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Magazin für den Deutschunterricht

Hörbücher – Das andere Portal in die Lesewelt

Lesefertigkeit und Lesefreude vermitteln in einer Zeit medialer Reizüberflutungen – eine Herausforderung für alle Deutschlehrkräfte im schulischen Alltag. Ein Lösungsansatz: Hörbücher.

Warum Hörbücher?

Während etlicher Klassen-Ausflüge in die nahegelegene Bücherei ist mir immer wieder aufgefallen, dass viele Kinder schnell in der Abteilung mit Hörbüchern und Hörspielen hängengeblieben sind. Die Kinder versanken im Zuhören und bekamen oft kaum mit, dass die Gruppe sich zur Rückkehr bereit machte. In nicht seltenen Fällen wurden das Hörbuch oder das Buch selbst ausgeliehen, um es zu Hause zu beenden.

Hörbücher hatten in ihrer langen didaktischen Geschichte immer eine sehr kontroverse Rolle. Trotz der immer wieder gemachten Beobachtung, dass das Hören von Geschichten die Vorstellungskraft beflügelt und ein besseres Verständnis der Geschichte fördert, sehen andere in Hörbüchern eine Bedrohung der Leseaktivität in der Schule und Freizeit. Wer will denn lesen, wenn er hören kann? Was also ist für die Kinder wichtiger – Lesebegeisterung oder Lesefertigkeit?

Alles mit Fokus

Die heutige Sprachdidaktik weiß, dass das eine ohne das andere keinen Bestand hat und dass Hörbücher das Potenzial haben, beides und noch mehr zu fördern – jedoch nicht gleichzeitig. Der  Einsatz von Hörmedien im Unterricht erfordert vielmehr eine spezifische Schwerpunktsetzung.

Diese Schwerpunkte können folgendermaßen aussehen:

  1. Semantisches Hörverstehen
  2. Non-visuelle Geschichtenbegeisterung (Lesebegeisterung)
  3. Imaginationsförderung
  4. Lesetraining
  5. Vorlesetraining
  6. Sprachanalyse
  7. Sprechanalyse (Intonation)
  8. Erstellen eines eigenen Hörbuchs

Der Autor Emil Merker war bereits Anfang der 1950er Jahre davon überzeugt, dass Hörbücher das Hören lehren. Damit ist nicht nur das semantische Hörverstehen gemeint, sondern auch die Interpretation von Wort- und Silbenbetonungen und Lautmalereien im Hörspiel, sowie der begleitenden musikalischen Signale und Geräuschen. Des Weiteren meint der Schwerpunkt “Non-visuelle Geschichtenbegeisterung” eine Freude an Geschichten und deren sprachlichen Merkmalen, und zwar unabhängig von dem Aspekt der Lesefähigkeit. Natürlich können Hörbücher genauso zur Förderung der Imaginations-, der Lese- und der Vorlesefähigkeit genutzt werden. Hierbei dienen sie als methodische Stütze für den Lernprozess. Die Sprechanalyse wiederum fokussiert sich nicht nur auf das Gesagte eines Charakters, sondern auch darauf, wie es gesagt wird. Dies gibt den Kindern maßgebliche Charakterisierungsmöglichkeiten der einzelnen Figuren. Die Sprechweise sowie Stimmlage machen eine Figur im Hörmedium wiedererkennbar, sodass Dialoge eine Eigendynamik ohne Sprechzuteilung entwickeln können.

Der Lehrplan ist voll – wohin damit?

Ein Hörbuch kann während der Erarbeitung der jährlichen (Pflicht-)Lektüren vielseitig eingesetzt werden. Aber auch in den Themengebieten Sagen und Legenden, Fabeln und spannende Erzählungen lassen sich Hörbücher hervorragend einsetzen.  Während dem Lesen kann das Hörspiel als akustische Verbildlichung dienen, was den Kindern zu einem schnelleren Verstehen der Geschichte auf semantischer und emotionaler Ebene verhelfen kann.

Die Intonation des Gesprochenen in verschiedenen Tonlagen und Betonungen hilft nicht nur bei der Wiedererkennung von Charakteren, sondern auch beim Erkennen der verschiedenen Emotionen und deren Klangmustern. Die Charaktere des Hörbuchs lassen sich hierdurch schneller charakterisieren, da ihre Emotionen in verschiedenen Situationen wortwörtlich leichter zu „lesen“ sind. Die Kinder können diese Fertigkeit sogar auf ihre eigenen alltäglichen Kommunikationsanlässe übertragen und Emotionen beim Gegenüber leichter erkennen.

