deutsch-klett.de
Magazin für den Deutschunterricht

Wolf Biermanns „Ballade vom preußischen Ikarus“

Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermanns im November 1976 aus der DDR in die BRD stößt bei Schülerinnen und Schüler auf großes Interesse: Hier bekommt ein Sprachkünstler aufgrund seiner Kunst politisch erwirkte Konsequenzen zu spüren. Ein Unterrichtsentwurf für die Oberstufe.

Nachdem Wolf Biermann seine „Ballade vom preußischen Ikarus“ bei einem Konzert in Köln präsentiert hatte, erfolgte wenige Tage später die Ausbürgerung aus der DDR. Biermann konnte nicht mehr in seine Heimat zurückkehren. Das verbindet ihn mit Autoren wie Friedrich Schiller und Georg Büchner, das zeichnet über diese Parallele ein eindeutiges Bild von der DDR und dem Staatsverständnis ihrer politischen Führungsfiguren, das wirft Fragen auf mit Blick auf aktuelle Debatten über nationale Grenzen, Ausgrenzung und Ausbürgerung, und das führt schließlich zu Diskussionen über unsere Wertegemeinschaft.

Diese Hintergründe stellen für die Schülerinnen und Schüler einen besonderen Reiz dar, sich mit dem Text auseinanderzusetzen. Bezüglich der literarischen Kompetenz können an Biermanns Ballade verschiedene Ziele verfolgt werden:

  • Literaturgeschichte: Literatur im geteilten Deutschland
  • Literaturtheorie: politische Literatur
  • Literaturanalyse: Intertextualität, Symbolismus, Lexik, Bildlichkeit

Wolf Biermanns Ballade „Der preußische Ikarus“ im Unterricht

Der Einstieg erfolgt über die antike Sage von „Daedalus und Ikarus“ Link, deren Inhalt den Schülerinnen und Schülern vor der Beschäftigung mit Biermanns Ballade bekannt sein sollte. Impulse wie Gemälde von Peter Brueghel, Jan Boeckhorst, Carlo Saraceni, Werner Holz und Wolfgang Mattheuer sowie Verweise auf die Beliebtheit des Motivs in der Populärkultur verweisen auf die lange Tradierung der Sage und führen zu der Frage, worin die Faszination des Ikarus liegt.

Diese Frage stellt sich auch Biermann, wenn er im Vorwort seines in Köln erschienenen Buchs „Preußischer Ikarus“ (1978) überlegt, wieso sich Ikarus in unserem kulturellen Gedächtnis lebhafter und produktiver darstellt als sein genialer Vater Daedalus. Biermann meint, Daedalus sei klug gewesen, da er „nicht zu tief am Wasser, nicht zu hoch an der Sonne“ flog und so die Flucht von der Insel Kreta über das Meer schaffte, in dem sein Sohn ertrank. War Ikarus also nur ein Dummkopf, der nicht auf seinen Vater hören wollte? Biermann schließt mit der Frage „Oder was?“ Und diese angefügte Frage ist entscheidend: Ikarus ist jemand, der nicht hören will, der gesetzte Grenzen überschreitet, der getrieben ist von Faszination, Neugier und Übermut, der einfach höher fliegen muss, daran zugrunde geht, und unsterblich wird. Das ist es, was ihn menschlich und für uns greifbar macht.

Die erste Textbegegnung erfolgt mittels einer Hörversion des Liedes. Direkt nach dem Hören formulieren die Schülerinnen und Schüler einen kurzen und prägnanten Satz, in dem sie die Wirkung, die das Lied auf sie hat, festhalten. Die Beobachtungen werden anschließend im Plenum ausgetauscht. Als lyrische Texte wirken Lieder zunächst einmal emotional, die Musik unterstützt unsere affektive Verwicklung mit dem Text. Diese affektive Aufgeschlossenheit ist eine wichtige Voraussetzung für die Interpretation von literarischen, insbesondere von lyrischen Texten. In der offenen Einstiegsphase treten zudem die individuellen und vielfältigen Reaktionsmöglichkeiten auf lyrische Texte hervor.

Die formulierte persönliche Textwirkung und damit einhergehend das erste Textverständnis werden anhand einer Analyse von Lexik und Bildlichkeit ergründet. Die Fragen für die angeleitete lexikalische Analyse lauten:

  • Wird durch die Verben eine dynamische oder eine statische Situation gezeichnet?
  • Welche Atmosphäre wird durch die Adjektive erzeugt?
  • Welche Assoziationsräume eröffnen die Substantive?

An die Analyse der Lexik schließt sich eine Untersuchung der Bildlichkeit an. Auch hier erläutern die Schülerinnen und Schüler, inwiefern die Bilder die formulierte Textwirkung hervorrufen.

