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Selbstverletzung bedeutet mehr als nur Wunden!

Selbstverletzendes Verhalten kann beängstigend wirken.
Das muss aber mit genug Wissen nicht sein!
Hier soll mit Befürchtungen und Vorurteilen aufgeräumt werden.

Das heutige Thema bildet den Abschluss der kleinen Serie über die psychischen Erkrankungen Depressionen, Angststörungen und Essstörungen.

Selbstverletzendes Verhalten tritt häufig komorbid, das heißt in Kombination mit einer oder mehreren der drei Erkrankungen auf. Das Verhalten selbst ist „nur“ ein Symptom, das trotzdem ernst genommen werden muss. Schülerinnen und Schüler, die dieses Verhalten zeigen, müssen aber nicht zwangsläufig an einer psychischen Erkrankung leiden, es gibt keinen kausalen Zusammenhang.

Für die weitere Einordnung müssen Sie wissen, dass es in den folgenden Ausführungen um „nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten“ geht. Darunter wird allgemein ein freiwilliges und bewusstes Schädigen oder Verändern des Körpers (oder des Körpergewebes) verstanden, bei dem keine suizidale Absicht vorliegt. Dies kann direkt in Form von z. B. Ritzen, Schneiden, Verbrennungen oder indirekt über riskantes Verhalten z.B. im Straßenverkehr oder über häufige anderweitige Unfälle erfolgen.

Zahlen für eine realistische Vorstellung

Bei Kindern ist die Zahl derjenigen, die sich selbst verletzen, verschwindend gering, weswegen diese hier außen vor gelassen werden. Bei Jugendlichen konnte über große Analysen zahlreicher Studien gezeigt werden, dass sich 17–35% in ihrem Leben mindestens einmal selbst verletzen. Bei circa jeder/jedem fünften Jugendlichen tritt das Verhalten auch wiederholt auf. Mädchen sind dabei anderthalb bis doppelt so häufig betroffen wie Jungen.

Als Lehrkräfte sind Sie besonders entscheidend, da Sie die hochprekäre Phase, in der Regel zwischen dem 13. und 19. Lebensjahr, begleiten. Im Vergleich dazu treten Selbstverletzungen bei Erwachsenen nur mit ca. 5% auf und wiederholt führen solche Handlungen nur ca. 1% der Menschen über 21 Jahren aus.
Bei ca. 60–70% der Jugendlichen mit Selbstverletzungen liegt außerdem eine Depression vor, bei Angststörungen sind es ca. 20–30% und Essstörungen sind in ca. 40% der Fälle mit diesem destruktiven Verhalten verknüpft.

mögliche Anzeichen

Hinweise auf stattfindende Selbstverletzung können sehr offensichtlich oder stark verdeckt sein. Im Folgenden finden Sie Anhaltspunkte, auf die Sie bei Ihrer Schülerschaft achten können:

  • sichtbare Narben, Wunden oder blaue Flecke an freiliegenden Körperstellen
  • dauerhaftes Verdecken von Bereichen des Körpers z. B. durch Stulpen oder das Tragen von langer Kleidung bei unangemessenen Temperaturen
  • vermehrte Fehlzeiten, Schulabsentismus bis zur Abheilung, Vermeidung des Sportunterrichts z. B. durch vergessene Sportsachen
  • extreme/ absurde/ gefährliche Geschichten einer Person (Risikotendenzen), die so geschehen bzw. geplant sein können, aber nicht immer sein müssen
  • Ausdruck selbstverletzenden Verhaltens über Zeichnungen, im Social Media Feed oder in Beschäftigung damit in Chatverläufen
  • angespannte(s) Körperhaltung/ Auftreten, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Wutausbrüche, Rückzug aus der Peer-Group, geringes Selbstwertgefühl, Äußerung von Gefühllosigkeit

Warum sollte sich jemand selbst Schaden zufügen?

Bei selbstverletzendem Verhalten stehen nicht die eigentlichen Wunden im Vordergrund, entscheidend und auch wichtig zur Einordnung ist die Funktion, die dadurch erfüllt werden soll. Diese kann vielfältig sein, der Aspekt der Aufmerksamkeitssuche, der diesem Verhalten manchmal zugeschrieben wird, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

  • Entlastung von nicht-aushaltbaren Anspannungszuständen: Dabei ist es ein Ausdruck negativer Gefühle und ein Ventil, um Trauer, Frustration und Schmerz herauszulassen. Der nicht greifbare psychische Schmerz wird in einen körperlichen umgewandelt und die dabei ausgeschütteten Endorphine verbessern die Stimmung.
  • Nonverbale Botschaft: Dahinter kann ebenso der Versuch stecken wahrgenommen, mit den eigenen Bedürfnissen gesehen zu werden und zu zeigen, wie man sich fühlt. Ein Gruppenzugehörigkeitsgefühl könnte ebenfalls eine Rolle spielen.
  • Selbstfürsorge: Über die Versorgung der Wunden und des Kümmerns investiert die Schülerin / der Schüler Zeit in sich selbst. (Hier können Sie sehr gut gemeinsam nach Alternativen suchen!)
  • Problemlösung: Selbstverletzung kann auch als Möglichkeit erscheinen, sich aus einer ausweglosen Situation heraus zu begeben, für die es im Moment noch keine Lösung gibt oder die noch nicht gesehen wird.
  • Selbstbestrafung: Das trifft zu, wenn die/der Betroffene das Gefühl hat, eine Verfehlung begangen zu haben und nicht weiß, was sie/er mit den Schuldgefühlen machen soll.
  • Suizidvermeidung: Sollten bereits Suizidgedanken eine Rolle spielen, kann die Selbstverletzung als Ersatzlösung dienen und so in einen präsuizidalen Zustand führen. Hier ist unbedingt Vorsicht geboten!

