Deutsch lernen in der Auffangklasse


Glauben­skriege im Nahen Osten und Arbeit­slosigkeit in Südeu­ropa führen Scharen von jun­gen Flüchtlin­gen nach Deutsch­land. In inter­na­tionalen Klassen ler­nen sie die deutsche Sprache. Doch das ist noch längst nicht alles, was sie zum Ein­stieg brauchen.

Da sitzt Farid nun an einem reg­ner­ischen Herb­st­tag im Deutschunter­richt der Inter­na­tionalen Förderk­lasse (IFK) des Beruf­skol­legs Ulrep­forte in Köln. Was der 16-Jährige auf sein­er Flucht von Syrien nach Deutsch­land erlebt hat, weiß kein Men­sch. Der Jugendliche kam vor weni­gen Wochen aus der völ­lig zer­störten Stadt Alep­po. Aber er kriegt den Mund nicht auf. Mit offe­nen Augen und Ohren sitzt Farid zwis­chen den Mitschülern. Im Raum riecht es nach alten Holzmö­beln und Bohn­erwachs.

Die anderen Jungs aus der Klasse sind aus Syrien, Libyen, Eritrea, Sier­ra Leone, Eritrea, Afghanistan, dem Irak, Polen und Bul­gar­ien zuge­wan­dert. „In diesem Schul­jahr kommt die Hälfte der Schüler aus Afri­ka, das ist ungewöhn­lich“, find­et Anne Mehler, 50 Jahre, Lehrerin für Deutsch, Poli­tik und Wirtschaft in der Inter­na­tionalen Förderk­lasse. Der bar­barische Vor­marsch des ter­ror­is­tis­chen „Islamis­chen Staats“ sowie Armut in Afri­ka und Südeu­ropa etwa machen Hun­dert­tausende von Men­schen zu Flüchtlin­gen.

Von Jan­u­ar bis August 2015 wur­den allein in Deutsch­land rund 257.000 Asy­lanträge gestellt — in Nor­drhein-West­falen haben bis Juli 2015 mehr als 41.000 Asy­lanträge gestellt. Die meis­ten Asyl­be­wer­ber kom­men aus dem Bürg­erkriegs­land Syrien, gefol­gt von Alban­ien und dem Koso­vo. So kommt es, dass die Inter­na­tionalen Förderk­lassen rest­los aus­ge­bucht sind. In Köln verteilen sich die rund 300 IFK-Schüler auf 15 IFK-Klassen Vol­lzeitk­lassen und zwei Teilzeitk­lassen. Die Mehrheit ist vom Sta­tus her Flüchtling.

Amt, Behörde, For­mu­lar“ – Wörter aus dem All­t­ag der Schüler

Das Niveau der IFK-Klassen ist sehr unter­schiedlich. Bar­bara Hof­mann vom Kom­mu­nalen Inte­gra­tionszen­trum der Stadt Köln weist den Schülern die Plätze in der IFK zu. Sie unter­schei­det bis zu sieben Niveaustufen – mit Ken­nt­nis­sen des lateinis­chen Alpha­bets, ohne Ken­nt­nisse des lateinis­chen Alpha­bets, mit Deutschken­nt­nis­sen, ohne Deutschken­nt­nisse usw. Die Jungs von der IFK im Beruf­skol­leg Ulrep­forte fan­gen, was die Ken­nt­nisse der deutschen Sprache anbe­langt, von ziem­lich weit unten an.

An der Wand hängt ein weißes Poster, das mit „Neue Wörter“ über­schrieben ist. Neue Wörter, die sich die Jugendlichen ein­prä­gen sollen, sind: „das For­mu­lar“, „das Amt“ oder „die Behörde“. Das sind Wörter aus dem All­t­ag der Schüler. Schließlich hat die Mehrheit einen ungesicherten Aufen­thaltssta­tus und die meis­ten leben in Wohn­heimen. Mit dem Amt haben sie häu­fig zu tun, etwa wenn es um den Aufen­thalt­sti­tel geht oder wenn sie pleite sind.

