Gerade haben wir sie wieder erlebt – jene aus der Zeit gefallene Phase „zwischen den Jahren“: Kurze, dunkle Tage und lange, ruhige Nächte. Sie unterbrechen den anstrengenden Alltag mit einer umfassenden Stille. Sonst kaum mehr gekannte und hochwillkommene Mußestunden bringen ungeahnte Gedanken an Vergangenheit und Zukunft hervor, an Versäumtes und Gewünschtes.
„Er setzte Fuß vor Fuß, als müsste jeder Tritt einen Abdruck hinterlassen im Schnee, der auch an diesem Spätnachmittag fiel, Flockenwirbel im Grau, das herabhing, von den Vordächern und Giebeln der Stadt, an denen er seltsam unberührt vorübergegangen war, vom Bahnhof durch die Hauptstraße Richtung Hügel, befremdet darin, dass die Straßen nicht mehr die waren, die er einst als Kind gegangen war.“
Zur Zeit der Raunächte, jener geheimnisvollen, sagenumwobenen Phase zwischen Weihnachten und dem 6. Januar, in der Dunkelheit und Stille den drängenden Fragen im Leben Raum geben, kehrt ein Mann nach vielen Jahren in sein Heimatdorf im Schwarzwald zurück. Damals verließ er die Familie, den elterlichen Hof und alles, was sein Leben ausmachte, weil er, überwältigt von der Wucht seiner Gefühle, keine Worte für seine tiefe Kränkung und seinen haltlosen Zorn finden konnte – und schließlich schuldig wurde. Diese Schuld und der drängende Wunsch, seiner Empfindungen Herr zu werden, die ebenso wild, undurchdringlich und verschlossen zu sein scheinen wie die winterliche Landschaft im Schwarzwald, führen ihn, begleitet von mächtigen Erinnerungen, ungelebten Wünschen und der unfassbaren Hoffnung auf Klärung, nun dorthin zurück, wo unter dem tiefen Schnee die alten Geschichten der Vergangenheit ruhen.
Die kurze, gerade 80 kleinformatige Seiten umfassende Erzählung, erschienen in der bibliophilen Insel-Bücherei, ist mit äußerster Konsequenz auf das Wesentliche reduziert. Keine entbehrliche Detailschilderung und schon gar kein unnötiges sprachliches Ornament unterbrechen die präzise Geschichte, die ihren zunehmend beunruhigt-gefesselten Leserinnen und Lesern die dunkel-schwere Frage als Lektürebegleiterin an die Seite stellt, warum in jenen fernen Raunächten „kein Windspiel […], kein Mistelzweig, kein Johanniskraut, selbst Beifuß und Mariengras“ das von Manfred und seinem Bruder Sebastian „heraufbeschworene“ Unheil abwenden konnten.
Die überwiegend in diffusen Grautönen gehaltenen, das winterliche Zwielicht reflektierenden Illustrationen von Nanne Meyer korrespondieren ebenso eindringlich wie selbstverständlich mit der geheimnisvollen Atmosphäre der Landschaftsschilderungen. Sie dienen den Leserinnen und Lesern als kurze Atempausen und zugleich als Resonanzraum für die Gefühle und Fragen, die der Text aufwirft: Ist uns ein Schicksal gegeben, dem wir unentrinnbar ausgeliefert sind? Mildert die Zeit die Unbarmherzigkeit einer mit aller Härte und Konsequenz getroffenen Entscheidung? Kann es nach einem bodenlosen Rausch der Affekte Versöhnung geben?
Ulrich Faes stellt seiner Erzählung Verse aus Paul Celans Heimkehr voran. In der ersten Fassung des Gedichts wird an ein „unterdrücktes Gespräch mit dem Leben“ erinnert. Werden Manfred und Sebastian, berührt durch ein „leises Sausen um die Fenster, ein Ziehendes aus dem Unterholz, ein kurzes Pfeifen und jemandes Erschrecken, das darein fiel“, dieses Gespräch in einer Raunacht führen können?
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https://www.suhrkamp.de/buch/urs-faes-raunaechte-t-9783458194521








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