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KI-gestützte Textanalyse mit Textopus

Nick Hansen, Gründer von Textopus, erzählt, wie aus dem Schulprojekt Lyrikkompass, das heute in viele Digitale Unterrichtsassistenten für das Fach Deutsch eingebundene Kooperationsprojekt Textopus wurde. Damit stehen nicht nur Tausende literarische Texte zur Verfügung, sondern auch die

Wünschelrute (1835) von Joseph von Eichendorff

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

(https://www.textopus.de/poems/59231-eichendorff-wuenschelrute)

Das schlafende Lied, das in Eichendorffs Wünschelrute erst durch das treffende Zauberwort ertönt, steht sinnbildlich für das, was viele Schülerinnen und Schüler im Deutschunterricht erleben: Die Sprache der Lyrik wirkt kryptisch und unzugänglich. Ihre inhaltliche Mehrdeutigkeit, sprachliche Verdichtung und sprachlich-formalen Eigenheiten stellen eine Hürde dar, die sich selten beim ersten Lesen überwinden lässt. Das methodische Handwerkszeug zur Erschließung lyrischer Texte dient hierbei wie eine Wünschelrute dazu, verborgene Sinnverbindungen aufzuspüren.

Genau dafür entwickelte ich Lyrikkompass, ein KI-gestütztes Werkzeug zur Erschließung lyrischer Texte: Die Idee entstand während meiner Abiturzeit 2023/24 im Rahmen einer besonderen Lernleistung in Nordrhein-Westfalen. Auch wollte ich der verbreiteten Abneigung gegenüber Lyrik begegnen. Das Tool unterstützt Lernende wie eine digitale Wünschelrute dabei, den Erschließungsprozess durch aspektorientierte Beobachtungen zu strukturieren. Inzwischen habe ich das Tool in Rücksprache mit dem Kooperationspartner Ernst Klett Verlag um dramatische und epische Texte erweitert und aus Lyrikkompass wurde Textopus.

Textopus im Überblick

Zum digitalen Lesen, als Text-Erweiterung zum Lehrwerk und für die KI-gestützte Analyse:

  • Große Textauswahl: über 65.000 Gedichte, 500 Dramen und 13.000 Erzähltexte aufrufbar
  • Interaktive Analyse: Analyseaspekte wie Metrum, Stilmittel u.v.m. auswählbar
  • Erkennen und Verstehen: kompakte Erklärungen und Beispiele zu jedem Analyseaspekt
  • Aufdeckmodus: Aspekte an der Tafel Schritt für Schritt aufdecken – optimal auch zur Selbstkontrolle der Lernenden
  • Eigene Texte analysieren: fehlende (z.B. urheberrechtlich relevante) Texte in einem geschützten Raum selbst eingeben

Einsatzmöglichkeiten

  • interaktives Tafelbild
  • gemeinsame Lösungskontrolle
  • Diskussionsgrundlage für die Textanalyse oder zum Selbstlernen für Schülerinnen und Schüler mit der App

Rechtssicherheit

  • Urheberrechtskonform
  • DSGVO-konform

Vom Schulprojekt zur Anwendung

Wie ich genau auf die Idee zur Anwendung kam, kann ich heute nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls machte mich der Aufschwung der Künstlichen Intelligenz (KI) Ende 2022 neugierig und ich wollte diese Innovation selbst nutzen. Bei der Suche nach einem Thema für meine besondere Lernleistung wurde mir klar, dass ich meine Interessen gerne verbinden würde: Mit Deutsch-Leistungskurs und Informatik-Grundkurs als Abiturfächer lag die Frage nahe, welche digitalen Werkzeuge den Deutschunterricht unterstützen können. Dabei fiel mir auf, dass es für den Deutschunterricht erstaunlich wenige digitale Mittel gibt, die Texte interaktiv zugänglich machen, ohne eine vollständige Lösung anzuzeigen. So entstand ein produktorientiertes, kreatives Projekt mit dem Titel „Entwicklung einer webbasierten Software zur interaktiven Lyrikanalyse“.

Vom Rohtext zur Analyse

Zunächst brauchte ich offene Textdatenbanken mit gemeinfreien Werken. Das sind Texte, die wegen Ablauf der Schutzdauer von 70 Jahren nach dem Tod der Autorin bzw. des Autors keinem Urheberrecht mehr unterliegen. Daher enthält Textopus auch nur Werke bis etwa in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für urheberrechtsgeschützte Texte, die nicht über die Textopus-Suche aufgerufen wurden, gibt es die Möglichkeit, sie in einem geschützten Bereich des Tools selbst einzugeben. Sie werden in Echtzeit analysiert und angezeigt, ohne dass Daten gespeichert werden oder abfließen.

