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Über (Soziale) Medien diskutieren – Marlen Hobracks Roman „Schrödingers Grrrl“

Marlen Hobracks 2024 im Verbrecherverlag erschienener, in der Jetztzeit angesiedelter Roman „Schrödingers Grrrl“ bietet durch Anknüpfungen an Erfahrungen oder die Lebenswelt der Lernenden eine hohe Lesemotivation für einen literarischen Text der Gegenwart und regt zu Diskussionen an. Ein Unterrichtsentwurf für die Oberstufe.

Trend der Gegenwartsliteratur und Bezüge zur Literaturgeschichte

In Hobracks Entwicklungsroman setzt sich die Protagonistin Mara Wolf mit dem Thema Schein und Sein auseinander. Schon über den Plot und die Figuren ergeben sich viele Anlässe zur Debatte von Authentizität in den (sozialen) Medien. Darüber hinaus ist der Debütroman ein Beispiel für Gegenwartsliteratur, in der aktuelle Themen wie die soziale Herkunft – ein Hauptthema auch der Autorin – oder der Trend Autofiktion – in diesem Fall satirisch – verhandelt werden. Auch die Anschlussfähigkeit an die Literaturgeschichte lädt zur Behandlung im Unterricht ein. Diese ließe sich sowohl am Genre Entwicklungsroman als auch an der auffällig changierenden Erzählstimme (was bei einer umfassenden Analyse des Romans stärker mit einzubeziehen wäre) oder an intertextuellen Bezügen wie zu Liedtexten von z.B. Taylor Swift oder der Band Nirvana zeigen. An zentraler Stelle spannt sich das Netz der Referenzen bis zu Franz Kafka, dessen berühmter Brief an Milena Jesenská aus dem Jahr 1922 im Roman zitiert wird.

Eine Unterrichtsstunde: der Kafka-Briefauszug im Kontext der Figurenkonstellation als Mediendiskussion

Der Einstieg erfolgt über Bilder des Instagram-Accounts „@schroedingersgrrrrl“. Nach einer Sammlung von Assoziationen und Einschätzungen zu den Bildern erläutert die Lehrkraft, dass es sich um Bilder der Autorin handelt, die in Kleidung, Pose und Hintergrund den Selfies nachempfunden sind, die die Hauptfigur Mara Wolf online postet. Auch zu dieser Art der Selbstdarstellung können schon Meldungen gesammelt werden. In einer Recherche informieren sich die Schülerinnen und Schüler über Autorin, Roman und dessen Handlung – einschließlich der Figur des Engländers Paul.

Um den Kontext des kafkaschen Briefzitats im Roman zu erhellen, bietet sich eine schematische Darstellung der Figurenkonstellation an, die wir Ihnen als Download zur Verfügung stellen.

Im Anschluss daran kann der Briefauszug, den der Psychoanalytiker Fuchs seiner Klientin Mara vorliest, analysiert werden.

Franz Kafka an Milena Jesenská, Ende März 1922

Wie kam man nur auf den Gedanken, dass Menschen durch Briefe miteinander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. […] Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört. Die Menschheit fühlt das und kämpft dagegen, sie hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist so viel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegrafen erfunden, das Telefon, die Funkentelegrafie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrunde gehen.

Indem Fuchs Mara diese Passage vorliest, rät er ihr, die ausschließlich im Austausch von Text-, Bild-, Video- und Sprachnachrichten bestehende Fernbeziehung zu Paul durch einen Besuch bei ihm in Liverpool auf eine analoge Ebene zu bringen, oder, in Kafkas Bild, den vampirischen Briefgespenstern ihre Nahrung zu nehmen.

