deutsch-klett.de
Magazin für den Deutschunterricht

Medienabhängigkeit, ADHS, Schulabsentismus oder Schulangst – die neue Schulrealität?!

Nachdem in den letzten Artikeln (siehe Ende des Blogbeitrags) psychische Erkrankungen im klassischen Sinne beleuchtet wurden, soll es in den nächsten Beiträgen um weitere Herausforderungen für Schülerinnen und Schüler gehen, die sich auf ihren schulischen Alltag auswirken. Diese Problematiken können sich zu Krankheitsbildern auswachsen, aber auch schon alle Abstufungen davor sollten beachtet und begleitet werden. Dabei spielen Sie als Lehrkräfte eine entscheidende Rolle, da in der Schule Gesichtspunkte auffallen können, die nicht leicht Rückschlüsse auf deren Ursachen zulassen.

Im folgenden Beitrag soll dabei der Fokus zunächst auf das Thema Medien und Medienkonsum gerichtet werden.

Kinder und Jugendliche wachsen in einer digitalisierten Gesellschaft auf, die große Chancen aber auch genauso große Hürden bereithält. In der Schule kann diese positive Seite unterstützt werden, indem bspw. die Medienkompetenz gefördert wird. Dabei sind Medien grundsätzlich als Mittel zur Darstellung, Speicherung und Übertragung von Informationen zu verstehen, wobei Smartphones und deren Anwendungen im Fokus stehen.

Wie relevant ist die Herausforderung durch neue Medien?

Grundsätzlich ist eine Zunahme der Internetnutzung und Bildschirmzeit mit steigendem Alter zu beobachten. Dies zeigen die aktuellen KIM- und JIM-Studien aus den Jahren 2024 bzw. 2025. 72% der Kinder sind im Internet unterwegs und verbringen dabei ihre Zeit vor allem mit der Anwendung WhatsApp. Bei den Jugendlichen sind 89% sogar täglich online, wovon 84% mit eigenem Smartphone WhatsApp zu ihren häufigsten drei Anwendungen zählen.

Noch eindrücklicher ist die tägliche Bildschirmzeit. Die JIM-Studie zeigt einen Zuwachs von 161 Minuten bei den 12- bis 13-Jährigen und einen auf 278 Minuten bei den 18- bis 19-Jährigen. Das sind mehr als viereinhalb Stunden, die vor allem mit WhatsApp, Instagram, Snapchat, TikTok und YouTube verbracht werden. Die hohen Prozentzahlen und Nutzungszeiten verdeutlichen, wie allumfassend das Thema Medien ist. Dabei sollte nochmal explizit betont werden, dass die Verarbeitung personenbezogener Daten in Deutschland eigenverantwortlich auch mit Zustimmung der Eltern erst mit 16 Jahren erlaubt ist. Darunter fällt auch die Nutzung der zuvor genannten Apps. Das spiegeln die erhobenen Zahlen definitiv nicht wider.

Vielleicht haben Sie schon mal etwas von der Auswirkung des Medienkonsums auf das Gehirn gehört. Um die folgenden Ausführungen nachvollziehen und die Schülerinnen und Schüler vielleicht auch besser verstehen zu können, sollten Sie sich diese Fakten bewusst machen.

