Der Grat zwischen geschönter Wahrheit und dreister Lüge, attraktiv verpacktem Sein und in Szene gesetztem Schein ist schmal – und damit ein reizvoller Diskussionsanlass für den Deutschunterricht. Die Textgrundlage stammt aus dem letzten Jahrhundert – zur Lektüre von Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull.
Hochstapelei ist eine Kunst
Jede(r) sollte sie heute beherrschen. Felix Krull zeigt uns, wie es geht. Er ist eine bürgerlich-dekadente Figur der Belle Epoque, wendig, charmant, selbstbewusst, narzisstisch und in hohem Maße eloquent. Zwar kopiert er den aristokratischen Stil des neunzehnten Jahrhunderts, wirkt aber gegenwärtig-modern in der erfolgreichen Durchsetzung seiner Ziele. Dabei interpretiert und rechtfertigt Krull die moralischen Werte nach seinen persönlichen Bedürfnissen mit Raffinesse und großer Kunstfertigkeit. Er sieht sich folgerichtig als Künstler, als Lebenskünstler. Und Lebenskünstler müssen wir heute alle sein. Es kommt doch sehr auf die Selbstdarstellung an. Felix nennt das „Wirkung“ – eine traumwandlerische Oszillation zwischen Schein und Sein. Er jongliert sein Leben wie ein Artist am Trapez oder wie ein Stierkämpfer in der Arena. Und er ist erfolgreich. Zwar gehören kleine Betrügereien dazu – etwa die Fälschung der Unterschrift des Vaters, um eine Befreiung vom Schulunterricht zu erwirken, oder eine geschickte Inszenierung vor der Musterungskommission, damit er vom Wehrdienst befreit wird, und schließlich die Mitnahme eines Schmuckkästchens mit wertvollem Inhalt, das eine reiche Industriellendame während der Zollinspektion bei der Einreise nach Frankreich zu nahe neben seinem Koffer platziert, sodass er es ohne Bedenken einsteckt und damit seinen aristokratischen Lebensstil in Paris inszeniert und finanziert. Bei aller Großspurigkeit, die sich hier andeutet, zeigt sich der Protagonist aber auch bescheiden. In zwischenmenschlichen Absprachen ist er zuverlässig und in seiner Stellung in einem vornehmen Hotel diensteifrig. Felix führt ein Doppelleben: hier der verlässliche Arbeitnehmer im Dienst als Liftboy und Kellner, dort der Genussmensch und Flaneur in der Freizeit. In dieser Kombination hat er viel Glück. Er wird gemocht, man vertraut ihm, und er wird geliebt, von Frauen und von Männern.
Der Roman bietet also eine ereignisreiche Handlung, Memoiren eines Lebens, das allerdings im Gefängnis endet. Von dort schreibt Krull seine Erinnerungen und erlebt sich während der Niederschrift offenbar noch einmal neu. So entsteht ein intensiver Bericht des Erfolgs und des Scheiterns, des Glücks und der Kümmernis.
Fiktion und Lebenswelt
Der Roman ist nur vordergründig ein Angebot zur Identifikation. Thomas Mann bricht die Handlung durch einen parodistischen Erzählstil. Mitgefühl und Verständnis für den Protagonisten bekommen den Beigeschmack der ironischen Kritik. Darin jedoch liegt die Herausforderung der Lektüre und das eigentliche Lesevergnügen. Die Leserinnen und Leser werden zu teilnehmenden Kritikern der Figur und vielleicht auch ihrer selbst. Denn im Kern sind wir alle ein wenig Felix Krull. Der Zwang zur Selbstbestimmung und Selbstvermarktung, die ständige Selbstoptimierung und Perfektionierung im wirklichen Leben verlangen geradezu die Inszenierung des eigenen Seins. Sich zu finden und nicht zu verlieren in der Differenz von Sein und Schein dürfte die Kunst des Lebens in unserer hochkomplexen Wirklichkeit ausmachen. In dieser Weise lassen sich die Fiktion des Romans und die Lebenswelt der Leserinnen und Leser miteinander vermitteln.
Der Roman im Unterricht
Zugegeben, der Roman liest sich wie ein autofiktionales Selfie. Das kann als abstoßend empfunden werden. Aber die Raffinesse, mit der sich die Figur in der Romanwelt bewegt, wie sie beobachtet, das Leben wahrnimmt und das eigene Handeln gegen alle Erwartungen und moralischen Normen rechtfertigt, ist schon speziell und voller Pointen. Wer sich auf den Text einlässt, wird mit großer Leselust belohnt. Interessante Themen, die auch in der Gegenwart nichts an Bedeutung einbüßen, kommen vor: die narzisstische Selbstdarstellung und Verwandlung, Konstruktionsformen der Identität, die Betrachtung von Diebstahl als Kunstwerk, raffinierte Überredungsstrategien in der Liebeswerbung, polyamorphe Liebeskonzepte, … Und natürlich die abiturrelevante Analyse und Interpretation von narrativen Erzähl- und Darstellungsweisen. Das alles wird in dem Stundenblatt zum Felix Krull unterrichtsadäquat und mit Lösungen versehen aufbereitet.
Wolfgang Wittor
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