Mit dem Tastsinn lernen: Schulbücher für Sehbehinderte und Blinde


Computer mit Braille-Zeile
Die Braillezeile ähnelt ein­er gewöhn­lichen Com­put­er-Tas­tatur. (Foto © Michael Schäf­fler, Ilvesheim)

Am 4. Jan­u­ar ist Welt-Braille-Tag! Haben Sie gewusst, dass beim Ern­st Klett Ver­lag für die Tran­skrip­tion in Braille-Schrift jährlich rund 600 Titel ange­fragt wer­den?

In ein­er Welt des Sehens haben es sehbe­hin­derte und blinde Schüler schw­er, ihren sen­sorischen Bedürfnis­sen gemäß zu ler­nen. Hil­fe bieten da Unter­richtswerke, die in Blind­en­schrift, der soge­nan­nten Brailleschrift, ver­fasst wer­den. Der Fran­zose Louis Braille gilt als Erfind­er dieser Blind­en­schrift. Er hat sie im 19. Jahrhun­dert entwick­elt. Heute ist sie weltweit ver­bre­it­et. Die klas­sis­che Brailleschrift basiert auf einem 6-Punk­te-Sys­tem, mit dem Buch­staben, Satzze­ichen, Sym­bole, Zahlen und math­e­ma­tis­che Zeichen als Punk­t­muster dargestellt wer­den. Diese wer­den von hin­ten ins Papier geprägt. Blinde tas­ten die erhabenen Punk­t­muster mit den Fin­ger­spitzen ab und kön­nen dadurch Tex­te und Bücher lesen.

Übertragung in Brailleschrift

Ein Rah­men­ver­trag, der zwis­chen den Kul­tus­min­is­te­rien und dem Ver­band der Schul­buchver­lage beste­ht, sorgt dafür, dass in speziel­len Medien­zen­tren Schul­bücher und Arbeits­ma­te­ri­alien in Brailleschrift umge­wan­delt wer­den. Ein sehr aufwendi­ger Vor­gang, wie Michael Schäf­fler von der Schloss-Schule Ilvesheim in Baden-Würt­tem­berg beschreibt. Schäf­fler ist im dor­ti­gen Medi­en­ber­atungszen­trum tätig und kon­vertiert mit seinen Kol­le­gen unter anderem Schul­bücher in bar­ri­ere­freies Lern- und Lehr­ma­te­ri­al um. „Dabei sind die größten Hür­den Fotos, Grafiken und Tabel­len. Die ver­suchen wir in Textform zu brin­gen“, erk­lärt Michael Schäf­fler die Vorge­hensweise. „Allerd­ings müssen wir gut abwä­gen, wie genau und in welchem Umfang wir beispiel­sweise Grafiken beschreiben. Denn der sehen­de Schüler erfasst auf den ersten Blick, worum es geht, wohinge­gen der blinde Schüler bei ein­er zu detail­re­ichen Beschrei­bung vielle­icht schon zwei Minuten braucht, um sich den Text durchzule­sen. Dann hängt er natür­lich im Unter­richts­geschehen hin­ter­her.“

Arbeiten am Computer mithilfe der Braillezeile

Car­la ist eine von geschätzt 14.000 Schülern in Deutsch­land (Quelle: Deutscher Blind­en- und Sehbe­hin­derten­ver­band), die Bücher in Brailleschrift nutzen. Sie besucht in Ilvesheim die siebte Klasse der Realschule und arbeit­et am lieb­sten am PC. Bere­its in der Grund­schule hat sie das 8-Punk­te-Braille erlernt. Das hat mehr Zeichen als das 6-Punk­te-Braille zur Ver­fü­gung und wur­de speziell für den Com­put­er entwick­elt. Die an den PC angeschlossene Braillezeile, die optis­ch ein­er Tas­tatur ähnelt, überträgt Tex­te in Brailleschrift und ermöglicht so blind­en Men­schen die Arbeit am PC. „Für Blinde ist das ziem­lich wichtig, aber auch für Lehrer“, meint Car­la. „Denn der Com­put­er hat ja auch immer noch einen Bild­schirm. So kön­nen die Lehrer schneller überblick­en, was wir machen.“ Dem kann Luisa Kram­mer, die an der Schloss-Schule Ilvesheim Deutsch und Geografie unter­richtet, nur zus­tim­men: „Für uns Lehrer ist es so, dass wir natür­lich Brailleschrift lesen kön­nen, allerd­ings lese ich Braille von der Geschwindigkeit her wie ein guter Grund­schüler – bei weit­em also nicht so schnell wie Car­la. Für mich ist es deshalb sehr angenehm, wenn ich immer wieder kon­trol­lieren kann, was die Schüler ger­ade machen. So kann ich schnell auch mal ein­greifen oder Hin­weise geben.“