  • Das Gehirn arbeitet mit einem sogenannten Belohnungssystem, welches uns antreibt. Wird eine Handlung als belohnend erlebt, steigt die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin. Dadurch wird das entsprechende Verhalten verstärkt und mit einer positiven Erfahrung verknüpft. Eine Auswirkung auf die Motivation, das Lernen und u.a. die Aufmerksamkeit ist möglich.
  • Bis zum 25. Lebensjahr befindet sich das Gehirn noch im Entwicklungsprozess. Das Problem daran: Das Belohnungssystem reift schneller als die Kontrollinstanz, der präfrontale Kortex. Dieser ist zuständig für Selbstkontrolle, Planung, Aufmerksamkeitssteuerung und das Treffen von Entscheidungen. Ein stärkeres Anspringen auf Belohnungs- und schnelle Reize ist die Folge.
  • Digitale Medien sind hervorragend geeignet, solche Reize zu liefern, indem sie konstante, schnelle Rückmeldungen geben, soziale Bestätigung liefern und immer neue Reize erzeugen. Dazu gehören Likes, Benachrichtigungen, Swipen in sozialen Medien oder auch Belohnungen in Spielen.
  • Dadurch gewöhnt sich das Gehirn an diese hohe Stimulationsfrequenz, wird damit weniger tolerant gegenüber monotonen und/ oder langwierigen Aufgaben und schweift schneller mit der Aufmerksamkeit ab. Außerdem werden häufig Dinge gleichzeitig gemacht (z.B. Videos schauen und Nachrichten schreiben), wodurch kognitive Ressourcen benötigt werden, um den Fokus immer wieder zu verschieben. Das steckt neurophysiologisch hinter Multitasking, aber reduziert eher die Konzentrationsdauer und führt zu mehr Flüchtigkeitsfehlern.
  • Die dauerhafte Dopaminausschüttung wirkt sich auch auf das Lernen aus, da es im Vergleich zu digitalen Medien weniger stimulierend erlebt wird. Auch die Bedürfnisbefriedigung erfolgt deutlich später in Form einer guten Bewertung. Dadurch kann die Lernmotivation verringert und die tiefere Verarbeitung von Informationen beeinträchtigt sein. Zumal das Smartphone auch die Lernphasen immer wieder unterbrechen kann.
  • Zum Abschluss ist auch der indirekte Effekt auf die Bewegung nicht zu vernachlässigen. Durch die häufig sitzende Ausführung nimmt die körperliche Aktivität ab und auch die Freizeitgestaltung wandelt sich. Das kann Auswirkungen auf die motorische Entwicklung, die körperliche Gesundheit aber auch die Schlafqualität haben. Letztere ist wiederum eigentlich entscheidend, um Informationen langfristig abzuspeichern.

Die sind doch bestimmt alle medienabhängig?!

Der Begriff Medienabhängigkeit lässt sich als pathologischer (krankhafter) Medienkonsum beschrieben. Diese Diagnose existiert jedoch (noch) nicht, bisher findet sich im aktuellen Manual zur Krankheitsklassifikation nur die sogenannte Gaming Disorder. Darunter findet sich allerdings weder das Schauen von Videos noch die Nutzung von sozialen Medien wieder. Als pathologisch würde auch erst eine dauerhafte Störung über mehrere Monate mit einem Konsum (bzw. dem Spielen) von mehr als 140 Stunden pro Woche zählen. Sie tritt häufig als Begleitphänomen von anderen psychischen Störungen, wie z.B. Depressionen oder sozialen Ängsten, auf.

Sie als Lehrkraft können exzessive Mediennutzung dennoch für sich einordnen, wenn Sie beispielsweise sozialen Rückzug bemerken oder andere Schülerinnen und Schüler von flüchtigem Kontakt berichten. Auch das Interesse und die Zeit für andere Freizeitaktivitäten nimmt ab. Bei Entzug z.B. auch in der Schulzeit können sich Nervosität und Wut zeigen. Aufgaben und Verpflichtungen werden versäumt und Probleme in der Schule können auftreten, genauso wie Schwierigkeiten den eigenen Konsum realistisch einzuschätzen.

Und es ist nicht alles schlecht … oder doch?

Eine klare Aussage kann man dazu nicht treffen, aber die Mediennutzung, egal in welcher Form, kann auch Chancen mit sich bringen und sogar funktional sein. Dazu gehören Aspekte wie:

  • der Zugriff auf verschiedenste Informationsquellen
  • der Wissenszuwachs, bezogen auf konsumierte Inhalte
  • der Ausbau von Kompetenzen verschiedener Art
  • der Aufbau und die Ausweitung sozialer Kontakte
  • als Kompensationsmechanismus bei Stress und Belastungen
  • als Form der Gesellschaftsbeteiligung und sozialer Raum

Gleichzeitig sind aber auch die Risiken nicht von der Hand zu weisen und sehr präsent, wenn man als Lehr- und Privatperson an die Nutzung digitaler Medien durch Kinder und Jugendliche denkt:

  • der einfache Zugang zu problematischen Inhalten
  • die Anonymität der Gegenüber und der sorglose Umgang mit eigenen Daten
  • Fake News, falsche Kontexte oder manipulierte Informationen, Bilder und Videos
  • das Cybermobbing oder Cybergrooming
  • die Konfrontation mit unrealistischen (Schönheits-)idealen

Empfehlungen für den Hinterkopf

  • Stehen Sie Ihren Schülerinnen und Schülern als möglichst neutrale Ansprechperson zur Verfügung. Es sollte nicht „Sie gegen die neuen Medien“, sondern „Wir gemeinsam gegen die Tücken des Umgangs“ heißen.
  • Schaffen Sie dadurch einen wertfreien Raum zur Kommunikation. Sie müssen Ihre Meinung nicht außen vor lassen, aber versetzen Sie sich in die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen hinein und respektieren Sie diese!
  • Versuchen Sie sich über die mediale Lebenswelt Ihrer Schülerinnen und Schüler auf dem Laufenden zu halten, und lassen Sie sich bei Gelegenheit z.B. verschiedene Anwendungen erklären. Das zeigt Ihr Interesse und macht Sie zugänglich, um mit Ihnen über Unsicherheiten und Probleme zu sprechen.
  • Seien Sie ein Vorbild und reflektieren Sie Ihren eigenen Konsum entweder aktiv im Gespräch oder denken Sie für sich darüber nach, wie es wirkt, wenn Sie in Arbeitsphasen der Klasse mit dem Smartphone vorn sitzen.
  • Nutzen Sie z.B. Klassenleiterstunden oder außerplanmäßige Zeiten, um über mögliche Risiken zu sprechen, alternative Beschäftigungen zu Medien zu thematisieren oder gemeinsam aktuelle Trends zu diskutieren.

Was können Sie für den Unterricht in dieser digitalen Welt beachten?

Es wird nicht zukunftsfähig sein können, die digitalen Medien zu verteufeln und aus der Schule verbannen zu wollen. Stattdessen wäre ein möglicher Weg, einerseits den eigenen Unterricht auf Kompatibilität zu überprüfen und andererseits zur Medienkompetenz beizutragen. Die folgenden Ausführungen sind als Vorschläge zu sehen.

  1. Arbeiten Sie mit Fokuszeiten, in denen Sie konzentriertes Arbeiten ohne Ablenkung trainieren. Fordern Sie dabei bewusst zum Weglegen ablenkender Gegenstände (auch dem Smartphone) auf und begrenzen Sie es auf kurze, feste Zeiten (z.B. 20 bis 25 Minuten). Liefern Sie eine klare Aufgabenstellung.
  2. Verzichten Sie auf lange Erklärphasen und nutzen Sie stattdessen kurze Inputphasen von 5 bis 10 Minuten und bauen anschließend eine Aktivierungsphase wie ein Quiz oder gegenseitiges Abfragen ein. Dadurch tragen Sie zu einer tieferen Informationsverarbeitung bei und geben ein Beispiel, wie eine Lernsitzung aufgebaut sein könnte.
  3. Sie können auch gezielt das sogenannte „Retrieval Practice“ einbauen. Dabei werden besprochene Inhalte gezielt durch z.B. kurze Wissensfragen abgerufen, anstatt sie nur zu wiederholen. In der Gedächtnisforschung gehört dies zu den am besten belegten Lernstrategien.
  4. Um Monotonie zu vermeiden, könnte die Mischung verschiedener Aufgabentypen gezielt eingesetzt werden, indem z.B. Aufgaben des vorherigen Themengebietes dazwischengeschoben werden. Das führt zu Abwechslung und einer stärkeren kognitiven Aktivierung.
  5. Nutzen Sie Bewegungspausen innerhalb Ihres Unterrichts, um die Durchblutung und damit die Sauerstoffversorgung zu fördern. Gehen Sie dabei mit gutem Beispiel voran, das stärkt neben der Aufmerksamkeit auch die soziale Bindung.
  6. Lassen Sie die Schülerinnen und Schüler sich Inhalte selbst erarbeiten und damit auch eigene Lernprodukte in weit gestecktem Rahmen erstellen. Weisen Sie die Schülerinnen und Schüler dabei auf die Möglichkeiten durch KI hin, aber definieren Sie gleichzeitig eine Grenze zum Ausmaß der Nutzung (Eigenleistung ist wichtig!). Durch die selbst gewählte Form wird die intrinsische Motivation gefördert und die eigene Produktion fordert zu aktiver Verarbeitung und Anwendung des Wissens auf.
  7. Gehen Sie mit den Schülerinnen und Schülern auf die Ebene der Metakognition und lassen Sie sie reflektieren, was sie gelernt haben und was ihnen schwerfiel. Aber schauen Sie vor allem auch darauf, welche Strategien hilfreich waren und was gut gelungen ist, um das Selbstwertgefühl zu stärken und Lerneffekte für zukünftige Aufgaben mitzugeben.
  8. Implizit können digitale Medien in allen vorher genannten Aspekten integriert werden. Hier nochmal explizit die Aufforderung diese vielseitig einzusetzen und auch einzuführen z.B. geteilte Dokumente, Lern-Apps oder andere nützliche Tools. Geben Sie dabei klare Aufgabenstellungen an die Hand und nutzen Sie die Gelegenheit zur Reflektion der Mediennutzung.

