Die veränderten Rezeptionsweisen sind nur ein Spiegel veränderter Kommunikationsinhalte, die sich oft kaum mehr als politischer Diskurs oder gesellschaftliche Debatte beschreiben lassen: Botschaften sind auf Tiktok, X, Insta oder Facebook so fragmentiert, dass sie das Bewusstsein tröpfchenweise erreichen – und dabei langsam formen, wie der stete Tropfen seinen Stein. Ein Geraune hier, ein Reel da und im nächsten Moment schon wieder der süße Pandabär.
Im Zentrum von beidem – sowohl der veränderten Rezeption als auch der fragmentierten Inhalte – steht das Bild als Kommunikationsmittel und Zeichenträger. Das hat physiologische Ursachen: Auf der primären Sehrinde, die circa 15 Prozent der gesamten Großhirnrinde ausmacht, konnten bislang über 30 verschiedene visuelle Areale beschrieben werden. Rund 60 Prozent der gesamten Großhirnrinde sind an der Wahrnehmung und Interpretation visueller Reize und der Reaktion darauf beteiligt. Um ein Bild erkennen zu können, benötigen wir nur rund 13 Millisekunden, die Dauer eines Blinzelns.
Und das hat psychologische Konsequenzen: Bilder wirken nicht nur schneller als zum Beispiel verbale Botschaften, sondern sind auch wirkmächtiger und einprägsamer. Die Medienwissenschaft hat das längst erkannt und unter den Schlagwörtern „pictorial turn/iconic turn“ sowie „multimodal turn“ beschrieben. Es sei zur Übersicht der Beitrag Alberto Martinengos im „International Lexicon of Aesthetics“ empfohlen. Auch im Journalismus werden diese Erkenntnisse schon seit Längerem bewusst eingesetzt.
Gerade bei Nachrichtenbildern in den Medien ist es wichtig, deren Framing zu verstehen, also wie ein Ausschnitt oder die Perspektive die Aussage eines Bildes steuert: Sie wird vereinfacht, vertieft, problematisiert, verdeutlicht, triggert, erhellt oder uns in die Irre führt. Für den Umgang mit medialen Bildern muss unser Bewusstsein geschärft werden. Der verlinkte Beitrag und das erste Arbeitsblatt zum Download (Arbeitsblatt 1: Mit Jugendlichen über die Bedeutung von Bildern sprechen – Tipps von Valentina Crosato, laif Foundation) zeigen hier Wege auch für Schulen auf.
Ebenso ist im Deutsch- oder Geschichtsunterricht die Beschäftigung mit Bildern verwurzelt: Von den Bildbeschreibungen, der Nutzung des Bilds als historische Quelle über die Visualisierung von Inhalten in Referaten sowie der Beschäftigung mit diskontinuerlichen bzw. Hypertexten bis hin zur Filmanalyse spielen Bilder immer wieder eine wichtige Rolle. Allerdings folgt die Beschäftigung mit den Bildern oft keiner verbindlichen Beschreibungssystematik wie etwa der Semiotik. Ausnahmen gibt es bisweilen, wenn spezielle Abiturthemen die Beschäftigung mit der Semiotik des Films oder des Bildes einfordern oder nahelegen (etwa als Teil der Beschreibung der Semiotik des Faschismus, z.B. im Zusammenhang mit der Rhetorik) oder auch im Umgang mit Quellen im Geschichtsunterricht.
Mit Blick auf das Kommunikationsmittel Bild sind dabei die Erkennungscodes von Bildern elementar, wie sie u.a. Umberto Eco in seiner „Einführung in die Semiotik“ beschreibt: Erkennungscodes sind die grundlegenden Merkmale eines Bildzeichens, aufgrund derer wir die Zeichen selbst oder die abgebildeten Gegenstände selektionieren. Das klingt komplizierter, als es ist, und wird am Beispiel schnell klar: Eco nennt das Zebra, das sich durch seine Streifen insbesondere vom Pferd unterscheidet. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Unterschieden mehr zwischen Zebras und Pferden, doch wir erkennen das Zebra – im Unterschied zum Pferd – auch in der vereinfachtesten zeichnerischen Darstellung eben sofort und meist nur anhand der Streifen. Was wir im übertragenen Sinne also mit den Schülerinnen und Schülern bei der Bildbeschreibung – sei es in der privaten wie der öffentlichen Kommunikation – suchen, ekennen und zu benennen versuchen sollten, sind, metaphorisch gespochen, die „Streifen“ zentraler Inhalte. Eine Anregung zur Bewusstmachung der beschriebenen Prozesse bietet das zweite zum Download angebotene Arbeitsblatt. Will man die Erkenntnisse noch erweitern, lassen sich vor dem erarbeiteten Hintergrund und wie am Ende des Arbeitsblatts angeregt, konkrete Fundstücke der Schülerinnen und Schüler auf ihre Erkennungscodes überprüfen. Greift man dabei auch auf Nachrichtenbotschaften im Social-media-Bereich zurück, können das zum Beispiel negative Emotionen wie Angst und Hass sein, die gerade im politisch ganz rechten Diskursrand eine so zentrale Rolle spielen. Umgekehrt könnte aber auch versucht werden, mit den Lernenden „Streifen“ zum Beispiel für Mut oder Demokratie zu generieren, das heißt eine Bildkampagnene für diese Inhalte so zu entwickeln, dass die Bildinhalte ikonisch werden könnten.
In jedem Fall aber sollte die Untersuchung von Bildern als Kommunikationsmittel im Unterricht eine größere Rolle spielen – auch, um das Verständnis für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu schärfen und um bewusst damit umgehen zu können.
Weiterführende Links:
- Historische Bildmanipulationen – Photoshop der Geschichte – MrWissen2Go
- Manipulierte Bilder: Wenn der Fake zur Lachnummer wird – Spiegel
- Kein Bezug zu Angriff des Iran: Video zeigt alte Szenen aus Gaza und der Türkei – Correctiv Faktenforum
- Altes Video aus syrischer Versammlung verbreitet sich im falschen Kontext – Correctiv Faktenforum
- Nein, Videos zeigen nicht die USS Abraham Lincoln nach iranischen Angriffen – Correctiv Faktenforum


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