Vision: Schulbücher im Universellen Design

Die Buch­wis­senschaft­ler­in Julia Dobroschke hat sich im Rah­men ihrer Dok­torar­beit, die von der Stiftung der Leipziger Hochschule für Tech­nik, Wirtschaft und Kul­tur kür­zlich mit dem Dis­ser­ta­tion­spreis aus­geze­ich­net wur­de, damit beschäftigt, wie Schul­bücher für sehbe­hin­derte und blinde Kinder ein­facher hergestellt wer­den kön­nen. Dabei ist sie auf das Konzept des Uni­versel­len Designs gestoßen. „Bish­er war es ja so, dass man für blinde und sehbe­hin­derte Men­schen eher nach Spezial­lö­sun­gen gesucht hat“, erk­lärt Dobroschke. „Das Uni­verselle Design geht genau den anderen Weg und berück­sichtigt indi­vidu­elle Bedürfnis­se schon bei der Pla­nung von Pro­duk­ten. Damit kon­nte ich ein Konzept erar­beit­en, das anstrebt, dass irgend­wann möglich­st viele Men­schen gemein­sam mit Lern­ma­te­ri­alien aus einem Guss arbeit­en kön­nen.“ Um dies zu erre­ichen, soll­ten Lehrw­erke eine Menge an Ergänzungs­ma­te­ri­alien mit­brin­gen – ger­ade auch in Form von Video- und Audio-Ein­bet­tun­gen.

Inklusion im Schulalltag

Dass aus­ge­hend von ihren indi­vidu­el­len Lern­vo­raus­set­zun­gen möglich­st alle Schü­lerin­nen und Schüler ein­er Klasse gemein­sam ler­nen kön­nen, ist ein Ziel, dass auch der Ern­st Klett Ver­lag ver­fol­gt. Dies zeigt sich beispiel­sweise in der Konzep­tion und dem bre­it gefächerten Mate­ri­alkranz der neuen Gen­er­a­tion von deutsch.kombi plus: „Mit diesem kon­se­quent 3-fach dif­feren­zierten, dig­i­tal angere­icherten Deutsch-Lehrw­erk  wol­len wir die Lehrkräfte unter­stützen, den Unter­richtsstoff für alle Schü­lerin­nen und Schüler ver­ständlich zu ver­mit­teln“, so Judith Fuhrmann aus Deutschredak­tion. „Daher bieten wir zu deutsch.kombi plus auch zusät­zlich­es Inklu­sion­s­ma­te­ri­al an und bet­ten in unsere Dig­i­tal­en Unter­richt­sas­sis­ten­ten umfan­gre­iche Medi­en­samm­lun­gen ein. Hinzu kom­men ab 2017 die neuen ebooks pro, mit denen Schü­lerin­nen und Schüler sich indi­vidu­ell The­men erschließen und ver­tiefend üben kön­nen.“

Sie wol­len mehr erfahren? Den aus­führlichen Artikel von Nicole Schmitt find­en Sie hier im aktuel­len Klett-The­men­di­en­st.
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Ein Kommentar zu “Mit dem Tastsinn lernen: Schulbücher für Sehbehinderte und Blinde”

  1. Ein sehr infor­ma­tiver Artikel und eine gute Idee, damit an den Braille-Tag zu erin­nern!
    Her­zlicher Gruß
    Michael Schlienz

    Antworten
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