Die Klärung kann entlang folgender Fragen erfolgen:

  • Welche Arten von Kommunikation und Beziehungen werden von Kafka dargestellt? Welche stellt er den Briefen gleich, welche sind ihnen entgegengesetzt? Warum?
  • Was sind Gründe von Kafkas Kritik am Briefeschreiben?
  • Wie bewerten Sie es, dass Kafka diese Kritik in einem Brief äußert? (Mögliche Zusatzinformation: Kafka verfasste diesen Brief als eine der letzten schriftlichen Nachrichten an Milena Jesenská lange nach ihrer Beziehung, mit dem Ziel, den Briefkontakt zu beenden.)
  • Welche Sicht auf Maras Beziehung mit Paul offenbart Fuchs, indem er ihr diesen Brief vorliest?
  • Welche Sicht auf digitale Medien und Kommunikation zeigt sich darin allgemein?
  • Wie bewerten Sie Fuchs‘ Intervention als therapeutische Maßnahme?

Diese Klärungsfragen geben Anlass zu Äußerungen zu Maras Beziehung, der Kommunikation über soziale Medien und eventuell über einen Generationenunterschied bezüglich der Einschätzung sozialer Medien. Diesen kann nun in einer Diskussion mit folgenden Leitfragen Raum gegeben werden.

  1. Wie bewerten Sie soziale Medien im Allgemeinen?
  2. Ist mangelnde Authentizität ein (substanzielles) Problem digitaler Medien?
  3. Wie „echt“ sind Beziehungen, die (fast) nur über soziale Medien geführt werden?
  4. Ist die Einschätzung von sozialen Medien (völlig) alters- und generationenabhängig?
  5. Ist die Mediennutzung der Generation von Mara Wolf bzw. der Generation der Schülerinnen und Schüler tendenziell „krank(machend)“ (i.S.v. Sucht, Realitätsverlust, psychische oder physische Krankheiten wie bspw. Depression oder Essstörungen hervorrufend oder begünstigend)?

Mögliche Ergebnisse der Diskussion

  • Der Handlungsstrang um die Beziehung von Mara und Paul setzt die Thematik von Schein und Sein, die auch in der Inszenierung von Mara als Autorin eines Buchs verhandelt wird, das sie nicht geschrieben hat, ins Private einer Liebesbeziehung fort.
  • Maras Lebenssituation und die Tatsache, dass sie Paul außerhalb ihres Kontakts per digitalen Medien nur flüchtig kennt, lassen mindestens daran zweifeln, ob die Beziehung im unvermittelten Zusammensein „zur gleichen Zeit am gleichen Ort“ bestehen kann.
  • Kafkas auf alle Medien übertragbare Kritik bestätigt sich in aktuellen Entwicklungen wie der Verlagerung von Arbeit (und während der Coronapandemie sogar des Unterrichts), von Einkaufen und eben der Kommunikation ins Digitale, was eine Abnahme unmittelbarer Interaktion und Gemeinschaft bei zunehmender Vereinzelung und Einsamkeitsgefühlen bedeutet.
  • In dem Bild vampirischer Gespenster, die die Küsse aus den Briefen saugen und damit die Menschen zugrunde richten, wird auch eine somatische Konsequenz der um die Begegnung gebrachte und also „entleerten“ Kommunikation gefasst – diese Bildlichkeit erscheint angesichts wachsender Zahlen von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, die durch die steigende Vereinzelung mitverursacht werden, ebenfalls aktuell.
  • Ohne kritische Aspekte der Funktionsweise und Nutzungsverhalten der digitalen Medien entschärfen zu wollen, erweist sich die Medienkritik und damit verbundene Befürchtungen durch Kafkas Brief jedoch auch als wiederkehrende, „typische“ Reaktion auf (neue) Medien. Dazu kommt, dass gerade der von Kafka damals kritisierte Brief heutzutage sogar als Beispiel besonderer Zugewandtheit gewertet werden könnte.
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Über den Autor

Christian Frobenius

Christian Frobenius ist Autor von „Deutsch kompetent“ und unterrichtet Deutsch und Englisch am Michaeli-Gymnasium in München.

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