Was Sie bei einem Verdacht/einer Beobachtung tun sollten

  • Beachten Sie bei einem Verdacht zuerst die 10 Empfehlungen aus dem ersten Beitrag dieser Reihe, um einen Fahrplan zur Hand zu haben und schauen Sie sich anschließend die nachfolgenden Besonderheiten an.
  • Fragen Sie die Schülerin/den Schüler nach dem aktuellen Befinden und helfen Sie ihr/ihm, bei Bedarf mögliche Wunden zu versorgen.
  • Klären Sie eine mögliche Suizidabsicht ab und haben Sie dabei keine Angst: Eine einfache Nachfrage wird keine Impulse zum Suizid auslösen. Nutzen Sie dafür Fragen wie: „Welche Gedanken gehen dir dabei durch den Kopf? Hast du schon mal an Suizid gedacht?“
  • Begegnen Sie der oder dem Betroffenen mit Ruhe und Empathie und versuchen Sie dabei, der Person gegenüber Empathie zu zeigen, ohne das Verhalten an sich als akzeptabel zu bewerten. Das gelingt, indem Sie als Lehrkraft das selbstverletzende Verhalten als Ausdruck einer Belastung annehmen, ohne die Methode gutzuheißen.
  • Versuchen Sie, Ihre eigene Sorge zu verdeutlichen und vermitteln Sie dabei die Bereitschaft, zuhören zu können. Wenn Sie es sich zutrauen, können Sie versuchen, die individuellen Gründe nachzuvollziehen und auf dieser Ebene einen Anknüpfungspunkt zu finden. Dazu helfen Ihnen die oben aufgeführten Funktionen.
  • Fragen Sie nach, ob die Schülerin/der Schüler bereits etwas von sogenannten „Skills“ gehört hat. Das sind alternative Verhaltensweisen, die angewendet werden können, um einen Ersatz zur Selbstverletzung zu finden. Beispiele dafür sind: jemanden zum Reden suchen, Eiswürfel in die Hand nehmen, sich auspowern, etwas Scharfes oder Saures essen oder riechen, Achtsamkeitsübungen …

5 No Go’s im Umgang

  1. Verfallen Sie auf keinen Fall in einen übertriebenen Aktionismus. Wenn Sie hektisch werden, und überstürzt zu viele Dinge gleichzeitig angehen wollen, kann das die vorliegende Situation unter Umständen verschlimmern und Ihre Beziehungen zur Schülerin/zum Schüler gefährden.
  2. Verurteilen Sie die Betroffenen nicht, da die Personen sich in der Regel der Destruktivität ihrer Handlungen bewusst sind und ihnen im Moment die Alternative fehlt. Versuchen Sie sich, wenn möglich, auch Angst, Panik oder Wut nicht anmerken zu lassen.
  3. Davon, Druckmittel zu nutzen (z. B. die Eltern informieren) oder ein Ultimatum zu stellen („Wenn du es deinen Eltern bis morgen nicht gesagt hast, dann tue ich es!“), ist dringend abzuraten. Bieten Sie eher Ihre Hilfe für den weiteren Weg an und klären Sie über die oben genannten Fragen ab, ob es notwendig ist, die Eltern in naher Zukunft in Kenntnis zu setzen.
  1. Es ist ebenfalls wichtig, die Schülerin/den Schüler nicht vor Anderen anzusprechen, um eine Bloßstellung zu vermeiden oder auch das Thema allgemein vor der Klasse aufzubringen, wenn sich die Betroffenen nicht bereit fühlen. Klären Sie es vorher ab!
  2. Täuschen Sie kein Verständnis vor, das Sie nicht haben oder zu große Solidarität, da sonst kein Anlass für eine Verhaltensänderung erkennbar wird. Geben Sie eher das Signal „Ich nehme dich wahr und wir können darüber sprechen.“

Anlaufstellen, an die Sie verweisen oder bei denen Sie sich selbst informieren können

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Über die Autorin

Corinna Lajewski

Seit Ihrem Abschluss in Psychologie 2022 in Halle (Saale) lebt Corinna Lajewski mit ihrem Ehemann in Leipzig. Sie arbeitet seit 2023 für die Rahn Education (Dr. P. Rahn & Partner Schulen in freier Trägerschaft gemeinnütziger Schulgesellschaft mbH) und betreut fünf Schulen in Leipzig von der Grundschule über das Gymnasium bis zur Fachoberschule im Rahmen der schulpsychologischen Beratung.

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