Angst empfinden die meisten als unangenehmen Zustand, aber sie hat evolutionär den großen Nutzen, gefährliche Situationen zu vermeiden und zur Lösung von Herausforderungen zu motivieren.
Problematisch wird es erst, wenn die Angst intensiver ist, länger anhält und Auswirkungen auf Schulbesuch, soziale Beziehungen und andere Aktivitäten hat. Dann spricht man von einer Angststörung: eine starke Angst in objektiv nicht bedrohlichen Situation, die zum realen Erleben von intensiven körperlichen und psychischen Beschwerden führt.
Folgende Ausprägungen sind möglich:
- körperlich: (siehe Panikattacken): u.a. Magenschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Muskelverspannungen und -schmerzen, Unruhe etc.
- psychisch: u.a. Gedankenrasen, verminderte Konzentration und Merkfähigkeit, Entscheidungsunfähigkeit, Reizbarkeit, Wut, Ungeduld, Nervosität, Überforderung, Schlafstörungen, Vermeidungsverhalten
Das Problem bei Angststörungen besteht darin, dass die angstbesetzten Gedanken, Gefühle sowie das Verhalten und körperliche Befinden durch den Teufelskreis der Angst aufrechterhalten werden. Mehr dazu können Sie auf der Seite der deutschen Angsthilfe e.V. nachlesen. Als Lehrkraft werden Sie vor allem das auftretende Vermeidungsverhalten bis hin zu einer möglichen Schulabstinenz bemerken. Lesen Sie, warum diese Erkrankung in der Schule eine Rolle spielt und wie Sie Ihre Schülerinnen und Schüler unterstützen können.
Wie stark sind Schülerinnen und Schüler von Angststörungen betroffen ?
Im Kindesalter treten vor allem Trennungsängste und spezifische Phobien (z.B. vor engen Räumen oder bestimmten Tieren) auf. Mit zunehmendem Alter verschiebt sich der Schwerpunkt hin zu Ängsten, die mit sozialer Bewertung und Leistungsdruck zusammenhängen (soziale, generalisierte Angst-, Panikstörungen). Insgesamt sind Jugendliche (10 – 20 %) stärker betroffen als Kinder (5 – 10 %), wobei Mädchen einen höheren Anteil (bis 15 % bzw. bis 20 %) haben. Dabei gibt es eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung, wenn u.a. einer der folgenden Risikofaktoren gegeben ist, der durch Sie als Lehrkräfte im Schulalltag beobachtet werden kann:
- weibliches Geschlecht
- Ängste und ausgeprägte Schüchternheit mit Beginn im Kindes-/Jugendalter
- negative Kindheitserlebnisse (z.B. Gewalt, Vernachlässigung, überstrenge Erziehung)
- Angsterkrankungen bei nahen Verwandten
- Trennung oder Scheidung
Angststörungen vs. Panikattacken
Eine der häufigsten Angststörungen, die für den Schulbesuch entscheidend ist, ist die soziale Phobie. Die Betroffenen stehen ungern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und haben Angst vor anderen zu sprechen oder zu essen, Furcht vor der Bewertung anderer. Dies äußert sich z.B. in Prüfungs- oder Redeangst.
Bei Ängsten dieser Art könnten Sie auf die Betroffenen eingehen, indem Sie
- anbieten, Vorträge oder mündliche Prüfungen im Einzelsetting mit Ihnen bzw. vor einer Kleingruppe durchzuführen. Dies kann in Absprache über die Zeit gesteigert werden.
- die abzulegende Leistung als Übung deklarieren und bei einem zufriedenstellenden Ergebnis anbieten, dass die erzielte Note übernommen werden kann.
- mit der gesamten Klasse eine Wiederholung zum Thema Rhetorik machen, um Unsicherheiten auszuräumen und die Grundlagen zu festigen.
- die Entscheidung der Schülerin oder dem Schüler überlassen, wann sie geprüft werden wollen bzw. sie nur bei eigener Meldung drannehmen.
Gemeinsam mit, aber auch unabhängig von Angststörungen, können Panikattacken auftreten. Das sind kurze Phasen mit extremen Angst- und Anspannungszuständen, die plötzlich auftreten. Oft haben die Betroffenen Angst, dass ein solcher Zustand erneut auftreten kann, was zur nächsten Attacke oder Situationsvermeidung führen kann.
Zu den typischen Symptomen, die auch einem Herzinfarkt ähneln gehören:
- sicht- bzw. spürbar: Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche, Schwindel, Hyperventilation
- für Betroffene spürbar: Brustschmerzen, Atemnot, Erstickungs-, Entfremdungsgefühl, Gefühl eines Kontrollverlustes
10 Schritte zum Vorgehen bei einer möglichen Panikattacke
- Finden Sie heraus, ob es sich um eine Panikattacke handelt: Hatte die Person bereits eine Panikattacke bzw. sind Herzerkrankungen bekannt?
- Ruhig bleiben! – Panikattacken sind nicht lebensgefährlich. – Der Person kann im Laufe des Prozesses versucht werden zu vermitteln, dass es sich so anfühlt, aber nicht so ist.
- Sichern Sie die Umgebung oder suchen Sie eine sichere Umgebung auf, wie bspw. ein leeres Klassenzimmer.
