Diktate. „Dinosaurier“ aus einer Didaktik vor unserer Zeit


Hand mit Megafon vor einer Tafel, gemalte Buchstaben aus Megafon
iStockphoto (selimaksan)

Diktate frustrieren und demotivieren viele Schülerinnen und Schüler. Ein Plädoyer für einen längst überfälligen Abschied und ein Umdenken.

von Dr. Ramona Benkenstein

Beim Blättern in den Katalogen der Schulbuchverlage fiel mir erst kürzlich wieder auf, dass (Hör-)Diktate als Leistungsmessungen noch immer nicht ausgestorben sind und sogar mit Materialien unterstützt werden. Kein Wunder, werden sie doch in einigen Bundesländern als Teil der Leistungsmessung ausdrücklich zugelassen. Dabei gab und gibt es in der Deutschdidaktik zahlreiche Ideen und Argumente, diese Praxis zu ändern! In anderen Bundesländern sind sie deshalb als Klassenarbeiten sogar untersagt.

Natürlich sollen wir im Deutschunterricht die Rechtschreibkompetenz ausbilden. Doch dazu gehört eben bei den Lernenden mehr als ein gehörtes Wort richtig aufzuschreiben. Vielmehr sollen Strategien und deren Anwendung in unterschiedlichen Kontexten ausgebildet und darüber gesprochen werden. Ebenso ist das Nachschlagen eines unbekannten Wortes Bestandteil der Rechtschreibkompetenz. Nicht zuletzt muss der Wert des richtigen Schreibens wieder beim Lernenden ankommen. Das gelingt nicht durch Diktate und den dort aufgebauten Frust.

In der Realität suche ich mir ein anderes Wort, wenn ich das Gemeinte nicht richtig schreiben kann, oder ich nehme ein Nachschlagewerk. Beides geht im Diktat nicht! Im echten Leben hängt meine Rechtschreibleistung nicht davon ab, ob die Lehrerin deutlich gesprochen hat, meine Konzentration auf das Geäußerte stark genug war oder mein Hörvermögen insgesamt problematisch ist. Hördiktate haben es in unseren heterogenen Klassen verdient, endlich auszusterben. Denn wir haben andere Methoden, um die Rechtschreibkompetenz zu üben und abzufragen – zum Beispiel:

  • Großschreibung: Die Lernenden überarbeiten einen Text, in dem alle Wörter klein (!) geschrieben sind. Sie müssen diese groß schreiben, die nach den gelernten Regeln groß sein müssen. Hierbei wird das im Unterricht zuvor thematisierte Regelwissen zur Großschreibung geübt oder abgefragt.
  • Dosen-, Lauf-, Lupen-, Lückendiktate: Hierbei lesen die Lernenden einen Teil des Textes, merken sich die Schreibweise und verschriftlichen im Anschluss den Textabschnitt. Der Vorteil hierbei ist, dass sowohl die Zeit als auch die Anzahl des Lesens oder Hörens der Lernende selbst bestimmt. Demnach ist das Üben und Abfragen der Rechtschreibkompetenz individualisierter möglich.
  • Wörterbuchdiktat: Diese Alternative zum Hördiktat zielt auf den Teil der Rechtschreibkompetenz ab, der das Nachschlagen unbekannter Wörter beschreibt. Meine Schülerinnen und Schüler mögen hierbei sogar manchmal den Wettbewerbscharakter beim Finden der Wörter.
Was ist Ihre Meinung? Alternativen zum Hördiktat sind durch ihr hohes Maß an Individualisierung und mehrere Lernkanäle für das Üben der Rechtschreibung zeitgemäß oder eher nicht? Schreiben Sie uns gern in den Kommentaren!

 

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Dr. Ramona Benkenstein

ist Lehrerin für Deutsch, Geschichte, Rhetorik und Informationstechnische Grundbildung und unterrichtet derzeit in Merseburg. Sie ist außerdem Autorin und Expertin für Rhetorik in der Schule sowie aktives Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS).

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2 Kommentare zu “Diktate. „Dinosaurier“ aus einer Didaktik vor unserer Zeit”

  1. Jutta Bedürftig

    Liebe Frau Dr. Benkenstein, endlich!
    Endlich finde ich meine Überlegungen und praktischen Übungen deutlich aufgeführt. Ich war 32 Jahre als Deutschlehrerin in allen Klassenstufen der Sek I und II tätig, seit 13 Jahren bin ich im Ruhestand. Ich habe sehr früh schon auf Prüfdiktate verzichtet – mit wirklich guten Erfolgen hinsichtlich der Rechtschreibverbesserung neiner SchülerInnen.
    Dass jetzt immer noch von vielen das Diktat als DIE beste Methode propagiert wird – u.a. vom aktuellen Hamburger Schulsenator -, entsetzt mich wirklich.
    Ich hoffe, dass Ihre Hinweise den heutigen KollegInnen Mut machen, es auch ohne Diktate zu probieren und stattdessen verstärkt auf die Arbeit mit dem Wörterbuch setzen, und zwar auch bei Aufsätzen.
    Herzlchen Gruß, Jutta Bedürftig.

