Lehrkraft als Spürnase? – Durch die viele Zeit, die Sie mit Ihrer Schülerschaft verbringen, kommt Ihnen eine Verantwortung bei der frühzeitigen Erkennung von psychischen Auffälligkeiten zu.
Wir wollen Sie fit machen, Anzeichen von sich entwickelnden psychischen Erkrankungen zu erkennen und entsprechend damit umzugehen. Wichtig ist, dass Sie sich vor Augen halten, dass eine Krankheit der Psyche oder Physis zwar nicht erwünscht ist, aber zum Mensch-Sein dazugehört. Etwa ein Drittel aller Menschen beklagt in ihrem Leben psychische Gesundheitsprobleme. Dafür beschäftigen wir uns in den folgenden Beiträgen mit selbstverletzendem Verhalten sowie Angst- und Essstörungen. In diesem Beitrag wird auf das Thema Depressionen näher eingegangen.
Wie relevant sind Depressionen überhaupt?
Rund um das Thema Depressionen bestehen viele weit verbreitete Vorstellungen, u.a. sollen sie die häufigste psychische Erkrankung sein. Tatsächlich sind das aber die Angststörungen, auf die im nächsten Beitrag näher eingegangen wird.
Bei Kindern (ca. 4 bis 12 Jahre) liegt die Erkrankungsrate bei 1 bis 2%. Im Durchschnitt 6% aller Jugendlichen (ca. 13 bis 18 Jahre) erkranken an einer Depression, das sind ein bis zwei Schülerinnen oder Schüler pro Klasse. Dabei sind die Zahlen während der Coronapandemie deutlich gestiegen und zeigen sich jetzt zumindest bei den Neuerkrankungen bereits rückläufig. Sie sollten dabei berücksichtigen, dass Mädchen etwa doppelt so häufig betroffen sind wie Jungen. Diese zeigen häufiger unruhiges, aggressives und riskantes Verhalten, was zu Fehlbeurteilungen führt. Sie sollten hier Depression als mögliche Ursache mitbedenken!
Woran erkennt man, dass Schülerinnen und Schüler depressiv sein könnten?
- Gedrückte Stimmung/innere Leere
- Freudlosigkeit/Interessenverlust z.B. an Hobbies, Aktivitäten mit Freundinnen und Freunden oder Familie, Schule
- Antriebsmangel/erhöhte Ermüdbarkeit, auch bei kleinsten Aufgaben
Weitere Symptome
- Selbstwertgefühl ↓, Schuldgefühle ↑ und das Gefühl, die Situation nicht anders verdient zu haben
- Konzentration und Aufmerksamkeit ↓, Schulprobleme wie Leistungsabfall
- Appetit- und Schlafstörungen, körperliche Beschwerden z.B. Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopf- und Muskelschmerzen
- Hoffnung in Bezug auf die Zukunft ↓, Rückzug, Suizidgedanken und -handlungen
Zu beachten
- Die Symptome sollten mehr als zwei Wochen ohne erkennbare Verbesserung bestehen.
- In der Schule kommt es fast zwangsläufig zu einem (deutlichen) Leistungsabfall, was den Schulerfolg insgesamt gefährdet und damit den Druck auf die Schüler/-in erhöht.
- Depressionen kommen selten allein, sondern häufig zusammen mit Angst- und Essstörungen, Aufmerksamkeits-, Konzentrationsstörungen und Teilleistungsschwächen sowie Störungen des Sozialverhaltens.
10 Empfehlungen, was Sie bei einem Verdacht tun sollten
- Berücksichtigen Sie alterstypische Entwicklungsschritte und damit verbundene Schwierigkeiten, um Abweichungen besser einschätzen zu können.
- Achten Sie auf Anzeichen wie deutliche Leistungseinbrüche, Konzentrationsstörungen, sozialen Rückzug, Gereiztheit, deutlich erhöhtes Medienverhalten u. Ä.
- Tauschen Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen über Ihre Beobachtungen und den Verdacht aus.
- Bemühen Sie sich den Schüler/die Schülerin nicht durch ein verändertes Verhalten aus der Klassengemeinschaft hervorzuheben, wenn er/sie das nicht möchte.
- Suchen Sie das persönliche Gespräch zu dem jungen Menschen, hören Sie aktiv zu und machen Sie sich ein Bild von der Situation. Sie brauchen keine direkten Lösungen liefern.
- Zeigen Sie Mitgefühl (kein Mitleid), bleiben Sie ruhig, wertschätzend und bedrängen Sie Ihr Gegenüber nicht. Nehmen Sie den Schüler/die Schülerin ernst und bieten Sie ihnen auch wiederholt Gespräche an, wenn die Schülerin oder der Schüler zunächst verschlossen reagieren.
- Nutzen Sie Ihre eigenen Beobachtungen als Ausgangspunkt für ein Gespräch („Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass …“).
- Sprechen Sie mit dem Schüler/der Schülerin über mögliche Ressourcen, aus denen sie für die nächste Zeit Kraft schöpfen können und geben Sie Hoffnung auf Gesundung.
- Holen Sie nach Absprache und bei erhärtetem Verdacht die Eltern hinzu und/oder vermitteln Sie konkrete Hilfsangebote an Ihrer Schule (z.B. Schulsozialarbeitende), in der Umgebung oder allgemeine Anlaufstellen (s. unten).
- Haben Sie keine Angst, das Thema Therapie, vor allem Psychotherapie, anzusprechen. Aber auch Antidepressiva sind wirksame und angebrachte Hilfen bei einer Depression.
5 No Go’s im Umgang
- Glauben Sie nicht, Depression sei etwas Selbstverschuldetes, entscheidend sind genetische Faktoren, prägende Ereignisse, chronische Überbelastung etc.!
- Geben Sie den Schülerinnen und Schülern nicht das Gefühl, sie nicht ernst zu nehmen durch leichtfertige Aussagen, wie „Reiß‘ dich mal ein bisschen zusammen.“ oder „Versuch‘ doch einfach mal positiv zu denken.“
- Nehmen Sie keine überengagierte oder überbehütende Haltung ein.
- Verwechseln Sie gute Laune und Lachen des Schülers/der Schülerin nicht mit gesund sein! Sie entwickeln Strategien, um in der Öffentlichkeit nicht weiter aufzufallen.
- Stellen Sie keine Diagnosen oder versuchen Sie nicht, therapeutische Aufgaben zu übernehmen!
Anlaufstellen, an die Sie verweisen oder bei denen Sie sich selbst informieren können
- Telefonseelsorge – telefonisch, als Mail oder per Chat: https://www.telefonseelsorge.de/kontakt/
- Nummer gegen Kummer – telefonisch oder als Online-Beratung: https://www.nummergegenkummer.de/kinder-und-jugendberatung/
- BKE-Jugend- oder Elternberatung: https://www.bke-beratung.de/
- Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention – Info-Telefon Depression: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/start
- Jugendnotmail: https://jugendnotmail.de/


Danke für den hilfreichen Artikel. Es ist sehr wichtig, über Themen aufzuklären, die viele unserer Schülerinnen und Schüler weit über den Unterricht hinaus beschäftigen. Erwähnenswert wäre jedoch auch, dass für alle Schulen sehr gut ausgebildete Schulpsychologinnen und Schulpsychologen den Kindern und Jugendlichen, aber auch den Lehrkräften und Erziehungsberechtigten zur Verfügung stehen, die wichtige erste Ansprechpartner sein können.