Unsere Schülerinnen und Schüler der Oberstufe sind in etwa zwischen 16–19 Jahre alt – und damit ggf. erstmals wahlberechtigt. Genau sie sind also die Zielgruppe, die die Parteien über Kanäle wie TikTok oder Instagram erreichen und beeinflussen möchten. Randparteien wie die AfD oder die Linke haben sich diese Möglichkeit bereits zu Nutze gemacht und kommunizieren ihre Inhalte verstärkt über solche Plattformen. Der Unterrichtsgegenstand ist somit nicht nur aktuell, sondern persönlich relevant für die Lernenden im Hinblick auf ihre politische Meinungsbildung und mögliche Auswirkungen ihrer Wahlentscheidung.
Gleichzeitig werden auf curricularer Ebene gleich zwei Themen (bspw. des Kernlehrplans NRW) der Sekundarstufe II vernetzt – zum einen die „Möglichkeiten und Risiken digitaler Partizipation“ sowie der Unterrichtsgegenstand der „Kommunikation“.
Die Unterrichtseinheit ist in drei Teile gegliedert.
1. Schritt: Die Digitalisierung politischer Kommunikation erschließen
Zunächst erschließen die Schülerinnen und Schüler anhand eines Grundlagentextes des Kommunikationswissenschaftlers André Haller die fortschreitende Digitalisierung der politischen Kommunikation. Der Text wurde didaktisch reduziert und kann so mit der vorliegenden Aufgabenstellung auch als Klausur für den Aufgabentyp „Analyse eines pragmatischen Textes mit weiterführendem Schreibauftrag“ verwendet werden. Das entsprechende Arbeitsblatt sowie einen editierbaren Erwartungsbogen finden Sie als Download.
Die Schülerinnen und Schüler sollen sich mithilfe des Textes folgende Veränderungen der politischen Kommunikation durch die Digitalisierung erschließen:
- Zunehmende Professionalisierung politischer Kommunikation
- Immer individuellere Zuweisung/Rezeption von politischen Inhalten durch Möglichkeiten der Datenspeicherung und -analyse des Nutzerverhaltens
- Möglichkeiten der Partizipation durch z.B. Kommentarfunktionen
- Erfolg von emotionsgeladenen, polarisierenden und auf Krisen fokussierten Inhalten
- Komplexität moderner politischer Kommunikation, die durch die Koexistenz verschiedener Medienformate entstehen, z.B. der in Talkshows genutzte Second Screen
2. Schritt: Den Social-Media-Auftritt politischer Akteure untersuchen
Um die von André Haller angesprochene Beeinflussung von Bürgerinnen und Bürgern über die sozialen Medien zu überprüfen, bietet sich im Anschluss an die Erschließung des Textes an, die Schülerinnen und Schüler selbst Social-Media-Kanäle von Politikern untersuchen zu lassen, um aus Rezipientensicht die zunehmende Beeinflussung der politischen Meinungsbildung und in der Folge auch der Wahlentscheidung wahrzunehmen.
Statistiken zufolge bedienen sich in erster Linie Parteien im linken und rechten Spektrum unserer Parteienlandschaft der verstärkten Kommunikation über Plattformen wie Instagram, Tiktok oder X – und das äußerst erfolgreich. „Echte Männer sind rechts – dann klappt´s auch mit der Freundin!“, behauptet bspw. der AfD-Politiker Maximilian Krah in einem seiner TikTok-Videos. In der Durchführung dieser Einheit wurde sich zunächst auf den TikTok-Kanal des AfD-Politikers Maximilian Krah beschränkt. Hier kann, wenn Zeit bleibt, auch ein Ausschnitt aus dem ZDF Video zur Die Tik-Tok-Strategie der AfD (2022) oder auch aus der ARD/WDR die Story Die TikTok-Armee der AfD (2025) integriert werden, um einen ersten Einblick in die Inszenierung der AfD in den sozialen Medien zu geben.
Als Arbeitsauftrag können die folgenden zwei Fragen dienen – hier werden antizipierte Beobachtungen exemplarisch aufgeführt.
