Das Problem, die Gegenwartslyrik angemessen zu unterrichten, wurde für viele Lehrkräfte im Deutschunterricht seit der Corona-Zeit zur Herausforderung. Die lyrischen Formen, die die Schülerinnen und Schüler bis zur Jahrgangsstufe 10 lernen, stammen jedoch aus der „Goethezeit“, sie heißen etwa Reimform, Metrum, Alliteration, Anapher oder Vergleich. Nun machen zeitgenössische Gedichte von diesen Formen kaum mehr Gebrauch. Assoziative Texte von Friederike Mayröcker, Prosagedichte wie etwa die „Honigprotokolle“ von Monika Rinck oder Collagen von Herta Müller lassen sich mit den klassischen Merkmalen der Lyrik weder beschreiben noch im Unterricht erklären. Wie aber kann man als Lehrkraft jene „textkonstituierenden Mittel“ unterrichten, die zu einer vollständigen Analyse lyrischer Texte zählen, wenn die zeitgenössische Dichtung vom klassischen Repertoire der Lyrik so auffallend abweicht?
Textkonstituierende Mittel in der zeitgenössischen Lyrik
Der Klett-Verlag hat eine Lösung: Die Stundenblätter „Gedichte im 21. Jahrhundert“ stellen zwanzig, an umfangreichem Textmaterial erschlossene lyrische Techniken vor, die zeitgenössische Autorinnen und Autoren entwickelten. Zugleich rekurriert dieses Lehrwerk auf eine kurzweilige „Late-night-show“ mit dem Titel „Lyrik total“, in welcher DichterInnen der Gegenwart gemeinsam mit SchülerInnen einer gymnasialen Oberstufe über „Themen und Formen der Gegenwartslyrik“ diskutieren. Drei Beispiele dieses multimedialen Stundenblatts stellen wir vor.
1. Die Technik der Spracharchäologie
Mit seinem Poem „Manhattan Mundraum Zwei“, das den Anschlag auf die Twin Towers in New York behandelt, setzt Thomas Kling 2001 eine Zäsur: Seine Erfindung der „Spracharchäologie“ wird zum wichtigsten Impuls für die deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts. Kling nutzt die Sprache als Werkzeug, um historische, ja traumatische Kollektiverfahrungen wie „9/11“ zu ergründen, d.h. sie wie ein Archäologe in den Hinterlassenschaften von Film, Foto und Briefen „grabend“ zu erarbeiten.
2. Deep Mapping als Methode des Nature Writing
Im „Nature Writing“, das seit etwa 2010 die Folgen des Klimawandels in lyrischer Form thematisiert, entstehen bei Marion Poschmann, Ulrike Draesner und Daniel Falb neue Schreibweisen, die mit der sehnsuchtsvollen Natur- und Erlebnislyrik der Goethezeit (und deren Formen und Mitteln) nichts mehr gemein haben.
Beim „Deep Mapping“, einem Verfahren, das Marion Poschmann anwendet, liegt der Fokus auf einem überschaubaren Raum: Man verfolgt über längere Zeit die Veränderungen, die an dessen Oberfläche stattfinden, und erkundet dabei die Tiefenstruktur, indem die mit dem Ort verbundenen Felder und historischen Schichten sowie die mit den geografischen und geologischen Daten verknüpfte Natur/Geschichte erfasst werden.
3. Digitale Verfahren oder der Autor als Textmanager
Der digitale Wandel macht auch vor Gedichten keinen Halt und bekräftigt mit diesem dritten Beispiel poetischer Spielart um so mehr die Notwendigkeit von Lehrgrundlagen, die zur Dichtung des 21. Jahrhunderts passen. Der Lyriker Florian Cramer erstellt in der leicht zu entschlüsselnden Programmierschrift „Perl“ kurze Texte, die als „Perl Poem“ und zugleich als Befehlskette der zugrundeliegenden Programmiersprache lesbar sind. Hannes Bajohr, der wichtigste Vertreter dieses Genres, arbeitet mit Konkordanzprogrammen, die z.B. alle Märchen der Gebrüder Grimm in Satzfragmente mit n-Worten („n-Gramme“) zerlegen und ordnen. Auch seine Experimente mit ChatGPT verdeutlichen: Nicht der Text, sondern die in ihm aufscheinenden Prozesse sind wesentlich: Welchen Regeln folgt die Textanordnung, ist sie erkennbar bzw. kontrollierbar? Was geschieht mit dem Autor? Wird er etwa zum bloßen Textmanager?
Die zeitgenössische Lyrik ist vielfältig und weicht ab von den lyrischen Merkmalen, die etwa der Rahmenlehrplan Deutsch nennt. Umso wichtiger ist es, diese neuartigen textkonstituierenden Mittel der Lyrik zu (er)kennen und zu didaktisieren.







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