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BookTok – Lesehype auf Social Media

Das Phänomen BookTok ist überall. Es gibt eigens dafür ausgestellte Bestseller-Listen, BookTok-Aufsteller in Buchhandlungen und BookTok-Treffen auf den Buchmessen. Aber was hat es damit eigentlich auf sich? Dieser Beitrag ist der Auftakt zu einer neuen Blogreihe, in der wir dieser und weiteren Fragen rund um BookTok nachgehen wollen.

Vom Hashtag zur Community

Was sich heute zu einer florierenden Online-Community entwickelt hat, begann als Hashtag. Unter #BookTok werden seit der Corona-Pandemie auf der Social Media-Plattform TikTok immer mehr Videos rund ums Lesen geteilt. Dabei können die Inhalte der einzelnen Clips stark variieren: Von ausführlichen Buchrezensionen, über das Vorstellen neu erworbener Bücher oder das stolze Präsentieren des eigenen Bücherregals ist alles dabei.

Lesemotivation im digitalen Zeitalter

Um auf BookTok erfolgreich zu sein, ist nicht nur die Qualität der kurzen Clips entscheidend, sondern vor allem die regelmäßige Veröffentlichung – idealerweise täglich. Alles andere geht unter dem Hashtag schnell unter, da er inzwischen mehr als 50 Millionen Videos unter sich versammelt und allein 2024 über 200 Milliarden Aufrufe verzeichnen konnte. (Link zum Beitrag „Ein weiteres Rekordjahr für #BookTok: Über 25 Millionen verkaufte Bücher in 2024 auf TikTok“) Laut TikTok steigen zudem nicht nur die Video- und Aufrufzahlen, sondern auch die Community wächst immer schneller. Auffällig ist dabei, dass BookTok derzeit noch stark von Frauen dominiert wird – sowohl wenn es um die Produktion als auch um den Konsum der Inhalte geht. Die Inhalte werden deshalb zu einem Großteil von Frauen für Frauen gestaltet. Die generelle Zielgruppe der BookTok-Nutzenden erweiterte sich 2024 zudem von hauptsächlich Teenagern und jungen Erwachsenen auf immer mehr 30- bis 39-Jährige, die nun beinahe ein Drittel der BookTok-Buchkäufer*innen stellen. Apropos Kaufen: TikTok gibt außerdem an, dass im vergangenen Jahr allein in Deutschland über 25 Millionen BookTok-Empfehlungen über die (digitalen) Theken der Buchhandlungen gingen.

Das zeigt eindeutig: Lesen als Hobby erlebt an dieser Stelle eine Renaissance. Lesen kann bei jungen, aber auch älteren Menschen eine Vielzahl von Fähigkeiten fördern und bekämpft parallel den von allen Seiten diagnostizierten Abbau der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne. Win-Win also, könnte man meinen. Besonders für die Genres Romance und Fantasy (aber auch die Mischung der beiden: Romantasy) und deren Fans, denn die sind auf BookTok besonders stark gehypt.

Genre und Trope: Lesestoff nach Schema F?

Genau dort setzen allerdings die Schwierigkeiten der BookTok-Dynamik ein. Während bestimmte Genres durch die Decke gehen und ein gehyptes Buch auf das nächste folgt, ist es für andere Genres und Themen ziemlich schwer, sich durchzusetzen und Aufmerksamkeit zu erlangen. Wer nicht aktiv nach BookTok- „Nischen“ (Sachbücher, queere Literatur, teilweise sogar Belletristik) sucht, wird sie kaum finden. Das liegt zum einen an der schieren Masse von Inhalten, wird zum anderen aber auch durch den Algorithmus unterstützt. Dieser misst nach dem Hochladen eines Videos die Interaktion der Zuschauenden: Wird das Video gelikt und/oder kommentiert? Wird es bis zum Ende geschaut und ggf. sogar mit einer anderen Person geteilt? Je nachdem wie hoch die Interaktion mit dem Clip in der ersten Zeit nach dem Veröffentlichen ist, wird er in der Folge an mehr oder weniger Menschen ausgespielt. Für Videos, die auf die Hypes rund um Romance oder Fantasy abzielen, ist es deshalb bedeutend leichter, eine hohe Interaktionsrate zu erhalten.

Eine weitere Vereinheitlichung findet durch die immer populärer werdende Vermarktung durch Tropes statt. Dabei werden Geschichten auf zentrale Plotmuster reduziert. Besonders beliebt: „Enemies to Lovers“, „Just one Bed“ oder „Grumpy x Sunshine“ – oft auch in Verbindung miteinander. Hinter der Kombination dieser Tropes verbirgt sich beispielsweise eine Geschichte, in der die Protagonisten (er meist eher mürrisch, sie freundlich und liebeswert) sich von Feinden zu Liebenden entwickeln. Besonders vorangetrieben wird dieser Prozess durch eine Situation, in der sie dazu gezwungen sind, sich ein Bett zu teilen.

