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Diskutieren und Aushalten – Deutschunterricht fördert Ambiguitätstoleranz

Besonders bei literarischen Texten liegen „Aussagen“ nicht einfach vor, sondern müssen erschlossen werden. Dabei zeigen sich oft sehr individuelle Auffassungen. Im Deutschunterricht können diese unterschiedlichen Sichtweisen begründet dargestellt sowie eigene und fremde Deutungen diskutiert werden. Lässt man anderes neben eigenen Erfahrungen als nachvollziehbar stehen? Verändert sich die eigene Sicht? Ein spannender Prozess. Und: Was für eine Chance auf mehr!

Ein Satz steht an der Tafel: „Das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann eine andere tiefe Wahrheit sein.“ Er wird Niels Bohr zugeschrieben. Es wird still. Die Schülerinnen und Schüler schauen nach vorn, einige skeptisch, andere neugierig.
Dann beginnt es zu rumoren: „Das ergibt doch keinen Sinn.“ – „Doch, vielleicht schon!“
„Wie sollen zwei Wahrheiten gleichzeitig stimmen?“ – „Kommt drauf an, wie man Wahrheit versteht.“
Innerhalb weniger Sekunden entsteht eine Kontroverse. Und genau in diesem Moment zeigt sich etwas Entscheidendes: Dieser Einstieg ist nicht nur ein Impuls, der Aufmerksamkeit weckt. Er ist ein Paradigma des Lernens im Deutschunterricht selbst. Denn das, was hier passiert, ist das Grundprinzip von Sinnbildung: Mehrdeutigkeit und Unschärfe führen dazu, dass Bedeutung nicht vorliegt, sondern im gemeinsamen Denken ausgehandelt werden muss. Der Deutschunterricht ist damit ein Raum, in dem sich Denken zwischen Polen bewegen kann: zwischen Eindeutigkeit und Unschärfe, zwischen Text und Interpretation, zwischen eigener Sicht und fremder Perspektive.

Textverstehen als Demokratieförderung

Texte öffnen Möglichkeiten, fordern Entscheidungen, verlangen Begründungen und machen zugleich sichtbar, dass Sinn im Austausch wachsen kann. Die hier beschriebene Ambiguität hat ein besonderes didaktisches Potenzial: Sie zeigt, dass Sprache immer mehr umfasst, als sie ausdrücklich sagt, und dass Verstehen sich nicht darin abbildet, eine einzige Lesart festzulegen, sondern darin, Wahrnehmung zu schärfen, Sprache zu präzisieren und Unterschiede auszuhalten.
Bohrs Satz erhält hier seine volle Bedeutung: Auch widersprüchliche Sichtweisen können nebeneinander bestehen, wenn beide „tiefe Wahrheiten“ im Sinne gut begründeter Einsichten sind. Der Deutschunterricht macht diese Erfahrung zugänglich und zeigt, dass Komplexität kein Stolperstein ist, sondern ein Reichtum.

Mehrdeutigkeiten diskutieren und aushalten

Ambiguität im Deutschunterricht ist kein ästhetisches Nebenprodukt, sondern eine Haltung, die auf demokratisches Zusammenleben ausgerichtet ist. Wer im Klassenzimmer erfährt, dass man sich auseinandersetzen kann, ohne einander zu verlieren, und dass mehrere Sichtweisen nebeneinander bestehen dürfen, macht eine Erfahrung, die weit über den Deutschunterricht hinausgeht: Sie zeigt, wie wertvoll es ist, offen zu bleiben, sich nicht vorschnell auf eine Deutung festzulegen und Argumente am Text entlang zu entwickeln, statt über ihn hinweg zu urteilen. So entsteht eine Art des Denkens, die dabei hilft, sich in einer vielfältigen Welt zu bewegen und mit anderen Perspektiven zu leben, ohne die eigene aus dem Blick zu verlieren.
Und vielleicht ist das im Alltag einer Unterrichtsstunde nicht immer weltbewegend.
Vielleicht aber doch.

Für Sie zum kostenlosen Download

Probieren Sie mit diesem downloadbaren Arbeitsblatt im eigenen Unterricht aus, wie ihre Lernenden auf die Bewusstmachung unterschiedlichen Denkens reagieren und wie sie damit umgehen.
Der Beispieltext von Heine lässt sich gut auch durch andere Texte ersetzen.

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Über die Autorin

Hannah Eden

Hannah Eden, Jahrgangsleitung 5 und Sprachberatung, Oberschule im Park (440)

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