- Ziehen Sie weitere Personen (z.B. aufsichtsführende Lehrkräfte) zur Unterstützung hinzu.
- Minimieren Sie die umgebenden Reize.
- Leiten Sie Übungen an (z.B. Tieralphabet oder 5-4-3-2-1 Übung) oder lenken Sie von der Attacke (z.B. mit Traubenzucker oder Trinken) ab, um die Person in den Körper zurückzuholen.
- Umgebung beschreiben und Sicherheit betonen
- Bleiben Sie mit der Person im Gespräch, auch wenn sie nicht antwortet (langsam, kurze Sätze, ruhige Stimme). Bei Bekannt sein von Attacken wissen die Betroffenen i.d.R., was ihnen hilft, und Sie können sie durch gezielte Nachfragen animieren.
- Bleiben Sie geduldig und treffen Sie keine übereilten Entscheidungen.
- Geben Sie der Person die Ruhe, die sie braucht. Nach der Attacke wird sie erschöpft sein.
Treten Panikattacken und die Angst davor immer wieder auf, kann dies in eine Panikstörung übergehen. Dazu muss aber auch die Angst vor möglichen Folgen, wie z.B. Kontrollverlust, gegeben sein. Die Auftretenswahrscheinlichkeit liegt bei Jugendlichen nur zwischen 1 bis 3 %, bei Kindern noch niedriger. Entscheidend sind eher zusätzlich auftretende Begleiterkrankungen. Bei länger anhaltenden Beeinträchtigungen durch die Angst können Depressionen sowie „Selbstmedikationen“ mit verschiedenen Substanzen und dadurch erzeugte Abhängigkeiten auftreten. Häufig sind hier Benzodiazepine ein Problem, die auch sehr oft zur Beruhigung verschrieben werden.
5 No Go’s und was Sie stattdessen tun sollten
- Machen Sie den Betroffenen keine Vorwürfe, wie z.B. „Bist du etwa zu schüchtern/schwach?“
→ Die Angststörung ist gewachsen bzw. gab es Dispositionen dafür und sie sorgen für ein irrationales Gefühl, dem nicht mit rationalen Argumenten oder pauschalen Aussagen „Du musst doch davor keine Angst haben.“ begegnet werden kann. Stattdessen sollten Sie zuhören und versuchen zu beruhigen. - Das Vermeidungsverhalten in Zusammenhang mit der Angst darf nicht unterstützt werden, indem die Schülerin/den Schüler bei z.B. psychosomatischen Beschwerden (Kopf- oder Bauchschmerzen) zuhause gelassen werden.
→ Als Klassenleitung sollten Sie die Eltern motivieren und bei einem regulären Schulbesuch unterstützen, auch wenn eine Abholung nach der ersten oder zweiten Stunde notwendig ist. - Es ist nicht ratsam, selbstständig eine Konfrontation/Exposition durchzuführen. Das muss dringend therapeutisch begleitet und systematisch durchgeführt werden.
→ Empfehlen Sie im Gespräch das Aufsuchen einer therapeutischen Behandlung. - Lassen Sie sich nicht von der Angst der Schülerin/des Schülers mitreißen. Dies könnte zur Bestärkung der Befürchtungen führen.
→ Wichtiger ist es, stattdessen Sicherheit zu vermitteln und eine mögliche Ansprechperson zu sein.
- Es sollte bei beobachteten Angstsymptomen nicht zu lange mit der Ansprache gewartet werden, da tendenziell die Dauer und Schwere der Erkrankung zunimmt, je später sie behandelt wird.
→ Sprechen Sie die betreffende Person an und empfehlen Sie ihr weiterführende professionelle Hilfe, wenn sich der Verdacht bestätigt.
Lesen Sie bei einem Verdacht die 10 Empfehlungen aus dem vorherigen Beitrag zum Thema psychische Gesundheit.
Literatur und Anlaufstellen
- Allgemeine Empfehlungen siehe Beitrag zur psychischen Gesundheit
- Handreichung vom Staatsministerium für Kultus vom Freistaat Sachsen: Chronisch kranke Schüler im Schulalltag – Empfehlungen zur Unterstützung und Förderung
- Deutsche Angst-Hilfe e.V. – https://www.angstselbsthilfe.de/
- BApK – Der Angehörigenverband – https://www.bapk.de/der-bapk.html – Gerade Angsterkrankungen bedürfen viel Mitwirkung des Umfeldes.
- Selbsthilfegruppen – angst-und-panik.de/selbsthilfegruppen (für ältere Schülerinnen/Schüler)
weitere Hilfen
allgemein stresslösende Skills wegen Unterschiedlichkeit der Störungen zum Stressabbau
- Achtsamkeitsübungen mit der Klasse: 5-4-3-2-1 Übung, Gehirnjogging, Atemübungen etc.
- Hilfsmittel zum Ausgeben nach Bedarf: Akkupressurringe, Knet- oder Massagebälle, Gummibänder, Poppits
- nach der Diagnose NTA für einen gleichberechtigten Schulbesuch, wie z.B. längere Bearbeitungszeit, Vorträge vor Kleingruppen, Bewegungs- und Ruhepausen, Nutzung von Skills in Leistungsabfragen)


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