Weiterführende Literatur & Hilfen

Hier finden sich sehr viele Verweise, da das Thema aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit von unzähligen Seiten betrachtet werden und der Artikel nur Denkanstöße geben kann. Die folgenden Verweise haben ihren Platz in der Liste durch eigene positive Erfahrungen und Empfehlungen gefunden.

  • landesfilmdienste.de – Landesfilmdienste – Ansprechpartner*Innen vor Ort & als Online-Mediathek zur Unterstützung in der Medienerziehung
  • KIM-/ JIM-Studien – aktuelle Trends zur Mediennutzung (seit 1998)
  • klicksafe.de – als Informationsquelle und Ratgeber zum Aufbau von Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen
    → über Stichwort „Mediensucht“ – Artikel & verlinkte Fragebögen zur Einschätzung des Konsums
  • jugendschutz.net – Anlaufstelle für Risken im Netz (aufbereitet im Infoservice), überprüft das Internet auf mögliche Gefahren und macht darauf aufmerksam
  • schau-hin.info – Elternratgeber zur Mediennutzung/ -erziehung (zur Weitergabe und eigenen Verwendung für Sie)
  • mobilsicher.de – Infoportal rund um das Handy (keine Updates mehr ab Ende 2024, aber als Datenbank nutzbar), ähnlich: handysektor.de
  • jugendschutzprogramm.de – Filtersoftware für eine sichere Basis bei der Onlinenutzung (auch für Schulen)
  • freii.de – als Website oder App für einen bewussten und ausgeglichenen Umgang mit digitalen Medien (noch kein Selbsttest, aber Unterstützung des Grundgedankens)
  • spieleratgeber-nrw.de – prüft Onlinegames mit und für Jugendliche
  • juuuport.de – zur Weitergabe an junge Menschen bei Onlineproblemen
  • Buch: „Begleiten statt verbieten“ von Leonie Lutz und Anika Osthoff (Kösel 2022)
  • Buch für Kinder & Jugendliche ab 8 Jahren: „Generation Glücklich“ von Johnathan Haidt & Catherine Price (Zuckersüß Verlag 2026)
2 Personen haben sich für diesen Beitrag bedankt.
Danke!

Über die Autorin

Corinna Lajewski

Seit Ihrem Abschluss in Psychologie 2022 in Halle (Saale) lebt Corinna Lajewski mit ihrem Ehemann in Leipzig. Sie arbeitet seit 2023 für die Rahn Education (Dr. P. Rahn & Partner Schulen in freier Trägerschaft gemeinnütziger Schulgesellschaft mbH) und betreut fünf Schulen in Leipzig von der Grundschule über das Gymnasium bis zur Fachoberschule im Rahmen der schulpsychologischen Beratung.

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und verstanden.

Nach oben