KI erzeugt schematische Texte, keine Musterlösungen
Wir alle waren vermutlich selbst überrascht, begeistert oder schockiert, als wir zum ersten Mal die Textgenerierung durch KI-Software beobachtet haben. Längst lassen sich unsere Lernenden Hausaufgaben, Übungsaufsätze und Referate (vor)formulieren. Oft fallen die Ergebnisse auf, weil die Texte z. B. frei von orthographischen Fehlern sind und eben nicht die Formulierungsfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler widerspiegeln, während sie inhaltlich redundant oder manchmal gar oberflächlich sind.
Folgende Punkte können typisch für KI-generierte Texte sein:
- Ein zu gleichmäßiger, glatter bis langweiliger Stil: Die KI erzeugt ohne ausdrücklich andere Anweisungen einheitliche Satzlängen und eine gleichförmige Syntax, denn sie ist auf gute Lesbarkeit und eine eingängige Sprache trainiert. Ellipsen, stilistische Besonderheiten, syntaktische Varianz und Ähnliches müssten explizit im Prompt verlangt werden. Aber würde selbst das ein individuellen Stil ausmachen?
- Eine überpräzise oder überhöhte Ausdrucksweise: Die KI verwendet, wenn nicht anders gefordert, für das Alter der Schüler untypische Formulierungen, z.B. „demzufolge“, „im Folgenden wird … dargelegt“ oder untypische Fach- oder Fremdworte. Der Grund ist klar: Die KI wurde nicht mit Schüleraufsätzen trainiert und passt sich selbst bei expliziter Forderung im Prompt nur bedingt sicher an das Sprachniveau von bspw. Siebtklässlern an.
- Allgemeinplätze ohne individuelle Bezüge: Konkrete Beobachtungen, Beispiele oder Details eines individuellen Lebens kann eine KI nicht bieten. Large Language Modells arbeiten mit statistischen Wahrscheinlichkeiten und können persönliche Eindrücke nicht glaubwürdig anbieten. Selbst wenn diese im Prompt gefordert werden, bleiben sie oft vage und nichtssagend.
- Eine inhaltlich flache oder nicht hierarchisierte Argumentation: Die KI zählt Argumente ohne tiefergehende Begründung oder eigene Positionierung auf. Stattdessen verwendet sie gern Allgemeinplätze à la „Freundschaft ist wichtig, weil man sich gegenseitig unterstützt.“ Der Grund dafür ist wiederum, dass die KI Durchschnitte generiert, seien es nun Meinungen oder Positionen. Kontroverse bis polarisierende Aussagen sollte sie, das ist ihr vorgegeben, tunlichst vermeiden.
- Eine repetitive Struktur im Bereich der Sinnabschnitte: Hier ist es wohl am deutlichsten sichtbar. Inhaltlich neue Abschnitte werden ähnlich eingeleitet, da die KI monotone rhetorische Muster zur Textstrukturierung nutzt, z. B. „Ein weiterer wichtiger Punkt ist …“, „Zudem sollte man beachten …“
„Schülerbeispiel“ von ChatGPT
Bei der Recherche zu diesem Blogbeitrag wurde an die kostenlose Version von ChatGPT, die auch eine Vielzahl unserer Schüler verwenden dürfte, folgender Auftrag gerichtet:
Du bist Schüler der 9. Jahrgangsstufe an einem bayerischen Gymnasium. Erstelle ein Argument für einen Deutschaufsatz „antithetische Erörterung“, in dem du dich für die Einführung eines Verpflichtenden sozialen Jahres für alle aussprichst.
