Buchtipp: Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier


Ein Märchen unserer Zeit? Von kindlichem Überlebenswillen und der grausamen Kraft menschlicher Natur handelt unser aktueller Buchtipp.

Zwei aufgeschlagene Bücher
© Creativ Collection Verlag GmbH

Wie ergeht es einem wohl durch Flucht entwurzelten kleinen Mädchen, das nicht einmal seinen Namen kennt und dem Winter in einer westeuropäischen Großstadt ausgesetzt, seinen Hunger zu stillen und nach Wärme sucht?

Wie helfen Ausgestoßenen menschliches Mitleid oder karitative Möglichkeiten unserer Zeit? Leiden Helfende mit oder welche eigenen Sehnsüchte blitzen im helfenden Akt auf? Wie kann ein des Lebens Unkundiger Erbarmen oder Angebote zum Schutz überhaupt verstehen? Wo fühlt er sich aufgehoben und geborgen – nur bei denen gleichen Schicksals? Nur an den Rändern der Gesellschaft wie in Mülltonnen oder in der nackten Natur? Wie weit geht er, um seine primitivsten Bedürfnisse zu verteidigen? Stiehlt er Brot beim Bäcker, isst er Schnee gegen Durst? Schlägt er die fütternde Hand und wann schlägt er sie tot?

Was wie das Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzern daherkommt, bricht im Laufe der kurzen Erzählung mit jeglichen Lesererwartungen und entwickelt mythische Kraft. Befreit von konkreter Zeit und identifizierbaren Orten scheint es nichtsdestotrotz im Hier und Jetzt zu spielen und hält es unserer Gesellschaft einen Spiegel vor. Die karge Sprache des Autors, der beobachtet und schildert und sich dabei jeglicher Sentimentalität enthält, trifft uns mit archaischer Wucht und lässt uns auch lange nach der Lektüre nicht mehr los.

Mit „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ ist dem österreichischen Autor Michael Köhlmeier 2016 – vielleicht angestoßen durch die vielen nach Europa Geflüchteten – ein Meisterstück über uns Menschen gelungen, hat er doch in den besonderen Verhältnissen dieser Zeit Allgemeines erkannt: Uns unterscheiden vielleicht Sprachen und zivilisatorische Bindungen. Ist der Mensch jedoch durch die Umstände auf sich selbst zurückgeworfen, ist er seiner gewohnten Sozialisation und seiner Kommunikationsmöglichkeiten beraubt,  entpuppt er sich stets als die gleiche hilflose und starke, erbarmungswürdige und grausame Kreatur, die es – im besten Fall schuldlos schuldig – schon seit Menschengedenken gibt.

Der Autor Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier, geboren 1949 am Bodensee, ist vielen Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern als kongenialer Erzähler von Sagen des klassischen Altertums bekannt.
Kostenfrei abrufbar über den Bayrischen Rundfunk lassen sich diese Nacherzählungen von je nur einer Viertelstunde wunderbar in den Deutschunterricht integrieren:

https://www.br.de/mediathek/video/mythen-michael-koehlmeier-erzaehlt-sagen-des-klassischen-altertums-aigeus-av:584f751e3b46790011921d06 (externer Link)

Michael Köhlmeier lebt im Vorarlberg und in Wien und wurde für seine Werke vielfach ausgezeichnet, so zum Beispiel 2017 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie dem Marie Luise Kaschnitz-Preis für sein Gesamtwerk und 2019 mit dem Ferdinand-Berger-Preis.

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut (2016) oder neu: Bruder und Schwester Lenobel (2018) (externer Link).

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