Zwischen Erzählmuster und Rollenklischee

Gerne werden unter dem Tarnmantel gewisser Tropes auch längst überholt geglaubte Geschlechterrollen reproduziert. So gibt es gerade im Romance- Genre immer öfter Protagonisten oder männliche love interests, die als übergriffig beschrieben werden und aus Eifersucht stark in das Leben der Protagonistin eingreifen. Sie erteilen ihr Verbote und entwickeln einen immer stärkeren Beschützerinstinkt – natürlich nur, um sie so vor anderen Männern zu beschützen. Der passende Trope dazu: „Touch her and you die“, der sich dann an andere Männer richtet, mit denen die Protagonistin interagiert. Als Erklärung für dieses besitzergreifende Verhalten der männlichen Figuren wird in den meisten Fällen ein frühes Trauma herangezogen, das in diesem Zuge gleich alle fragwürdigen Handlungen entschuldigen soll – er kann halt nicht anders, er kennt es ja nur so! Die Aufgabe der Protagonistin ist es dann, im Verlauf des Buches zu dem Mann durchzudringen, mit ihm gemeinsam sein Trauma zu verarbeiten und währenddessen immer wieder Rücksicht auf ihn zu nehmen. Selbst wenn das bedeutet, eben nicht die Dinge zu tun, die sie gerne machen würde, sondern sich an seine Regeln zu halten. Diese Reproduktion von Rollenmustern muss auf jeden Fall sehr kritisch betrachtet werden.

Gleichzeitig ist zu betonen, dass nicht alle Tropes grundsätzlich kritisch zu betrachten sind oder negatives Verhalten romantisieren. Viele dieser Erzählmuster bieten einen Wiedererkennungswert für Lesende und erzeugen emotionale Tiefe. Der Trope „Found Family“ erzählt zum Beispiel von einer Gruppe Menschen, die oftmals aus schwierigen Verhältnissen kommen und beieinander Halt und Unterstützung finden, bis sie füreinander (meist am Ende eines Buches) zu einer Art „Ersatzfamilie“ werden. Entscheidend für die Bewertung eines Buches sollte deshalb nicht der Trope an sich sein, sondern seine erzählerische Ausgestaltung.

Kritisch hinschauen – Wie BookTok das Leseverhalten beeinflusst

Durch die Vermarktung über Tropes wissen BookTok-Nutzer*innen dennoch sehr genau, was sie inhaltlich von einem Buch erwarten können. Denn selbst wenn die Erzählweise von Buch zu Buch variieren mag, prägen Tropes die inhaltliche Ausrichtung einer Geschichte. Diese Orientierung erleichtert zwar die gezielte Auswahl des Lesestoffs, führt aber gleichzeitig dazu, dass Geschichten ohne diese Schlagwörter oft gar nicht erst wahrgenommen werden. Inzwischen gibt es ganze Video-Reihen, in denen Creator*innen ausschließlich Bücher mit bestimmten Tropes vorstellen. Kommentare wie „Ich lese gar nichts anderes mehr“ verdeutlichen, wie stark sich das Leseverhalten vieler dadurch angleichen kann.

BookTok zeigt also eindrucksvoll, wie Soziale Medien das Leseverhalten beleben, aber auch beeinflussen können. Deshalb kann es im schulischen Kontext besonders lohnenswert sein, sich mit den vorliegenden Dynamiken auseinanderzusetzen und diese gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern kritisch zu hinterfragen.

Autorin: Alicia Jannsen

Impulse für den Unterricht

Bringen Sie BookTok ins Klassenzimmer!

  • Inwiefern sind die Schülerinnen und Schüler Ihrer Klasse mit BookTok vertraut? Wofür wird BookTok genutzt?
  • Welche Rolle spielt es für die Jungen in der Klasse, dass BookTok bisher eher weiblich geprägt ist? Beeinflusst das ihr Nutzungsverhalten oder nutzen sie andere Wege, um sich zum Beispiel über Buchempfehlungen zu informieren?
  • Welche Chancen und Kritikpunkte sehen Schülerinnen und Schüler in der BookTok-Community?
  • Wie bewerten die Schülerinnen und Schüler die veralteten Geschlechterrollen, die vermehrt wieder in Liebesgeschichten aufgegriffen werden? Wie erklären sie sich den Hype darum und welche Gefahren sehen sie darin?
  • Welche Tropes sind den Schülerinnen und Schüler bekannt und welche sind besonders beliebt? Wie begründen Schülerinnen und Schüler ihre Wahl?
  • Welche Entwicklung können die Schülerinnen und Schüler sich für BookTok in der Zukunft vorstellen?
  • Welches Hobby/welches Thema könnte durch Soziale Medien ebenfalls wieder interessant werden?

Inwiefern sind Sie bereits mit dem Phänomen BookTok in Berührung gekommen? Hat das Thema in Ihrem Unterricht schon einmal eine Rolle gespielt?

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