Anschließend habe ich die umfangreichen Text- und Wissensdatenbanken sowohl KI-gestützt als auch regelbasiert angereichert, sodass verschiedene Analyseaspekte direkt im Text untersucht werden können. Die Herausforderung bestand darin, für den Menschen kognitiv anspruchsvolle Arbeitsschritte der Textanalyse von einer Maschine erledigen zu lassen. Ohne den und trotz des Einsatz(es) von KI ist das nicht umfassend möglich. Überhaupt setze ich nicht überall auf KI: Satzfiguren wie Wiederholungen lassen sich beispielsweise regelbasiert, also in fester Wenn-dann-Logik, präzise erkennen. Auch wenn KI sehr beliebt ist, sollte immer das geeignetste Modell zum Einsatz kommen, selbst wenn es das schlichtere ist. Textopus greift bei der KI zudem nicht auf ein Einheitsmodell wie ChatGPT zurück. Stattdessen nutze ich spezifische Sprachmodelle, die auf den jeweiligen Analyseaspekt abgestimmt sind. Das sorgt für eine höhere Qualität der Ergebnisse.

Anstöße statt vorgekauter Interpretation

Im Gegensatz zu gängigen, chatbasierten KIs gibt Textopus keinen ausformulierten Text aus, sondern visualisiert die Aspekte direkt im Text. Das hat mehrere Vorteile:

  1. Den Lernenden wird keine Interpretation vorgegeben. Diese muss immer noch selbst erstellt werden.
  2. Mit dem Aufdeckmodus lassen sich die Anmerkungen verstecken, sodass Lernende zunächst selbst beobachten und dann ihre Ergebnisse abgleichen können.
  3. In der Analyse sollen Ergebnisse nicht einfach aufgelistet, sondern ihre Wirkung muss herausgearbeitet werden: Textopus ermutigt, die Anmerkungen zu prüfen, zu filtern und eine eigene Deutung zu begründen. Dies entspricht einem ergebnisoffenen Interpretationsprozess, der Mehrdeutigkeiten ausdrücklich zulässt.
  4. Schülerinnen und Schüler formulieren bei Textopus keinen didaktisch ausgefeilten Prompt. Wer ein Gedicht mit dem Prompt „Analysiere und interpretiere das vorliegende Gedicht“ in einen Chatbot eingibt, erhält eine fertige Interpretation. Diese trägt kaum zum Lernprozess bei und führt im schlimmsten Fall zu plagiierten Arbeiten.

Umgang mit Fehlern der KI

KI hat ihre Grenzen, und das zeigen wir bewusst. Nach dem aktuellen Stand der Technik können KI-gestützte Anmerkungen nicht fehlerfrei sein. Nutzende sind daher aufgefordert, die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Gerade fehlerhafte Anmerkungen können den Blick aber auch schärfen. So erwerben Lernende neben Analysekompetenzen auch wichtige Kompetenzen im Umgang mit KI.

Ein Beispiel: Wenn in einem Gedicht fast jeder Vers als dreihebiger Jambus markiert und nur ein einzelner Vers abweicht, muss sich der Nutzende fragen: Wird das regelmäßige Metrum hier tatsächlich durchbrochen und welche Wirkung wird damit erzielt? Oder liegt eigentlich ein durchgängiges Metrum vor und der Vers wurde schlicht falsch erkannt? In beiden Fällen werden die Nutzenden zum Nachdenken angeregt, sie prüfen ihre Beobachtungen und korrigieren sie gegebenenfalls.

Probieren Sie Textopus aus!

Sie können alle Funktionen kostenlos an Probetexten testen. Den Vollzugriff auf sämtliche Texte, Analysefunktionen und Zusatzinhalte erhalten Sie als Lehrkraft in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten aktuell zu Deutsch kompetent Oberstufe oder Deutsch kombi plus kostenlos. Das soll im nächsten Jahr auf die unteren Klassen ausgedehnt werden, gerade weil nun auch viele Märchen, Ortssagen, Fabel und Novellen verfügbar sind.

Mit der Textopus-App können Ihre Schülerinnen und Schüler für 4,99 € im Jahr auch zu Hause andere Texte selbstständig erschließen und sich Schritt für Schritt auf Klausuren und das Abitur vorbereiten.
Ich bin gespannt, wie Sie Textopus im Unterricht einsetzen, und wünsche Ihnen viel Spaß beim Ausprobieren! Und falls die Wünschelrute einmal ausschlägt, wo gar kein Lied schläft, ist das ein guter Anlass, gemeinsam mit der Klasse nachzuhaken.

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