Der hierzulande bekannteste Dichter und Schriftsteller Dänemarks ist zweifelsohne Hans Christian Andersen, dessen Kunstmärchen wie „Däumelinchen“, „Die Prinzessin auf der Erbse“ oder „Die kleine Meerjungfrau“ uns in unserer Kinderzeit bewegt haben. Was uns nun seine Weihnachtsgeschichte über das Leben erzählt.
Wichtige Weichenstellungen
Andersens Kindheit war alles andere als einfach. In Odense auf der dänischen Insel Fünen schlug sich sein Vater als armer Schumacher durch, seine Mutter, eine Wäscherin, trank sehr viel, galt als alkoholsüchtig. Das zentral gelegene Haus Munkemøllestræde 3/5, wo der Dichter von seinem Geburtsjahr 1805 an bis in das Jahr 1819 seine Kindertage verbrachte, lässt sich heute noch als Museum besichtigen – vielleicht ist das ja schon ein Tipp für die nächsten Sommerferien!
Als der Vierzehnjährige nach dem Tod des Vaters gen Kopenhagen zog, um sich dort als Schauspieler und Sänger zu versuchen, traf ihn der glückliche Umstand, dass er vom Direktor des Königlichen Theaters in dessen Haus und Familie aufgenommen wurde, was dem jungen Mann seinen weiteren Weg über sechs Jahre Lateinschule hin zur Universitätsausbildung ebnete. Ohne diese Bildung und die Freundschaften und Beziehungen, die er in diesem Zusammenhang eingehen konnte, wäre er sicher nicht der geworden, den wir kennen. Ausgedehnte Reisen durch Europa und immer wieder nach Deutschland, speziell auch nach Dresden und Umgebung, sollten den Weg des lebenslang Unverheirateten bestimmen. Was er sah, hörte und erlebte, verarbeitete er zu märchenhaften Geschichten, die stets viel über das Leben an und für sich vermitteln wie bspw. „Des Kaisers neue Kleider“.
Vielschichtige Kunstmärchen
Das früh erfahrene Leid und geringe Sicherheiten machten den begabten Jungen vermutlich besonders wach und sensibel, sorgten aber auch für seine langanhaltende Ängste und vielleicht auch für seine Hypochondrie. In vielen seiner Geschichten steckt neben großer Herzenswärme und Menschlichkeit so oft auch das Bedrohliche – ein über allem schwebendes Unglücksversprechen, das oft nur durch die Kraft der Liebe und eigenes Über-sich-Hinauswachsen und innere Stärke überwunden werden kann wie in „Die Schneekönigin“ oder in „Das hässliche Entlein“. Und nicht immer ist das Glück auch Lohn der Leistung, sondern es stößt den Heldinnen und Helden gegebenenfalls einfach zu, denn das Leben ist nicht gerecht und nicht berechenbar. Diese den Geschichten eigene Differenziertheit in der Anschauung geht dabei über das einfache Gut-Böse-Muster von Volksmärchen deutlich hinaus und macht bei aller sprachlichen Schlichtheit die Magie aus, die Andersens Geschichten gleichermaßen für Kinder und Erwachsene interessant werden lässt.
„Der Tannenbaum“: Fragen an das Leben
So ist auch sein Weihnachtsmärchen „Der Tannenbaum“ nicht einfach die Geschichte eines Weihnachtsbaums, sondern eine Lebenserzählung für Jung und Alt, die uns darüber nachdenken lässt, warum wir stets der Zukunft entgegenstreben. Erst der Blick zurück lässt uns manchmal erkennen, was wir eigentlich Schönes gelebt haben, ohne dass wir diesen Momenten in jedem Fall haben Gerechtigkeit widerfahren lassen können. – „‘Freue dich unser‘, sagten die Luft und das Sonnenlicht, ‚freue dich deiner frischen Jugend im Freien‘“, heißt es so auch auf die Sehnsucht und das Leiden des erwartungsvollen Tännchens hin, das bald darauf gefällt wird, um ein Weihnachtsbaum zu werden. Und ist diese eine Nacht als glänzender Weihnachtsbaum, tatsächlich der Punkt in seinem Dasein, an dem er – bildlich gesprochen – wie Klumpe-Dumpe „die Prinzessin bekommt“? Lohnt es sich dafür, auf sich zu nehmen, was auf diese Nacht noch folgt? Vielleicht ja, vielleicht nein, vielleicht …
Vielleicht nehmen Sie sich in der letzten Deutschstunde vor Weihnachten einfach Zeit, um die Geschichte vom Tannenbaum gemeinsam zu lesen.
Durch diese knappe halbe Stunde mit Hans Christian Andersen nimmt die eine oder der andere dann vielleicht, vielleicht … doch Fragen mit nach Hause, wie sie in die Weihnachtszeit und zum Jahresende passen: „Wie leben wir eigentlich? Was begehren wir und warum? Gehen wir achtsam und wertschätzend mit dem um, was wir haben?“ – das jedenfalls fragte sich der Vorleser nach seiner Lektüre.
Eine friedliche und besinnliche Weihnachtszeit wünscht Ihnen die Deutschredaktion im Ernst Klett Verlag!
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Andersens Märchen bei gutenberg.org







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