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Die Macht der Bilder II

Das Deutsch kompetent Kursthemenheft „Sprache und Kommunikation in analogen und digitalen Medien“ zum Abiturthema 2028–2030 stellt das Sprachverwendungsmodell von Koch/Oesterreicher in den Mittelpunkt. Mittlerweile haben sich unsere Gesellschaft und damit Sprache und Kommunikation jedoch weiterentwickelt und verändert. Wie mit dieser Herausforderung umgegangen werden kann und wie sich das Bild als Kommunikationsmittel besser verstehen lässt, zeigt der Beitrag.

Die Wende zur multimodalen Kommunikation

Botschaften in den Sozialen Medien sind so fragmentiert, dass sie das Bewusstsein tröpfchenweise erreichen – und dabei langsam formen, wie der der stete Tropfen seinen Stein. Im Zentrum von beidem – sowohl der veränderten Rezeption als auch der fragmentierten Inhalte – steht das Bild als Kommunikationsmittel und Zeichenträger.

Die Medienwissenschaft hat das längst erkannt und unter den Schlagwörtern „pictorial turn/iconic turn“ sowie „multimodal turn“ beschrieben. Es findet sich hierzu und zu den weiteren Themen des Blogbeitrags mehr im neuen Kursthemenheft „Sprache und Kommunikation in analogen und digitalen Medien“ des Klett Verlags, ansonsten sei zur Übersicht der Beitrag Alberto Martinengos im „International Lexicon of Aesthetics“ empfohlen.

Die Tradition der Zeichenanalyse

Auch im Deutschunterricht ist die Beschäftigung mit Bildern verwurzelt. Allerdings folgt sie oft keiner verbindlichen Beschreibungssystematik wie etwa der Semiotik. Dass das so ist, hat auch historische Gründe: In den „Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft“ de Saussures findet sich auf Seite 78 folgendes Bild, das die Verbindung einer Vorstellung (/Baum/ oder das Bild des Baumes) mit dem Lautbild, hier dem lateinischen [arbor] veranschaulichen soll.

Illustration Baum arbor Lautbild

In der oberen Diagrammhälfte steht das Bild des Baumes für den Begriffsinhalt selbst. Das aber macht den Gedanken schwierig, das Baumbild selbst als Zeichen zu analysieren und zum Beispiel zu fragen: Woran erkennen wir den Baum im Unterschied zum Pilz oder Busch? Oder: Wie wirkt das Bild dieses Baumes auf uns und warum?

Das hat auch de Saussures Materialfeindlichkeit zu tun: „Das Material, mit dem die Zeichen hervorgebracht werden, ist gänzlich gleichgültig […].“, Grundfragen, S. 143). Als Digital Immigrants tun wir uns bis heute teilweise schwer damit, Aspekte der Gestaltung von Inhalten als Teil der Botschaft zu erfassen, auch wenn Werbung und die klassischen Medien schon länger mit Text-Bild-Botschaften arbeiten.

Die Bild- bzw. Materialfeindlichkeit zeigt sich auch noch im Sprachverwendungsmodell von Koch/Oesterreicher aus dem Jahr 1985, das bekanntlich im Zentrum des bundesländerübergreifenden Sprachthemas für das Deutsch-Abitur ab 2028 steht. 1985 war das Modell durchaus innovativ: Mündlichkeit und Schriftlichkeit können wir nämlich, so Koch/Oesterreicher, nicht nur als Repräsentationsformen von Sprache denken (also medial mündlich bzw. medial schriftlich), sondern auch konzeptionell, also in der Art, wie die Äußerung geplant ist und entsteht: nämlich mündlich, d.h. unter anderem spontan mit hohem Kontextbezug, oder schriftlich, d.h. unter anderem geplant mit geringem Kontextbezug.