Ich frage nicht nach Kriegser­leb­nis­sen”

Bedin­gung dafür, dass sich die mitunter trau­ma­tisierten Jugendlichen über­haupt auf den Unter­richt konzen­tri­eren kön­nen, ist eine Per­son: Meike Helm, die Sozialpäd­a­gogin. Die Begleitung der jun­gen Leute durch eine Sozialpäd­a­gogin gehört zum Konzept der Inter­na­tionalen Förderk­lasse. „Son­st hät­ten die Schüler den Kopf nicht frei”, erläutert Bar­bara Hof­mann vom Kom­mu­nalen Inte­gra­tionszen­trum.

Die Sozialpäd­a­gogin küm­mert sich um pri­vate, aus­län­der­rechtliche und finanzielle Prob­leme der Schüler. Sie ist zur Stelle, wenn die Schüler Schwierigkeit­en im Wohn­heim bekom­men, wenn sie sich nicht an Regeln hal­ten. Oder sie schal­tet sich ein, wenn es um Woh­nungssuche, Ärg­er mit dem Aus­län­der­amt oder um Dro­gen und Krim­i­nal­ität geht. Anne Mehler konzen­tri­ert sich indes nicht auf die Prob­leme der Schüler, son­dern auf die Möglichkeit­en, die sie haben. So macht die IFK-Lehrerin die nationalen und kul­turellen Hin­ter­gründe der Schüler bewusst zum The­ma des Unter­richts.

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Lehrerin Anne Mehler

Die freuen sich, wenn man sie nach ihrer Heimat fragt und reden gerne darüber“, sagt die Lehrerin. „Wie funk­tion­iert die Kranken­ver­sicherung in deinem Heimat­land? Wie sieht das Fam­i­lien­leben aus?“ – auf solche Fra­gen sprin­gen die Jungs gut an. Mäd­chen gibt es übri­gens in der Klasse nicht. Vor­sichtig tastet sich Anne Mehler allerd­ings bei Fra­gen nach den Umstän­den ihrer Flucht vor. Sie muss sen­si­bel fra­gen, wenn sie sich danach erkundigt, wie die Fam­i­lie etwa nach Deutsch­land gekom­men ist. Es kön­nte näm­lich sein, dass die Fam­i­lie die Ver­fol­gung gar nicht über­lebt hat. „Ich frage nicht nach Kriegser­leb­nis­sen, weil ich das im Unter­richt nicht auf­fan­gen kann“, erk­lärt Anne Mehler.

Gram­matik durch die Hin­tertür“

Anne Mehler hat den Anspruch, die deutsche Sprache ganzheitlich mit dem All­t­ag und dem Leben der Jugendlichen zu verknüpfen – sie will die Schüler „emo­tion­al pack­en” und ihnen zeigen, warum es wichtig ist, in die Schule zu gehen. Dass-Sätze führt sie in Verbindung mit ihren Inter­essen und Beruf­swün­schen der Schüler ein. „Ich wün­sche mir, dass ich einen Aus­bil­dungsplatz als Maler finde“, sagt Mario Gra­hovs­ki, 18 Jahre, den die Armut nach Deutsch­land geführt hat. Das Restau­rant der Eltern kon­nte sich nicht über län­gere Zeit hal­ten. Anne Mehler verbindet Gram­matik mit sein­er Lebenssi­t­u­a­tion als Ler­nen­der. „Gram­matik durch die Hin­tertür“, nen­nt die Lehrerin das. „Wie find­est du es, dass … die Schule um halb acht anfängt?“, fragt sie. Und schon hat sie eine lebendi­ge Diskus­sion über die Vor- und Nachteile des frühen Schul­be­ginns los­ge­treten – auf Deutsch natür­lich. „Gram­matik pur ist lang­weilig“, find­et die Lehrerin.

