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Autistische Lernende begleiten – praktische Tipps

Neurodivergenz ist eines der Schlagworte der aktuellen Zeit. Die Gehirne neurodivergenter Menschen funktionieren nicht neurotypisch. Dies betrifft nicht nur Menschen mit ADHS oder Hochbegabte, sondern auch Autisten.
Autistische Lernende benötigen die Unterstützung der Lehrkräfte in besonderem Maße – zu recht.

Das autistische Gehirn

Das autistische Gehirn funktioniert anders. Auch wenn nicht alle Ursachen bisher bekannt sind, weiß man sicher, dass das Gehirn schon bei der Geburt neurodivergent ist. Reize werden anders wahrgenommen und oft kaum oder gar nicht gefiltert. Wenn Sie das Rauschen des Laptoplüfters schon längst ausgeblendet haben, nimmt das autistische Gehirn dies dauerhaft wahr und muss dauerhaft melden, dass dieses Rauschen unwichtig ist. Das kostet Kapazität und Kraft.

Solche Reize gibt es unzählige, vor allem im Klassenzimmer: Dort fällt ein Stift herunter, hier hustet jemand, da hinten wippt eine Person mit dem Fuß und der Kugelschreiber des Sitznachbarn kratzt.

Diagnose und Unterstützungsmöglichkeiten

Viele Autisten fallen oft nicht im allerersten Moment auf. Sie sind ein bisschen „anders“ und „komisch“, aber da die Klischees selten alle zutreffen, werden manche erst spät diagnostiziert. Je früher eine Diagnose möglich ist, desto besser kann jeder autistische Mensch im Alltag unterstützt werden und seine eigene Andersartigkeit im Vergleich zu neurotypischen Menschen einordnen.

Leider sind die Wartelisten bei den meisten Kinder- und Jugendpsychiatrien sehr lang und es dauert bis zu einer Diagnose. Inzwischen sind Diagnosen in der Grundschulzeit, während der weiterführenden Schule und im Erwachsenenalter aber nichts Ungewöhnliches mehr und vor allem bei Mädchen durchaus üblich.

Mit einer Diagnose sind Hilfestellungen wie ein Nachteilsausgleich und eine Schulbegleitung oft besser durchsetzbar – je nach Bundesland ist für beides aber eine Diagnose nicht unbedingt notwendig.

Einige Bundesländer haben besondere schulische Beratungsangebote eingerichtet, so gibt es zum Beispiel in Hessen Ansprechpartner der Landesfachberatung Autismus und in Baden-Württemberg Autismusbeauftragte beim jeweiligen Schulamt. Diese beraten alle Beteiligten, wie Eltern, Lehrkräfte, Schulleitungen und natürlich auch die Autisten selbst.

Außerschulisch sind die Autismus-Kompetenzzentren eine große Hilfe. Diese findet man leicht über Online-Suchmaschinen in der Nähe des Wohnortes.

Wutanfall, Heulsuse – oder doch eher ein Meltdown?

Autistische Jungen fallen oft durch Aggressivität auf, autistische Mädchen weinen häufiger. Beide Zustände zeigen emotionale Ausnahmesituationen und absolute Überforderungen an. Es sind keine Wutanfälle, sondern Zusammenbrüche – Meltdowns genannt –, die durch eine Reizüberflutung entstehen und sich auf ganz verschiedene Arten zeigen können. Autisten können dann nicht mehr anders und brechen zusammen.

Autistische Lernende sind grundsätzlich nicht mehr oder weniger intelligent. Autismus gibt es in jedem Intelligenzbereich und Autisten in jeder Schulform – sie sind so individuell wie alle anderen Menschen auch.

Welche Situationen und Reize für die oder den autistische(n) Lernende(n) besonders herausfordernd sind, kann stark variieren. Hier empfiehlt es sich, häufig das Gespräch zu suchen – mit den Kindern und Jugendlichen selbst, aber natürlich auch mit den Eltern. Ein enger Austausch hilft, die schwierigen Situationen in der Schule zu verstehen und in Zukunft besser damit umzugehen. Eltern sind in aller Regel die Experten für ihre Kinder. Auf ihre Expertise sollten Lehrkräfte möglichst zurückgreifen und das Gespräch suchen.

Reizüberflutung in der Schule vermeiden

Schule ist wohl mit das Schlimmste, was einem autistischen Gehirn passieren kann: Überall sind immer und ständig Reize, es gibt kaum Zeitfenster für einen Rückzug. Standardmäßig gibt es für die Lernenden auch keine Möglichkeit, einen Ruheort zu finden. Die Pausen sind eher besonders schwierig, da besonders laut und trubelig.

Welche schnellen Möglichkeiten gibt es zur Hilfe?

  • Rückzugsmöglichkeiten schaffen: Dabei ist Kreativität gefragt, vielleicht reicht eine Abgrenzung mit Regalen?
  • Reizabschirmung, vor allem in den Pausen, z. B. durch
    • die Möglichkeit, die Pause im Klassenzimmer verbringen zu dürfen,
    • Kopfhörer (vielleicht sogar mit Geräuschunterdrückung) tragen zu dürfen,
    • Anbringen von Trennwänden an den Sitzplätzen.
Blick von oben: Schüler sitzt in einem Sessel und liest ein Buch

Vorhersehbarkeit schaffen

Aufgrund der anderen Wahrnehmung ist die Kommunikation für und mit Autisten oft besonders herausfordernd.

Im Ganzen ergibt sich daraus, dass autistische Lernende unter permanenter Anspannung stehen, da sie sich nicht verstanden fühlen, andere nicht verstehen und es keinen geregelten Ablauf gibt.

Schaffen Sie daher so viel Vorhersehbarkeit wie möglich, zum Beispiel indem Sie:

  • immer denselben Sitzplatz zur Verfügung stellen,
  • den Tagesablauf visualisieren: Unterrichtsfächer und Pausen,
  • den Stundenablauf visualisieren: Was haben wir heute vor?
  • Änderungen (z.B. Vertretung) frühzeitig ankündigen,
  • eine klare und schnörkellose Sprache verwenden.

„Kennste einen, kennste einen.“

Kein Mensch ist wie der andere. Keine Autistin/kein Autist ist wie die/der andere. Die klischeehaften Bilder aus Filmen und Serien überzeichnen die Situation oft stark, denn es gibt keine Patentlösung im Umgang mit autistischen Menschen. Allgemein lässt sich aber sagen:

  • Je klarer die Aufgabe formuliert ist, desto besser kann der Autist damit umgehen.
  • Klare Regeln werden oft gut angenommen, Ausnahmen dieser Regeln können aber schlecht akzeptiert werden.
  • Wenn es auf Genauigkeit ankommt, ist Ihre/Ihr autistische(r) Lernende(r) oft die perfekte Hilfe.
  • Sie brauchen eine ehrliche Meinung? Fragen Sie eine Autistin/einen Autisten – aber nur, wenn Sie mit der ungeschönten Wahrheit umgehen können.

Überreizung des autistischen Gehirns wird man im Schulalltag nicht dauerhaft vermeiden können. Aber es ist wichtig, dass wir Lehrkräfte sensibilisiert sind für die Herausforderungen des autistischen Alltags. Neurodivergente Menschen bereichern unseren Alltag oft auf ganz besondere Weise und brauchen dafür unsere Unterstützung.

Tipps und Adressen, bei denen Sie sich informieren können

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Über die Autorin

Ann-Katrin Gans

Ann-Katrin Gans unterrichtet an einer Gemeinschaftsschule in der Main-Tauber-Region die Fächer Deutsch und Geschichte.

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