deutsch-klett.de
Magazin für den Deutschunterricht

KI im Deutschunterricht IV – KI als Schreibassistenz

KI-Chatbots werden von Schülerinnen und Schülern mittlerweile ganz selbstverständlich verwendet, sei es zur Recherche oder zur Erstellung von Texten in Hausaufgaben und Übungen. Problematisch gestaltet sich diese Verwendung, wenn sie unreflektiert geschieht, d.h. wenn das Prompting fehlerhaft ist oder KI-generierte Antworten unreflektiert übernommen werden. Wir stellen in diesem Blogbeitrag eine Variante vor, wie Lernende KI auf dem Weg zum eigenen Schreibprodukt sinnvoll nutzen.

KI-generierte Text – Die Verführung zum Arbeitenlassen

Nicht nur Schüler haben Schwierigkeiten bei ihrer Erstellung von Schreibprodukten. Auch Universitäten haben auf den Umstand reagiert, dass Studierende die Kompetenz zur Erstellung wissenschaftlicher Texte nicht mehr vollumfänglich besitzen. Daher wurden Institutionen, wie etwa die Schreibwerkstatt oder das Schreibzentrum etabliert, um Studierende auf dem Prozess zum wissenschaftlichen Text zu begleiten. Anspruchsvolle Texte zu verfassen, ist ein Anwendungswissen, das man nur durch beständiges Üben herausbilden kann. – Kurzum: Schreiben lernt man nur durch Schreiben.
Verlockend ist es, dass die textgenerierende KI uns seit einigen Jahren einen „Taschenrechner-Moment“ beschert hat. Musste der Mathematiker mit dem Taschenrechner nicht mehr mühsam eigene Berechnungen anstellen, so ermöglicht uns die KI heute, beinahe jede Textgattung mit einem Inhalt unserer Wahl in wenigen Minuten herzustellen. Lernende wollen die Formulierung einer Einleitung, die Ausarbeitung eines Arguments, Übungsaufsätze in den Sprachfächern oder Textzusammenfassungen einfach der KI überlassen – und berauben sich damit einer wichtigen Lernmöglichkeit. Denn nach wie vor gilt: Nur wer ein mathematisches Verständnis hat, kann das Ergebnis des Taschenrechners bewerten und eventuelle Fehler entlarven. Ebenso kann nur, wer selbst schreiben kann, Texte der KI als solche erkennen, verbessern und anpassen.

Vier Varianten der Schreibassistenz für Schüler

Folgende vier Vorschläge sind keine Selbstläufer, sie müssen vielmehr im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern besprochen und geübt werden. Nur so kann ein Bewusstsein für die sinnvolle Nutzung von KI und ihr Potential für das eigene Lernen geschaffen werden.

1. Wie fange ich am besten an? Die Einstiegshilfe

Lernende stehen nicht selten am Beginn von Schreibaufträgen vor einer Barriere: Wie schreibe ich am besten, dass …? Oftmals haben sie inhaltlich gute Gedanken und können diese auch mündlich und daher in Umgangssprache formulieren, bleiben aber bei der Umwandlung ihrer Ideen dann schriftsprachlich stumm. Hier kann die KI helfen, einen Einstieg in den Schreibprozess zu finden. Für den Beginn einer Inhaltszusammenfassung eignete sich beispielsweise folgender Prompt:

„Du bist Schüler der 8. Jahrgangsstufe an einem niedersächsischen Gymnasium. Erstelle die ersten beiden Sätze der Einleitung einer Inhaltsangabe zu Borcherts ‚Nachts schlafen die Ratten doch.‘ Lass die zentralen Aussagen als Lücke stehen, sodass ich selbst ergänzen kann. Gib den Einstieg zum Weiterschreiben in gegliederten Sinnabschnitten in einem Halbsatz vor.“

Bei einer Überprüfung in der kostenlosen Version lieferte ChatGPT folgende Antwort:

Einleitungssätze mit Lücken: In der Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ von Wolfgang Borchert, die nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen ist, geht es um _____________. Der Autor zeigt dabei, wie _____________. Einstieg in die Inhaltsangabe nach Sinnabschnitten: Zu Beginn der Geschichte begegnet der Leser einem Jungen, der allein in den Trümmern sitzt, und …“

Mit diesen Hinweisen könnten Lernende zügig auf sprachlich angemessenem Niveau in den Aufsatz einsteigen. Die Prompt-Erstellung ist aber ein abstrakter Denk- und Planungsvorgang, der von der Lehrkraft entsprechend vorgeben werden kann.

2. Wie sagt man in gutem Deutsch, dass …? Die Formulierungshilfe

Ähnlich gelagert ist auch die Verwendung von Chatbots als Formulierungshilfe. Schüler haben vor allem bei Textsorten, in denen sie eigene Gedanken formulieren müssen (Erzählung, argumentatives Schreiben, Schilderungen, Kommentar und Essay), immer wieder gute und sinnvolle Einfälle, die in der sprachlichen Umsetzung oberflächlich oder ungenau bleiben. Ein Chatbot könnte beauftragt werden, umgangssprachlich formulierten Gedanken in Schriftsprache zu verfassen. Wichtig ist bei dieser Vorgehensweise, im Nachgang genau zu untersuchen, was die KI verändert hat und warum der KI-generierte Textabschnitt besser klingt.