Darüber hinaus kann zu jedem Kapitel eine eigene Hörspielversion durch die Kinder angefertigt werden, um die Vorlese- aber auch die Lesefertigkeit zu schulen. Die Kinder haben so außerdem die Möglichkeit, ihre eigene Interpretation verschiedener Situationen in der Geschichte umzusetzen. Das erzeugt eine emotionale Bindung zur Geschichte, die man nun aktiv mitgestaltet hat, und damit Lesebegeisterung.

Aller Anfang … ist gar nicht mal so schwer!

Zum Erstellen eines Hörbuchs ist eine gewisse Vorbereitung nötig. Lehrkraft und Lerngruppe müssen sich in eine Audio-App einarbeiten. Hierfür haben sich beispielsweise die kostenfreien Anwendungen „Diktiergerät Pro“ oder „Audacity“ bewährt. In beiden Apps können die aufgenommenen Tonspuren verändert, angepasst, überarbeitet und verschoben werden. Dadurch können die Kinder ohne jeglichen Perfektionsdruck ihre Aufnahmen wiederholen, überspielen und sogar in der Stimmlage verändern können, um verschiedene Stimmen für unterschiedliche Charaktere zu erzeugen.

Um das Hörbuch zusätzlich einladender und auch visuell ansprechender zu machen, kann die aufgenommene Tonspur mit eigenen Aufnahmen oder Diashows kombiniert werden. Hierfür eignen sich Apps wie IMovie oder Windows Movie Maker. Die Kinder können sich zwischen einer passenden Bildershow, eigenen Aufnahmen oder lizenzfreien Filmen entscheiden, die zur Hörbuchaufnahme abgespielt werden. In den genannten Apps können dabei die zeitlichen Positionierungen eingestellt und verändert werden.

Letztendlich …

Wichtig ist, dass die Kinder am Ende der Bearbeitungsphase ein eigenes Produkt in den Händen halten können. Hierzu bietet es sich an, die erstellten Hörbücher den Kindern auf CDs zu überreichen. So kann ihre neue oder gesteigerte Lesebegeisterung durch ein Gefühl von Eigeneffizienz gefestigt werden.

Für Sie zum kostenlosen Download

Hörverstehen zu „Der Rattenfänger von Hameln“

Hörtext

Quelle: Klett Archiv (Autorin: Kristina Gräfe); Produktionsfirma: Buchfunk GmbH, Leipzig (Sprecherin: Felicity Grist)

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Lösung

Haben Sie bereits Hörbücher im Unterricht eingesetzt? Welche Erfahrungen haben Sie und Ihre Schüler/innen damit gemacht? Erzählen Sie uns gerne in den Kommentaren davon.

Literatur zum Thema:

Dringenberg, Brunhilde: Das Hörspiel im Unterricht. In: Taschenbuch des Deutschunterrichts. Bd. II. Hg. v. Günter Lange, Karl Neumann und Werner Ziesenis. 8. Aufl. Schneider: Baltmannsweiler, 2003. S. 669–694.

Müller, Karla: Hörtexte im Deutschunterricht. Poetische Texte hören und sprechen. Klett/Kallmeyer: Seelze, 2012.

Müller, Karla: Hören und Lesen am Beispiel von Kinder- und Jugendliteratur. In: Taschenbuch des Deutschunterrichts. Hg. v. Volker Frederking, Axel Krommer und Christel Meier. 2. Aufl. Schneider: Baltmannsweiler, 2013. Bd. II, S. 682–694.

Wicke, Andreas: Hörspieldidaktik. Erstveröffentlichung: 02.10.2019 auf kinderundjugendmedien.de. https://www.kinderundjugendmedien.de/fachdidaktik/3179-hoerspieldidaktik

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Über die Autorin

Annika Helmecke

Annika Helmecke unterrichtet Deutsch, Kunst und Technik an der Freihof-Realschule in Kirchheim unter Teck. Außerdem ist sie für das schuleigene Lesezimmer zuständig.

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