Die vertiefende Deutung wird durch die Abbildung des Buchcovers der Erstausgabe von „Preußischer Ikarus“ angebahnt. Sie zeigt Wolf Biermann auf der Weidendammer Brücke in Ost-Berlin, einem gusseisernen Brückenschlag aus der wilhelminischen Kaiserzeit. Biermann steht vor dem Adlerornament. Im Vorwort schreibt er, dass er mit einem Freund halb albern ein Foto vor diesem „verhassten Vogel“ machte und als er es wieder sah, seien ihm „die Eisenflügel aus den Schultern“ gewachsen und seine Furcht war wieder da „vor einem Absturz eines Tages. Eines schlimmen Tages im Westen.“

Damit erfolgt ein Rückgriff auf den Beginn der Einheit. Die Ballade zeigt deutliche Parallelen zur Ikarus-Sage:

  • Inselland (→ Kreta)
  • umgürtet (→ Gefangenschaft im Labyrinth)
  • Adlerflug, abhaun (→ Flucht aus dem Labyrinth)
  • Erwartung des Scheiterns (→ Absturz)

Vor diesem Hintergrund wird eine abschließende Deutung formuliert, die auf eine Selbstidentifikation des lyrischen Ich mit der Figur des Ikarus abhebt.

Die Einordnung der Textdeutung geschieht unter Berücksichtigung der historischen Umstände. Dafür eignen sich zeithistorische Dokumente wie beispielsweise Ausschnitte aus Nachrichtensendungen von 1976. Anhand dieser kann eine weiterführende Besprechung der Literatur im geteilten Deutschland sowie eine Diskussion über politische Literatur insgesamt eingeleitet werden. Der Absturz in Biermanns Ballade kann vor diesem Hintergrund auch als Ende des Traums von einer sozialistischen Demokratie verstanden werden, die Ausbürgerung Biermanns wird häufig bezeichnet als der Anfang vom Ende der DDR. Als weiterführende Vertiefung sowie als Text für die Anwendung der eingeübten Analysekompetenzen bietet sich Biermanns „Ermutigung“ an.

Vorschlag für die Ergebnissicherung

Wolf Biermann: „Der preußische Ikarus“

Lexik:

  • (Gefahr des) Handeln(s) und Nichthandeln(s): Schritt machen, hängen, sehen, stehen, fliegen, abstürzen, gehen müssen, wegwollen, abhaun, festhalten, Wind machen, schlapp machen → antithetisch
  • Tristesse: grau, schlapp, bleiern, kalt
  • Gewalt, Härte, Gefahr: Eisenguss, Stacheldraht, wehtun, Stacheldraht, Draht, umgürtet, bleiern, verhasst, krallt, zerrt, Rand, abstürzen
  • menschlicher Körper: Haut, Brust, Bein, Hirn, Zelln

Bildlichkeit:

  • Schritt über Wasser, Brücke, Geländer, Rand → Überschreiten von oder Verharren an Grenzen
  • preußischer Adler → Symbol für (unverwüstlichen) Gehorsam und Folgsamkeit
  • schmerzende Adlerarme → mangelnde Kraft des symbolischen Freiheitstieres, Beständigkeit statt Untätigkeit
  • einwachsender Stacheldraht → Haut, Beine, Herz, Hirn: komplette Verinnerlichung des Zaunes durch den Menschen, Schmerz, Unbeweglichkeit
  • Drahtverband → Unfreiheit als Wunde und Heilung zugleich
  • bleierne Wellen → Zäune, Mauern, Gewehre
  • halbes Land → Teilung, Anspielung auf BRD − DDR

Das lyrische Ich antizipiert unter Rückgriff auf den Ikarus-Mythos seine eigene Zukunft:

Es wird sich dem Freiheitsraub nicht fügen, es entscheidet sich für das Handeln, und es wird eines Tages abstürzen.

Links

Liedtext: https://lyricstranslate.com/de/wolf-biermann-ballade-vom-preussischen-ikarus-lyrics.html

Hintergründe und weitere Informationen: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Ausbuergerung-von-Wolf-Biermann-Ein-Rausschmiss-mit-Folgen,biermann288.html (38 Minuten)

Ausgaben/Quellen

Wolf Biermann: Preußischer Ikarus. Lieder/Balladen/Gedichte/Prosa. Kiepenheuer & Witsch: Köln 1978.

189 Personen haben sich für diesen Beitrag bedankt.
Danke!

Über den Autor

Dominik Banhold

Dr. Dominik Banhold ist Lehrer für Deutsch, Englisch und Geschichte am Friedrich-Dessauer-Gymnasium in Aschaffenburg. Er ist Autor zahlreicher Unterrichtsmaterialien (u.a. für Deutsch kompetent), Fortbildner sowie Lehrbeauftragter an der Universität Würzburg.

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und verstanden.

Nach oben