 8. im Kino. Sie interessieren sich nun vielleicht eher für Auggies Schwester Via. Auch das funktioniert. – Vieles, was im Roman nur angedeutet wird, erscheint auf der Leinwand deutlicher.

Es gibt eine Szene, die eigens für Lehrer gemacht scheint. Bei der Schulleitung sprechen die Eltern von Julian vor, einem Schüler, der nur zu Erwachsenen nett ist. Die Mutter hat Auggie vom Klassenfoto gephotoshoppt, der Vater hat „Freunde bei der Schulbehörde“. Der Direktor stellt lapidar fest, dass er mehr Freunde habe … und dass Auggie sein Aussehen nicht, aber wir die Art verändern können, wie wir sehen.

Wenn Sie die Zeit und die Schülerinnen und Schüler dazu haben, lesen Sie den Roman im Unterricht. Ein Filmbesuch lohnt sich jedoch in jedem Fall! Hier geht es zum Trailer.

Unterrichtstipp: deutsch.kombi plus für Klasse 5 übt das Anwenden von Lesetechniken mithilfe eines Textausschnittes aus „Wunder“. Nutzen Sie Kapitel „Was ist normal?“ auf S. 48 und trainieren Sie das Hörverstehen mithilfe des Hörtextes und den passenden Arbeitsblättern mit Fragen zum Text.
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Carsten Morsch ist Lehrer für Deutsch, Geschichte und Globales Lernen am Christlichen Spalatin-Gymnasium in Altenburg.

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