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„Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger – weder Abenteuer noch Fantasy!

Arno Geiger schreibt keine Heldengeschichten, auch keine von Antihelden. Es treten normale Menschen auf, Durchschnittsmenschen, die den Zweiten Weltkrieg erleben, erleiden, ertragen.

Eine Jugend im Krieg

Der Protagonist des Romans ist ein junger Mann von 23 Jahren, eigentlich noch jugendlich, denn er muss gleich nach dem Abi zur Wehrmacht, hat also noch gar keine Jugend leben können und muss doch schon Mann sein, im Krieg mitmachen. Dabei hat er Glück im Unglück. Er wird verwundet und kann zur Wiederherstellung seiner Kriegstauglichkeit nach Hause. So sehr er sich auf die Heimat freut, so schnell holt ihn sein Leiden an der Familie ein, die nationalistisch eingestellt ist und von ihm Heldentaten erwartet.

Veit Kolbe, der am Krieg und an seiner Familie leidende junge Soldat entzieht sich diesem Dilemma und mietet sich in Mondsee, einem Ort im Salzburger Land, nahe der Drachenwand ein. Die Drachenwand, ein Felsen, es gibt ihn wirklich, ist ein Fluchtort und zugleich ein Schutzort, aber auch ein Ort des Kriegsgeschehens im Hinterland, der anrückenden Front der Alliierten im Jahr 1944.

Aus dieser Situation des Kriegsalltags entwickelt Arno Geiger ein Bündel von Ereignissen, Erlebnissen und Themen. Veit Kolbe leidet an seiner durch den Krieg betrogenen Jugend, er sehnt sich nach Liebeserlebnissen und partnerschaftlichem Glück, möchte gern studieren und muss doch (vorerst) auf alles verzichten. Dafür quälen ihn schreckliche Traumbilder aus dem Krieg, die er mit Pervitin, einer dem Crystal Meth ähnlichen Droge, zu bewältigen versucht und die ihn abhängig zu machen droht. Das Pervitin bekommen die Soldaten quasi staatlich verabreicht, damit sie Heldentaten für einen unmöglichen Sieg vollbringen.

TAZ-Artikel zu Drogen im 2. Weltkrieg

Was sagt dieser Roman Schülerinnen und Schülern?

Es gibt also viel zu erzählen über einen Jugendlichen, der nur wenig älter als die Schülerinnen und Schüler und ihnen nahe ist, eben weil er seine Jugend vermisst, die die lesenden Schülerinnen und Schüler erleben können und noch vor sich haben. Arno Geiger gelingt es, die Geschichte so zu erzählen, dass sie nicht als bloße Leidensgeschichte erscheint oder sich in Sehnsucht auflöst.

Die umfangreichen 480 Seiten mögen abschrecken, aber der versierten Erzählweise Arno Geigers ist es zu verdanken, dass der Roman durch seine Vielseitigkeit der Verzweigungen, durch die einfühlsame und über weite Teile poetischen Sprache lesbar und kurzweilig bleibt. Außerdem werden dem Geschehen um Veit Kolbe weitere Geschichten anderer Figuren beigeordnet, besser nebengeordnet, die sich wechselseitig spiegeln und verschiedene  Perspektiven des Lebens sowie der Bewältigung des Kriegsalltags erfahrbar machen. Arno Geiger wird deshalb im September 2020, neben anderen Auszeichnungen, die er für seinen Roman bereits erhalten hat,  mit dem Friedrich-Schiedel-Literaturpreis für historisches Erzählen geehrt.

Friedrich Schiedel-Literaturpreis 2020 geht an Arno Geiger

Unterrichtshilfe „Stundenblätter“ bei Klett

In Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen ist Geigers Text Schwerpunktthema für das Abitur. Lohnt es auch sonst, Schülerinnen und Schülern diesen Text zu vermitteln, der etwas leistet, was Geschichts- oder Politikunterricht in dieser Weise nicht können. Inhaltlich gibt es eine Reihe von altersnahen Themen, wie Liebe, Familie, Angst, Unterdrückung, etc. Dann gibt es den interessant erzählten Text, an dem man Lesen und Verstehen lernen und üben kann, mit allen fachlichen Kompetenzen der Interpretation. Die Themen geben hinreichend Anlässe zur mündlichen und schriftlichen Kommunikation bis hin zur Ausbildung der so wichtigen Abiturfähigkeit. Dafür bietet das „Stundenblatt“ (Ernst Klett Verlag) kriteriengestützte Hilfen an: zur Sprach- und Figurenanalyse, zur thematischen Erarbeitung, zur literarischen Wertung,  zur Übung von Klausuren, zur Reflexion des individuellen Kompetenzstandes, etc. Am Ende kann man auch das Hören lernen, dafür ist dem Stundenblatt eine Bewertung der Hörbuchlesung beigefügt.

Man sollte den Roman ganz lesen, muss ihn aber nicht in Gänze bearbeiten. Das Stundenblatt macht Vorschläge für die Bildung sinnvoller Schwerpunkte.

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Über den Autor

Wolfgang Wittor

Wolfgang Wittor ist Gymnasiallehrer und Autor.

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