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Zwischen Geschichte und Gegenwart: Politische Spannungen im Deutschunterricht

Wie können politische Themen nicht nur in den Deutschunterricht eingebunden, sondern auch zur Demokratiebildung genutzt werden? Dieser Beitrag zeigt, wie Deutschunterricht zum Raum für kontroverse Diskussionen werden kann, indem er Haltungen kritisch hinterfragt, Meinungen zulässt und somit ein idealer Lernort für gelebte Demokratie wird.

Ein Raum für Diskussionen kann anlässlich einer gemeinsamen Lektüre, aber auch gänzlich unabhängig davon entstehen. Der Jugendroman „Bis die Sterne zittern“ von Johannes Herwig beispielsweise, aktuell Pflichtlektüre in Sachsen, erzählt von Jugendlichen zwischen Anpassung an das nationalsozialistische System und mutigem Widerstand. Damit trifft er den Nerv der heutigen Zeit und im Klassenzimmer auf Lernende, die zwischen ähnlichen Herausforderungen, Gruppenzwang und alternativen Wegen hin- und herschwanken.

Deutschlehrkräfte fordert die Auseinandersetzung mit politischen Themen in vielerlei Hinsicht heraus, doch besondere Beachtung sei hier den verschiedenen politischen Einstellungen der Lernenden in Unterrichtsgesprächen und der damit verbundenen Vermittlerrolle der Deutschlehrkraft geschenkt.

Politische Spannungen sichtbar machen

Es lohnt sich für die Lehrkraft, bereits vor der Bearbeitung politisch aufgeladener Themen, wie in meinem Fall der Lektüre, zu hinterfragen, wie die Lerngruppe politisch tickt. Ich selbst nutze hierfür aktuelle Themen in Blitzlichtern oder gebe Themen vor, die in Form einer Pro- und Kontra-Argumentation Gesprächsregeln festigen und gleichzeitig auch politische Einstellungen und meiner Lernenden Meinungen sichtbar werden lässt. Da meine Lerngruppen in jeder Hinsicht heterogen sind, lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen und somit auch ein Vorabgespräch mit der Klassenleitung oder den Fachlehrkräften für Gemeinschaftskunde und Geschichte.

All das gibt mir die Möglichkeit, meine Unterrichtseinheiten so vorzubereiten, dass ich einerseits die politischen Spannungen in meinem Klassenzimmer sichtbar mache und andererseits Methoden wähle, die für den sensiblen Umgang mit unterschiedlichen politischen Einstellungen geeignet sind.

Die Brisanz politischer Diskussionen offen ansprechen

Bewährt hat sich, in das Thema „Meine politische Sicht“ äußerst diskret einzusteigen. Den Lernenden hierbei zu ermöglichen, sich zuerst für sich selbst bewusst zu positionieren, abzuwägen, wo man politisch steht (Pro- und Kontra-Liste möglich) oder einen Brief an die Hauptfigur des Buches zu schreiben, in der man dieser die eigene Sicht erklärt, gibt den pubertierenden Lernenden Raum, sich selbst kritisch zu hinterfragen.

Damit versuche ich zu vermeiden, die Lernenden, die eher geringes politisches Interesse und mangelnde Kenntnisse haben, Bloßstellungen auszusetzen.
Konstruktives Diskutieren gelingt mit Verständnis und Unterstützung durch eine Lehrkraft, die die Gruppendynamik der Lerngruppe erkennt und für die Buchbehandlung zielführend nutzt.

Literaturunterricht hat hierbei einen entscheidenden Vorteil: Literatur schafft Distanz. Es geht nicht um die Erfahrungen der Lernenden selbst, sondern um Buchfiguren und historischen Kontext. Dass die Handlung auf die Lebenswelt der Lernenden übertragen werden kann, ermöglicht Sichtweisen, die Selbstreflexion fördern, ohne zu polarisieren.

Einstieg: Gesprächsregeln für politische Diskussionen erarbeiten

Alle Meinungen dürfen sein und gleichzeitig kritisiert werden. Wenn die Lehrkraft den Lernenden von Beginn der Lektüre an zu verstehen gibt, dass die eigene Meinung genauso zählt und wertvoll ist, wie die Meinung jedes anderen Lernenden der Gruppe, gelingt ein konstruktives Miteinander und ein echter, respektvoller Umgang miteinander.

Um einen positiven ersten Zugang zu erreichen, starte ich nach der gemeinsamen Lektüre und der Figurencharakteristik mit einer Gruppenarbeit, in der gemeinsam Gesprächsregeln für jedes nun folgende Unterrichtsgespräch erarbeitet werden. Die Gruppen stellen ihre jeweiligen Ergebnisse der gesamten Lerngruppe vor und begründen, weshalb diese Regeln für sie relevant sind. Die wichtigsten Regeln fasse ich für alle zusammen und stelle diese Übersicht jedem Lernenden zur Verfügung.

Leitlinien für politische Gespräche im Literaturunterricht:

  • Die Lehrkraft moderiert oder wählt eine/-n Lernende/-n als Moderator/-in aus.
  • Die Heterogenität der Gruppe und der Schutz einzelner Lernender sowie emotionale Betroffenheit sind unbedingt zu beachten.
  • Aussagen dürfen kritisiert werden, Menschen nicht.
  • Ich-Botschaften schaffen die nötige Distanz und greifen niemanden an.
  • Zuhören und Ausreden lassen machen den Bezug zu Gesagtem möglich.
  • Die Lernenden begründen Aussagen mit Textstellen oder historischen Fakten.
  • Es gilt eine klare Grenze: Keine Verharmlosung oder Verherrlichung nationalsozialistischen Unrechts.
  • Die Lehrkraft gibt den Gesprächsrahmen vor, in dem ihre klare Haltung Orientierung schafft, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken.

Die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischer Lektüre zeigt eindrücklich, dass Deutsch- und insbesondere Literaturunterricht weitaus mehr als Textanalyse sein kann. Politische Spannungen im Klassenzimmer werden dabei nicht zum Problem, sondern zum Ausgangspunkt für lebendige, werteorientierte und offene Diskussionen. Gespräche über brisante Themen müssen im Literaturunterricht geführt werden, nicht verhindert.

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Haben Sie bereits politische Themen im Deutschunterricht angerissen oder entsprechende Diskussionen geführt? Wie sind Ihre Erfahrungen damit? Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen!

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Über die Autorin

Lucienne Raithel

Lucienne Raithel ist seit 8 Jahren als Deutschlehrerin an einer Oberschule im sächsischen Plauen tätig. Nach ihrem Studium der Germanistik und Journalistik in Leipzig war sie im Vertrieb und im Marketing verschiedener Unternehmen tätig. 2017 entschied sie sich für den Seiteneinstieg in den Lehrerberuf. Nebenberuflich ist sie als Lehrerin mittendrin auf Instagram aktiv.

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