    Antworten
  2. pauker99817

    Unumstritten sind die oben aufgeführten Methoden tolle Möglichkeiten, um die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Schüler in Bezug auf die Rechtschreibung individualisiert zu trainieren und abzufragen.

    Allerdings bin ICH nicht der Meinung, dass Hördiktate ganz abgeschafft werden sollen. Ihr Gewicht bei der Notengebung kann ja „relativiert“ werden. Als Bestandteil der Deutschnote gehören Diktate FÜR MICH dazu.

    Die Wirtschaft klagt über sinkendes Niveau der Absolventen – kein Wunder, wenn Schülern immer weniger abverlangt wird und auf Kosten von Qualität und Quantität individualisiert und „nach unten“ gefördert wird. Muss man alles was Frust bereitet abschaffen/umgehen? Oder sollte man es angehen und nach Lösungsstrategien zur Bewältigung suchen?

    Genügt es wirklich zu wissen, wie/wo ich ein Wort finde? Frei nach dem Motto: „ich weiß zwar nicht, wie das Wort geschrieben wird, aber ich kann es googeln“. Wenn man sich ausdrücken möchte, dann sind das Umschreiben und Nachschlagen des Wortes eine ganz andere Kompetenzen, als das WISSEN um die Rechtschreibung. Noch krasser wird dies in den Naturwissenschaften, wo es für Sachverhalte wohldefinierte Wörter gibt. Da kann ich nicht mit Synonymen oder Umschreibungen arbeiten – ich muss wissen, WIE dieses eine Wort geschrieben wird und zusätzlich die Bedeutung genau kennen.
    Auch bei der Programmierung ist der Syntax enorm wichtig und kleinste Fehler in der Schreibweise haben zur Folge, dass der Algorithmus nicht, oder (noch fataler) fehlerhaft funktioniert. Auch dies sollte in Schule vermittelt werden, auch wenn die Mehrheit der Schüler vermutlich mit blockorientierten Sprachen besser an Informatik und Algorithmen herangeführt werden kann. Eine Differenzierung ist nötig, wobei das Schwere nicht ganz gestrichen werden darf.

    Das kleine 1×1 hat man im Fach Mathematik zu lernen. Gute und sehr gute Schüler kennen die Quadratzahlen bis 20 auswendig, können gut Kopfrechnen, beherrschen den „Dreisatz“ und lernen die Umformungsregeln für Gleichungen. Auch dafür gibt es mittlerweile Hilfsmittel: Taschenrechner, CAS, App PhotoMath u.a., die diese „Arbeit“ abnehmen können und alle Schüler „gleich machen“. Ein Grundlagenwissen und –Können ist allerdings nötig, um die höhere Mathematik zu betreiben, oder gar zu verstehen. Leistungsstarke Schüler haben auch ein Recht auf anspruchsvollen Unterricht und Förderung. Oft finden die Lehrer dafür heute kaum noch Zeit und Kraft.

    *Alternativen/Vorschläge*:

    Eine Möglichkeit sehe ich in „gestuften“ Hördiktaten. Diese unterscheiden sich in Umfang, Tempo und Schwierigkeit der vorkommenden Wörter. Somit werden sowohl leistungsstarke, als auch schwächere Schüler gefördert und auf ihrem Niveau gefordert. Das kann man kaum im Klassenverband durchführen, aber gerade die digitalen Hilfsmittel sind hierfür geeignet. In einer APP könnte man das Tempo und den Schwierigkeitsgrad (Umfang & vorkommende Wörter) einstellen. Jeder kann nach seinen Fähigkeiten individuell arbeiten und sich steigern. Die Software erkennt typische Fehler und gibt Feedback über Lernfortschritte. Das entlastet die Lehrkraft und man kann sich in Ruhe um einzelne Probleme kümmern.

    Ob es eine solche APP bereits gibt, weiß ich leider nicht. Für Mathematik existieren schon viele lernunterstützende, digitale Angebote, die diese Arbeitsweise erlauben.

    Mit meiner Tochter, die eine Förderschule besucht, habe ich über dieses Thema gesprochen. Sie findet Hördiktate gut. Schwächere Schüler bekommen dabei Lückentexte, die auch noch unterschiedlich sind – je nach Lernstand der Schüler. Dies ist eine Kombination der oben genannten Methoden mit dem Hördiktat.

    Fazit: Hördiktate gehören für mich NICHT ABGESCHAFFT, sondern „angepasst“.

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