Was wird über Social-Media kommuniziert?
→ Inhaltliche Ebene
- Nationalistische Botschaften
- Ausländerfeindliche Parolen
- Frauenfeindliche Aussagen
Wie wird über Social-Media kommuniziert?
→ Lenkung & Beeinflussung der Rezipienten
- zeitgemäße Darstellung (agieren schon wesentlich länger über Socia-Media als viele andere Parteien) → ansprechend
- Musik, Emojis, Sarkasmus → Emotionalisierung, Sensationalisierung
- Beiträge wirken wie ein normaler Einblick in den Alltag → Verharmlosung bis Verzerrung der Inhalte
- Formulierung in der 2. Person Singular als „Du“-Botschaften zur direkten Ansprache der User → Appell- und Beziehungs- statt Inhaltsebene
- Angebote zur Identifikation → Sachebene rückt in den Hintergrund
- Orientierung und Halt anbieten → Stärkung des Selbstwertgefühls, besonders männerstärkende Inhalte bzw. klassische Rollenbilder angelegt
- Miteinbezug von historischem Kontext → (vermeintliche) Beweisführung hinterfragen und recherchieren: Ist/War das wirklich so?
3. Schritt: Erläuterung der Veränderungen politischer Kommunikation unter Anwendung der Kommunikationsmodelle
Abschließend sollen die Lernenden unter Miteinbezug der bereits aus dem Unterricht bekannten Kommunikationsmodelle von Watzlawick oder Schulz von Thun erläutern, inwiefern die Digitalisierung die Kommunikation zwischen politischen Akteuren und den Bürgerinnen und Bürgern verändert. Hier wird also die Vernetzung mit zuvor erarbeiteten Unterrichtsinhalten in Form der Anwendung der Kommunikationsmodelle erwartet.
Möglicher Bezug zu Friedemann Schulz von Thun
- Verstärkte Nutzung der Appell- und Beziehungsseite über Social-Media-Kanäle einiger Parteien wie der AfD → Emotionsgeladenes Ansprechen der Bürgerinnen und Bürger statt Informieren über eigenes politisches Handeln
- Die Sachebene gerät dabei in den Hintergrund.
Möglicher Bezug zu Paul Watzlawick
- Die heutige politische Kommunikation im Sinne eines Hybrid Media Systems bedient sich dem Axiom der Interpunktion der Kommunikationsabläufe (3. Axiom) insofern, das Rezipienten die Möglichkeit haben, Posts oder auch live in Polit-Talkshows zu kommentieren, was wiederum den weiteren Kommunikationsverlauf beeinflusst.
- Einzelne Parteien nutzen z.B. das 2. Axiom insofern, als das sie versuchen, Verständnis für die vermeintlichen Probleme der Bürgerinnen und Bürger aufzubringen, um den Eindruck zu erwecken, dass sie sich verstanden fühlen. Somit überlagert der Beziehungsaspekt den Inhaltsaspekt und bestimmt diesen, was im Hinblick auf Wahlen schwerwiegende Auswirkungen haben kann.
Lernende vor dem Hintergrund von Social-Media hinsichtlich ihrer Kompetenz zur unabhängigen politischen Meinungsbildung zu stärken, ist wohl wichtiger denn je. Diese Unterrichtseinheit soll neben der Textanalyse und der Anwendung von Kommunikationsmodellen durch den Unterrichtsgegenstand an sich auch einen Beitrag zu dieser Kernkompetenz unserer Schülerinnen und Schüler leisten.
Autorin: Svenja Zwirner, Digitalisierungsbeauftragte am Friedrich-Ebert-Gymnasium Bonn







Leider fehlt in dem Klausurvorschlag der Auftrag. Können Sie den nachreichen?
Liebe Frau Oehmig,
vielen Dank für Ihre Anmerkung.
Wir haben den Klausurvorschlag angepasst.
Herzliche Grüße
Ihre Redaktion vom Deutsch-Klett-Blog