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Schüler Patryk Fed­er­wicz

Lang­weile empfind­et Patryk Fed­er­wicz im Deutschunter­richt nicht. Der 18-jährige Schüler aus Polen will ein­mal KFZ-Mecha­tron­iker wer­den, den Meis­ter drauf­set­zen und sog­ar eine eigene KFZ-Fir­ma auf­bauen. Er weiß also, wofür er lernt. Aber er musste sich erst an die Diszi­plin in Köln gewöh­nen. In Polen habe er während des Unter­richts mit dem Handy spie­len kön­nen, auf die Ermah­nun­gen der Lehrer habe kein­er gehört. In der Inter­na­tionalen Förderk­lasse sei das anders. Er hat Prob­leme mit den Artikeln, „der“, „die“, „das“. Und nicht nur er.

Wenn Jungs Emo­tio­nen zeigen

Der Artikel ist die erste große Hürde, die die Schüler nehmen müssen”, sagt Anne Mehler. Im Dativ heiße es nicht mehr „die Schule”, son­dern „der Schule”. Das den Schülern begrei­flich zu machen, sei unglaublich schwierig. Auch der Satzbau bere­ite den meis­ten Schülern hier Prob­leme. „Bei vie­len bin ich schon froh, wenn sie ein­fache Haupt­sätze schreiben kön­nen”, so die IFK-Lehrerin. Aber wenn sie etwa den Unter­schied zwis­chen dem Nom­i­na­tiv und dem Dativ begrif­f­en hät­ten, zeigen sie die Freude auch unver­hohlen.

Das Aha-Erleb­nis zeigen die Schüler der IFK emo­tionaler als viele deutsche Schüler”, sagt Anne Mehler. Wenn es allerd­ings mit dem Lern­fortschritt nicht so richtig vor­ange­he, wür­den sie ungeduldig mit sich und manch­mal auch aggres­siv. So ist es fol­gerichtig, dass auf dem Stun­den­plan der Inter­na­tionalen Förderk­lasse don­ner­stags von der siebten bis zur acht­en Stunde Sozialpäd­a­gogik mit Meike Helm ste­ht. Denn Sozialkom­pe­tenz als Fach ist für die Zukun­ft der Jugendlichen eben­so wichtig, wie der Erwerb der der deutschen Sprache oder Fach­be­griffe aus der Welt der KFZ-Mecha­tron­iker und Maler draufzusat­teln.

Inter­na­tionale Förderk­lassen laufen in der Regel ein Jahr. Sie wer­den von Jugendlichen ab 16 Jahren besucht, die der deutschen Sprache kaum mächtig sind. Dort sollen sie ihre Sprachken­nt­nisse üben und ver­tiefen, beru­fliche Grund­ken­nt­nisse erwer­ben und ihre All­ge­mein­bil­dung verbessern. Inter­na­tionale Förderk­lassen führen nicht zu einem Schu­la­b­schluss. Allerd­ings kann auf dem Zeug­nis eine Empfehlung aus­ge­sprochen wer­den, die berechtigt, einen weit­er­führen­den Bil­dungs­gang im Beruf­skol­leg zu besuchen.
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ist freier Journalist und schreibt viele Artikel rund um das Thema Bildung, u.a. für die Zeit, Spiegel Online und den WDR.

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Ein Kommentar zu “Deutsch lernen in der Auffangklasse”

  1. Bernard Delafontaine

    Den meist vork­om­menden Fehler, den unsere Deutschlehrer macht­en, war, daß sie sofort die deutsche Gram­matik erk­lären woll­ten in Sätzen. Das machte alles viel kom­pliziert­er, wie es eigentlich war. Sel­ber hat­te ich eine viel ein­fachere Meth­ode: ich set­zte alle Dek­li­na­tions­for­men nebeneinan­der.
    der die das -e -e -e + Sub­stan­tive (regelmäßige)
    — e — -er-e-es +Sub­stan­tive (regelmäßige)
    usw.
    Am Ende bekam ich ein Über­sicht, mit dem ich zeigen kon­nte wie deutsche Sätze und Wörter­grup­pen funk­tion­ierten.

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