Ich. Du. Inklusion.” Ein ungeschönter und sehenswerter Bericht.


Wie sieht es mit der Inklu­sion an deutschen Schulen aus? Was geschieht eigentlich hin­ter den für viele ver­schlosse­nen Klassen­türen? Der Sozialpäd­a­goge und Filmemach­er Thomas Binn hat  sich diesen Fra­gen angenom­men und den Unter­richt in ein­er Klasse der Geschwis­ter-Devries-Grund­schule im west­fälis­chen Uedem über fast drei Jahre hin­weg mit der Kam­era begleit­et.

 In dem Film “Ich. Du. Inklu­sion.”, der seit dem 04. Mai in deutschen Kinos läuft, wer­den alltägliche Unter­richtsszenen gezeigt und kom­men Päd­a­gogen, Eltern und vor allem die Kinder selb­st zu Wort. Schnell wird dabei klar: Inklu­sion ist unter den gegen­wär­ti­gen Voraus­set­zun­gen kaum leist­bar, und den­noch ein erstrebenswertes gesellschaftlich­es Anliegen.

Binn gelingt es, mit seinem Film ein real­is­tis­ches Bild des Schu­lall­t­ags einz­u­fan­gen. Da gibt es etwa die Szene, in der der Zweitk­lässler Andreas über seinem Arbeits­blatt brütet — aus­gerech­net lesen soll er, wo das doch sein Förder­schw­er­punkt ist. Seine Lehrerin Hel­ga Hess hat neben ihm Platz genom­men und ver­sucht ihm zu helfen, während sie gle­ichzeit­ig bemüht ist, den eben­so drän­gen­den Anliegen der anderen Schü­lerin­nen und Schüler zu begeg­nen. Fachkundi­ge Unter­stützung von ein­er Sozialpäd­a­gogin erhält die Lehrerin nur an max­i­mal sieben Stun­den in der Woche, den Rest der Unter­richt­szeit muss sie alleine zurechtkom­men. Die über­aus engagierte Lehrerin ver­heim­licht gegenüber Binn nicht, dass sie dadurch an ihre Gren­zen stößt: “Selb­st mit allem Dif­feren­zieren und aller Hingabe und Liebe und allem, was man ver­sucht: Wir kön­nen die Kinder nicht opti­mal fördern”. Das merken auch die Schü­lerin­nen und Schüler: “Frau Hess, die will sich um alle küm­mern, aber die kann das gar nicht schaf­fen”.

Die Ursachen für das gegen­wär­tige Scheit­ern wer­den von den Betrof­fe­nen im Film deut­lich benan­nt: Nach der Rat­i­fizierung der UN-Behin­derten­recht­skon­ven­tion im Jahr 2009 wären seit­ens der ver­ant­wortlichen Poli­tik viel zu spät Maß­nah­men ergrif­f­en wor­den, außer­dem zu wenig investiert und die Zusam­me­nar­beit zwis­chen den einzel­nen Parteien, seien es Behör­den, Eltern oder auch medi­zinis­che Gutachter, ver­liefe nicht rei­bungs­los. Wohin das führt, kann der Zuschauer sehen, wenn eine Mut­ter sich durch unzäh­lige Vorschriften und For­mu­la­re kämpft und nüchtern bemerkt, dass, ehe der Antrag auf eine Inte­gra­tionskraft für ihren Sohn bei den zuständi­gen Behör­den bear­beit­et würde, ver­mut­lich ein halbes Jahr ver­gan­gen sein wird. Oder wenn Andreas Eltern und seine Lehrerin eine nieder­schmetternde Diag­nose von Ärzten hin­nehmen müssen, die den Jun­gen ger­ade ein­mal eine Woche unter­sucht haben, obwohl sie selb­st ihn doch seit Monat­en und Jahren beobacht­en und wertvolle Infor­ma­tio­nen hät­ten beitra­gen kön­nen.

Doch auch das Poten­tial, welch­es in ein­er gemein­samen Beschu­lung steckt, wird im Film deut­lich. In mehreren Tre­f­fen erar­beit­en die Schü­lerin­nen und Schüler der Klasse ein The­ater­stück und erken­nen ein­hel­lig “Ich bin anders — du auch!” und “Gemein­sam ist man stark.”. Dass sie diese Botschaften wirk­lich verin­ner­licht haben, nimmt man ihnen ohne Zweifel ab.

Faz­it: Der Film liefert einen ungeschön­ten Zwis­chen­bericht über den Zus­tand der Inklu­sion in Deutsch­land. Ger­ade, weil er die vie­len Schwierigkeit­en bei der Umset­zung des Bil­dungsideals offen­bart, ist er sehenswert und erre­icht hof­fentlich nicht nur diejeni­gen, die von dem The­ma ohne­hin betrof­fen sind. Schließlich geht es um die Zukun­ft unser­er Kinder — und die geht alle an!

Bild: mind­jazz

Zur Home­page des Filmes

Zum Inter­view mit Filmemach­er Binn (spiegel online)

print
Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Archiv