Selbst wenn der Prompt durch die Nennung des gewünschten Schreibers und der Schreibform schon recht genau eingestellt wurde, bietet der von ChatGPT ausgegebene Text beinahe alle oben genannten Spezifika KI-generierter Texte:
Ein verpflichtendes soziales Jahr könnte dazu beitragen, dass Jugendliche mehr Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Viele Schüler kennen bisher nur den Schulalltag und ihr eigenes Umfeld. Wenn man ein Jahr lang in einer sozialen Einrichtung arbeitet – zum Beispiel im Kindergarten, im Krankenhaus oder in der Altenpflege –, erlebt man hautnah, welche Probleme es im Alltag anderer Menschen gibt. Dadurch lernt man, Rücksicht zu nehmen und anderen zu helfen. Das macht nicht nur die Gesellschaft solidarischer, sondern bringt auch den Jugendlichen persönlich viel, weil sie wichtige Erfahrungen für ihr weiteres Leben sammeln.
Quelle: Antwort der Künstlichen Intelligenz ChatGPT-4 auf den Prompt: „Du bist Schüler der 9. Jahrgangsstufe an einem bayerischen Gymnasium. Erstelle ein Argument für einen Deutschaufsatz „antithetische Erörterung“, in dem du dich für die Einführung eines verpflichtenden sozialen Jahres für alle aussprichst.“ aus einem Chat v. 29.08.2025, Prompt von Peter Günzel, zit. nach https://chat.openai.com (Zugriff 26.09.2025)
Ein glatter, wohlformulierter Text mit repetitiver Syntax und Allgemeinplätze, wohin das Auge nur blickt. Zwar ist der Text gefällig geschrieben, doch ist er deswegen auch überzeugend? Im Grunde nicht, da er keinerlei persönliche Note enthält und die Lesenden einfach nicht erreicht, da er die emotionale Seite von Rezipienten gar nicht anspricht. Ein selbst formuliertes Argument, das die eigenen pflegebedürftigen Großeltern zum Beispiel nimmt und daran zeigt, wie Fürsorglichkeit zu sozialem Handeln führt – eine menschliche Kompetenz, die erfahren und erlernt werden muss -, kann das verpflichtende soziale Jahr als eine gute Idee erscheinen lassen. Das ist für Leser um ein Vielfaches überzeugender.
Sensibilität für den eigenen und den KI-generierten Text schärfen
Es muss bei der Thematisierung von KI im Deutschunterricht somit auch darum gehen, KI als Hilfsmittel und Impulsgeber zu erkennen, zu bewerten und zu verwenden. Daher ist es notwendig, dass wir Lernende an KI-generierten Texten zeigen, wie eine KI arbeitet und worin sich ihre Texte von individuell menschlichen inhaltlich und formal unterscheiden, ja unterscheiden müssen. Zudem, was den Mehrwert von KI-Texten (schnelle Generierung, formale Sicherheit) und den Mehrwert von menschengemachten Texten (Individualität) ausmacht. Einen denkbaren Vorschlag dazu bietet Ihnen das Arbeitsblatt zum Download, das für die Arbeit in einer 8. oder 9. Jahrgangsstufe einsetzbar ist.
Unterrichtsvorschlag
Die oben beschriebenen fünf Punkte können dabei im Unterricht zunächst thematisiert und an einem KI-generierten Text gemeinsam herausgearbeitet werden, bevor man mit dem Arbeitsblatt arbeitet. Es ist aber ebenso möglich, induktiv in das Arbeitsblatt einzusteigen, da Aufgabe 1 bereits einige Merkmale KI-generierter Texte als Hilfestellung aufgreift. Aufgabe 2 zielt dann auf die inhaltliche und stilistische Individualisierung ab, während Aufgabe 3 die Metaebene berührt und damit zur Reflexion über die Verwendung von KI zur Texterstellung anregt. Abschließend könnte dann versucht werden, Auffälligkeiten von KI-generierten Texten oder der Einsatz von KI als Schreibhilfe auf einem Lernplakat festzuhalten.
Für Sie zum kostenlosen Download
weitere Blogbeiträge zum Thema „KI“
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Vielen Dank für den Beitrag!
Mir ist nur aufgefallen: Ist unter dem Text über Freundschaft auf dem AB tatsächlich der richtige Prompt oder hat sich da ein anderer eingeschlichen?
Vielen Dank für Ihren Hinweis.
Wir haben die Quelle angepasst.
Herzliche Grüße
Ihre Redaktion vom Deutsch-Klett-Blog