Kind des himmlischen Genius,
Glühendes, tatenlechzendes Herz!
Reizet dich das Mal meines Räubers?
War wie du glühenden, tatenlechzenden Herzens,
War wie du des himmlischen Genius Kind.
Aber du lächelst und gehst –
(Friedrich Schiller: Monument Moors des Räubers, 1782, Auszug)
Individuum und Gesellschaft – ein fruchtbares Spannungsfeld
Sprachlich herausfordernd, geprägt von Anspielungen auf einen Bildungskanon, der sich nicht mehr allen unmittelbar erschließt und nicht zuletzt weit über 200 Jahre alt: Auf den ersten Blick mag es erstaunlich sein, dass sich Schillers berühmtes Drama Die Räuber als Schullektüre einer ungebrochenen Beliebtheit erfreut. Doch bei genauerem Hinsehen wird schnell klar, warum der Text auch heute noch attraktiv ist – und bleiben wird. Denn ausgehend von dem kraftvollen, leidenschaftlichen Aufbruch des Sturm und Drang, der in Gestalt des rivalisierenden Brüderpaars Karl und Franz den auf Rationalität begründeten Ansprüchen der Aufklärung gegenübergestellt wird, eröffnet das Stück grundlegende Fragen, die unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nach wie vor aktuell sind:
- Gefühl oder Verstand: Woraus leiten wir Handlungsimpulse ab?
- Freiheit oder Unterordnung: Wie organisieren wir eine gerechte Gesellschaft?
- Aufbegehren oder Akzeptieren: Wie weit dürfen – oder müssen – wir gehen, um gesellschaftliche Missstände zu beheben?
- Egoismus oder Altruismus: Auf welche Weise sollen wir unsere Ziele verwirklichen?
- Schwarz oder Weiß: Können wir unter allen Umständen garantieren, durch unser Handeln nicht schuldig zu werden?
Die Räuber – und wir?!
Im Unterricht können diese grundlegenden Fragen anhand des Handlungsverlaufs und der Auseinandersetzung mit zentralen Themen und Motiven konkretisiert und in einem zweiten Schritt mit aktuellen Entwicklungen der Gegenwart in Beziehung gesetzt werden.
Franz und Karl
Die Rivalität der Brüder, die in der Vergleichslektüre der biblischen Erzählungen von Kain und Abel sowie dem verlorenen Sohn Kontur gewinnt, nimmt ihren Ausgang in dem Gefühl Franzʾ, als Zweitgeborener von der Natur und seinem Vater gleichermaßen benachteiligt zu sein. Franz will das Schicksal des Ungeliebten, der in der bestehenden Ordnung keinen Erbanspruch besitzt, nicht akzeptieren, und sorgt mit einer Intrige dafür, dass der Vater Karl verstößt. Diese Figur des aus persönlicher Enttäuschung handelnden, skrupellosen, amoralischen Materialisten, dessen Leben in der Katastrophe des Selbstmords endet, wirft die Frage nach den Schattenseiten einer selbstbezogenen Existenz auf.
Sein Bruder Karl, auf die Güte seines Vaters hoffend, fühlt sich ebenfalls ungerecht behandelt, als dieser ihn verstößt. Aus Enttäuschung und Verzweiflung wird er zum Anführer einer Räuberbande; er rechtfertigt sein Tun mit dem idealistischen Anspruch, auf diese Weise Schwächeren zu helfen und eine ungerechte Ordnung zu korrigieren. Als Folge einer bedingungslosen Verpflichtung auf seine moralischen Werte muss er am Ende erkennen, dass sein Weg ihn in unauflösbare Konflikte geführt hat. Er liefert sich der Justiz aus, um sich der Ordnung zu unterwerfen, die er aufgrund des Verhaltens seines Vaters zuvor kategorisch abgelehnt hat. Diese Figur, die leidenschaftlich und kompromisslos gegen gesellschaftliches Unrecht aufbegehrt, wirft die Frage nach dem destruktiven Potential eines impulsiv Handelnden auf, der zwar das Gute will, in seiner Radikalität aber Schlechtes erreicht.
Zeitlose Fragen
Sind diese Konflikte und ihre Funktion im Text – ggf. auch mit Vergleichen zu themen- oder motivähnlichen Texten wie z.B. Wilhelm Tell oder Götz von Berlichingen (selbst an Faust könnte man denken) – erarbeitet, können die Fragen auf aktuelle Entwicklungen übertragen werden: Mit welchen Mitteln können wir die freiheitlich-demokratische Grundordnung unserer Gesellschaft bewahren? Wie können wir soziale Ungerechtigkeiten beheben, ohne einen bestehenden Missstand durch einen neuen zu ersetzen? Oder grundsätzlicher, bezogen auf das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit: Wie lassen sich Gut und Böse überhaupt unterscheiden, welche Beurteilungskriterien haben wir, die alle als gerecht empfinden?
Die Beliebtheit der Räuber als Schullektüre ist also kein Wunder: Die Fragen, die an dem Konflikt der beiden Brüder entwickelt werden, sind zeitlos.
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