Die Darstellung von Koch/Oesterreicher darf bei allen Verdiensten heute als überholt bezeichnet werden. Es sei hier fairerweise ergänzt, dass die Mängel des Modells nicht Koch/Oesterreicher selbst anzulasten sind. 1985 war die Welt der Kommunikation noch eine andere: 1984 wurde in Deutschland die erste E-Mail empfangen. Das erste Kommunikationsprogramm für textbasierte, synchrone und interaktive Kommunikation, also die Basis unserer heutigen Chats, wurde gar erst 1988 programmiert; ein deutschsprachiges Präsentationsprogramm gibt es (für Apple Macintosh) ebenfalls erst seit 1988, PowerPoint für Windows dann ab 1990. Und alles war um 1990 noch lange nicht massentauglich oder gar weit verbreitet.

Mängel mit Blick auf die Konzeptionsebene heißt z. B.: Etwa die Chatkommunikation zeigt disparate Kommunikationsbedingungen, da Merkmale der Nähe- bzw. Distanzsprachlichkeit gleichzeitig zutreffen. Zum anderen (und für unseren Zusammenhang wichtiger) mit Blick auf die Repräsentationsformen. Denn nicht nur kann die Trennung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit aufgehoben sein, wie z.B. bei PowerPoint-Vorträgen, sondern es bleibt auch die visuelle Ebene vollkommen ausgeklammert.

Wie sich das Bild als Kommunikationsmittel besser verstehen lässt.

Angesichts der offensichtlichen Mängel des Modells kann dessen Herausstellung im Rahmen eines Abiturthemas über 40 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung nur als Appell verstanden werden, die erwähnten Mängel zu benennen und – im Idealfall – zu schließen. Mit Blick auf das Kommunikationsmittel Bild sind dabei die Erkennungscodes von Bildern elementar, wie sie u.a. Umberto Eco in seiner „Einführung in die Semiotik“ beschreibt: Erkennungscodes sind die grundlegenden Merkmale eines Bildzeichens, auf Grund derer wir die Zeichen selbst oder die abgebildeten Gegenstände selektionieren. Das klingt komplizierter, als es ist, und wird am Beispiel schnell klar: Eco nennt das Zebra, das sich durch seine Streifen insbesondere vom Pferd unterscheidet. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Unterschieden mehr zwischen Zebras und Pferden, doch wir erkennen das Zebra (im Unterschied zum Pferd) auch in der vereinfachtesten zeichnerischen Darstellung eben sofort und meist nur an den Streifen.

Kommunikation und Sprache in analogen und digitalen Zusamenhängen

Das Deutsch kompetent Kursthemenheft „Kommunikation und Sprache in analogen und digitalen Zusamenhängen“ bereitet auf das Abiturthema ab 2028 vor und zeigt die Vielfalt unserer Verständigunsmöglichkeiten auf. Es beschreibt und vergleicht Kommunikationsmodelle und analysiert digitale Vertsändigungsprozesse, also die Multimodalität heutiger Unterhaltungen. Es thematisiert Leistung und Grenzen des Modells von Koch/Oesterreicher sowie die Chancen und Herausforderungen digitaler und analoger Kommunikation in unseren privaten und öffentlichen Zusammenhängen – neuerlich auch unter dem Einfluss von Künstlicher Interlligenz. Das alles spielt eine wesentliche Rolle für Prozesse des Meinungsbildung, wo es um Aufklärung, Beeinflussung und Manipulation ebenso geht, wie um die Veränderung unserer Sprache, mag man das nun als Gewinn oder Verlust betrachten. In jedem Fall aber sollte die Untersuchung von Bildern als Kommunikationsmittel – wie auch bereits im Auftaktbeitrag erläutert – deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidnet werden und sie sollte im Unterricht eine deutlich größere Rolle spielen. Hilfreich wären dabei konkrete curriculare Vorgaben zur „Grammatik“ oder zur Semiotik des Bildes, die es erlaubten, die angesprochenen Beschreibungslücken schneller zu schließen.

Zwei Schreibtrainings zur Erörterung pragmatischer Texte und zum materialgestützten Schreiben informierender Texte runden die Abiturvorbereitung ab.

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Über den Autor

Dr. Stefan Schäfer

Dr. Stefan Schäfer ist Autor von Klett-Materialien für den Deutschunterricht. Zu seinen Veröffentlichungen gehören unter anderem Titel wie „Materialgestütztes Schreiben, Essay und Kommentar“, aus der Reihe Kursthemen „Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen“ u.v.m.

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