Ein Beispiel:

„Du bist Schüler der 7. Klasse an einem bayerischen Gymnasium. Arbeite folgendes Argument für eine begründete Stellungnahme in Schriftsprache um: Die Sommerferien sollen nicht verkürzt werden, weil die Schüler die Zeit zum chillen brauchen. Wenn man sich nie voll ausruhen kann, ist man in der Schule auch schlecht. Zum Beispiel bin ich nach 1 Woche Herbstferien nie so fit wie nach den Sommerferien.“

Die KI antwortete wie folgt:

„Ein Argument in Schriftsprache könnte so lauten: Die Sommerferien sollten nicht verkürzt werden, da Schülerinnen und Schüler diese Zeit benötigen, um sich umfassend zu erholen. Während des Schuljahres stehen sie oft unter großem Leistungsdruck und nur eine längere unterrichtsfreie Zeit ermöglicht es ihnen, wirklich abzuschalten und neue Energie zu tanken. Eine kurze Pause wie die Herbstferien reicht dafür meist nicht aus – das merke ich auch selbst: Nach einer Woche Herbstferien fühle ich mich bei Weitem nicht so erholt wie nach den langen Sommerferien. Wer sich nie richtig erholen kann, hat es auch schwerer, im Unterricht konzentriert und leistungsfähig zu bleiben.“

Hier ist es wichtig, exemplarisch die Veränderungen in Syntax, Wortwahl und allgemeingültigen Formulierungen mit den Schülern zu besprechen und sie für diese Ausdrucksweise zu sensibilisieren.

3. Ist das gut so? Die Schreibassistenz mit eigenen Prompts

Was rein auf die Formulierung bezogen war, kann mit einem adäquaten Prompt auch zu inhaltlichen Kurskorrekturen führen:

„Du bist Deutschlehrer an einem bayerischen Gymnasium. Eine Schülerin hat in einer Erörterung zur Frage, ob die Sommerferien auf zwei Wochen verkürzt werden sollen, folgendes Argument formuliert: ‚Die Sommerferien sollen nicht verkürzt werden, weil die Schüler die Zeit zum chillen brauchen. Wenn man sich nie voll ausruhen kann, ist man in der Schule auch schlecht. Zum Beispiel bin ich nach 1 Woche Herbstferien nie so fit wie nach den Sommerferien.‘ Gib ihr drei Hinweise, wie sie dieses Argument inhaltlich verbessern könnte. Verzichte auf sprachliche Hinweise.“

Die Antwort lautete:

„Natürlich! Hier sind drei inhaltliche Hinweise, die der Schülerin helfen können, ihr Argument zu verbessern:
1. Allgemeingültigkeit stärken: Begründe, warum eine lange Erholungszeit für alle Schülerinnen und Schüler wichtig ist – nicht nur aus deiner persönlichen Sicht. Du könntest z. B. auf Studien oder allgemeine Erfahrungen eingehen, dass längere Erholungsphasen Stress abbauen und die Konzentrationsfähigkeit fördern.
2. Konkretere Belege anführen: Statt nur das eigene Gefühl zu beschreiben („Ich bin nach einer Woche nicht so fit“), wäre ein stärkeres Argument, wenn du konkrete Beispiele oder Belege nennst – etwa Aussagen von Expertinnen und Experten, Umfragen unter Schülerinnen und Schülern oder schulpsychologische Erkenntnisse.
3. Langzeitwirkung betonen: Zeige auf, welche Folgen eine dauerhafte Verkürzung der Sommerferien langfristig für die Leistungsfähigkeit und Gesundheit von Schülerinnen und Schülern haben könnte, z. B. durch erhöhte Belastung, weniger Motivation oder mehr Krankheitsausfälle.“

Man kann erkennen, dass die KI helfen kann, Argumente inhaltlich überzeugender zu gestalten, hier vor allem durch die Allgemeingültigkeit und die argumentative Verwendung von Autoritäten. Auch das muss reflektiert werden.

4. Wer hilft, wenn niemand da ist? KI-Schreibassistenz als Überarbeitungstool

Ein KI-System, das auf die Überarbeitung von Texten spezialisiert ist, ist DeepL Write. Eigentlich als schnelle Übersetzungssoftware konzipiert, ist DeepL Write mittlerweile auch in der Lage, Texte zu überarbeiten. Man kann, nachdem man den eigenen Text eingegeben hat, unter verschiedenen Schreibstilen (einfach, geschäftlich, akademisch, locker), dem Ton (enthusiastisch, freundlich souverän, diplomatisch) und der Anredeform (informell, formell) auswählen und den eigenen Text entsprechen anpassen lassen. Das Gute daran: Die Änderungen werden alle markiert und auch knapp erläutert, sodass Schüler auch tatsächlich etwas aus der KI-Lösung lernen können.

Zusammenfassend kann der didaktische Kerngedanke hinter der Verwendung von KI-Systemen durch Schüler wie folgt dargestellt werden: Die Schüler müssen lernen, KI als Hilfe zur Selbsthilfe zu verwenden. Die Erstellung von vollständigen Lösungen ist verlockend, bietet aber keinen Lerneffekt. Dennoch mit der KI zu lernen und nicht KI-Lösungen unreflektiert zu übernehmen, verlangt eine Einführung durch die Lehrkraft und gemeinsame Reflexionsdurchgänge, bietet gleichzeitig aber auch die Chance, fachlich für das Fach Deutsch und mediendidaktisch den sinnvollen Umgang mit textgenerierender KI kennenzulernen und zu trainieren.

103 Personen haben sich für diesen Beitrag bedankt.
Danke!

Über den Autor

Peter Günzel

Dr. Peter Günzel, Seminarlehrer (Latein) in Bayern, (Mit-)Autor verschiedener Lehrwerke und (u.a. digitaler) Unterrichtsmaterialien für die Fächer Latein und Deutsch

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und verstanden.

Nach oben