Leseschwächen diagnostizieren, Förderprofile erstellen? – Oder gibt es Alternativen? Seit dem PISA-Schock 2001 wird die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler immer wieder öffentlich beklagt und lässt oft ratlose Lehrkräfte, die sich doch redlich bemühen und das Beste für ihre Schüler wollen, zurück. Die Pandemiejahre 2020/21 verschlimmern sicher die Situation noch. Was also tun?
Der Appell an Schüler: „Lest doch endlich!“ hilft leider nicht weiter. Daniel Pennacs Buch „Wie ein Roman“ von 1992 kann verzweifelnden Eltern und Lehrkräften immer noch Trost spenden und Anregungen geben. Pennac meint: „Das Verb lesen duldet keinen Imperativ. Eine Abneigung, die es mit ein paar anderen Verben teilt: dem Verb lieben, dem Verb träumen … Man kann es natürlich trotzdem versuchen. Probieren Sie es mal: Liebe mich! Träume! Lies! Jetzt lies doch, zum Teufel, ich befehle dir zu lesen! Geh in dein Zimmer und lies! Ergebnis? Null.“ (S. 13)
Kurzweilig, angefüllt mit Anekdoten und Geschichten über das Lehren des Lesens und die Begegnung mit Literatur weist der ehemalige Lehrer Daniel Pennac Wege, wie sich Kinder zum Lesen verlocken lassen. In kurzen Kapiteln wird die Leserin, bzw. der Leser in die Biografie eines „Leserlebens“ zurückgeführt und erlebt die Faszination und zweckfreie Lust am Lesen. „Zehn unantastbare Rechte des Lesers“, amüsant und humorvoll begründet, runden die sehr überzeugende Verführung zum Lesen, voller Witz, Charme und Intelligenz, ab:
Zehn unantastbare Rechte des Lesers
- Das Recht, nicht zu lesen
- Das Recht, Seiten zu überspringen
- Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen
- Das Recht noch einmal zu lesen
- Das Recht, irgendwas zu lesen
- Das Recht auf Bovarysmus, d.h. den Roman als Leben zu sehen
- Das Recht, überall zu lesen
- Das Recht, herumzuschmökern
- Das Recht, laut zu lesen
- Das Recht zu schweigen
„Die wenigen Erwachsenen, die mir etwas zu lesen gegeben haben, sind immer hinter den Büchern zurückgetreten und haben sich gehütet, mich danach zu fragen, was ich verstanden hatte. Mit ihnen habe ich natürlich über die von mir gelesenen Bücher gesprochen.“ (S. 198)
Beherzigen Lehrkräfte Pennacs „Liebeserklärung an das Lesen“, so bieten sich ihnen im Unterricht und in projektorientierten Unternehmungen an der Schule vielfältige Möglichkeiten: Neben wöchentlichen Vorlesestunden der Lehrkraft ohne anschließende Lernzielkontrolle, Buchvorstellungen von Schülern ohne Benotung, Vorlesestunden älterer Schüler für jüngere, Lesenächten, Autorenlesungen, Besuchen öffentlicher Büchereien und Veranstaltungen zum Lesen für Eltern sind hier dem Ideenreichtum von Lehrkräften und Schülern keine Grenzen gesetzt. Gilt doch auch für die Leseerziehung Erich Kästners Rat: „Es gibt nichts Gutes, außer, man tut es!“
Daniel Pennac: Wie ein Roman
https://www.kiwi-verlag.de/buch/daniel-pennac-wie-ein-roman-9783462033908







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