Jesper Juul: Schulinfarkt. Was wir tun können, damit es Kindern, Eltern und Lehrern besser geht.


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Würde ein Bildungsrecht statt einer Schulpflicht unser Schulsystem retten? Das wäre einer der Vorschläge des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul.

von Petra Breuer-Küppers

Es macht betroffen, wenn Jesper Juul in seinem Buch „Schulinfarkt“ schreibt, dass sich die Zahl der 4–14-jährigen Patienten mit schweren psychosomatischen Störungen in den letzten Jahren um 80% erhöht hat. Hauptverantwortlich dafür macht Juul ein Schulsystem, das vor allem von Druck und Leistungsorientierung geprägt ist. Man denke hier an PISA, Vergleichsarbeiten und zentrale Abschlussprüfungen. Druck erzeugt Gegendruck, belastet die zwischenmenschlichen Beziehungen und beeinträchtigt das Selbstgefühl der Kinder (in Shanghai, dem PISA-Gewinner, so stark, dass dort die Selbstmordrate unter Schulkindern stark angestiegen ist). Ein Bildungsrecht statt einer Schulpflicht würde dem entgegenwirken, so Juul.

80% der Unterrichtswirksamkeit definiert sich zudem primär über die Beziehungsqualität. So ist es nur logisch, dass Juul an dieser Stelle mit seinen Vorschlägen ansetzt und vier zentrale Säulen benennt: den guten Dialog mit einzelnen Schülern, sinnvolle Dialoge mit Gruppen, konstruktive Dialoge mit den Eltern und eine Idee davon, was man unter guter Führung versteht.

In meinem Schulalltag an einer Schule für Kranke erlebe ich eine immer größere Zahl an Kindern, die in ihrer Stammschule nicht zurechtkommen. Ganz im Sinne Juuls fragen wir im Aufnahmegespräch unsere Schüler, was wir tun können, damit sie bei uns gut lernen können. Und wir bekommen so wertvolle Hinweise darauf, was diese Schüler wirklich brauchen. Wenn wir ihnen vertrauen und ihnen eine Atmosphäre bieten, die ihren Bedürfnissen entspricht, können wir miterleben, wie sie wieder gerne in die Schule kommen und lernen.

Zugegeben, unsere Schule ist ein besonderes System, aber es lohnt sich zu schauen, ob nicht auch an anderen Schulen mehr Vertrauen und Respekt und weniger Druck und ausschließliche Leistungsorientierung möglich sind. Dazu braucht es Lehrerfortbildung und Supervision.

Stellenweise erscheinen Juuls Vorschläge zwar sehr radikal, aber er gibt uns wertvolle Hinweise, wie wir auch im Kleinen Schule ein bisschen besser machen können. Trotz einiger inhaltlicher Längen: lesenswert. Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns gern in den Kommentaren.

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