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Essen – das kann und muss doch jeder Mensch?!

Bei Essstörungen denken die meisten Menschen wohl an junge Mädchen, die unbedingt dünn sein wollen und deswegen nichts mehr essen. Die Ausprägungsformen dieser Erkrankung und deren Ursachen gehen jedoch weit darüber hinaus.

Der Begriff „Essstörung“ kann allgemein als ernsthafte psychische Erkrankung verstanden werden, die sich durch ein gestörtes Essverhalten und die übermäßige Beschäftigung mit dem eigenen Körpergewicht und -bild auszeichnet. Da dieses Thema so umfassend ist und es viele Formen und Ursachen gibt, sind am Ende des Beitrags diverse Anlaufstellen verlinkt, bei denen Sie sich noch genauer informieren können.

Was feststeht ist, dass die Schule eine sehr große Bedeutung bei der Erkennung und Begleitung einnimmt. Da sich Essstörungen oft in der Adoleszenz entwickeln und eine frühe Identifikation sowie Behandlung wichtig ist, sollten Sie als Lehrkräfte wissen, worauf Sie achten müssen. Eine unerkannte Erkrankung, die ins Erwachsenenalter übergeht, gestaltet sich viel schwieriger in der Gesundung.

Die 3 häufigsten Formen mit Symptomen sind:

  • Anorexia Nervosa (Magersucht): absichtlich herbeigeführter oder aufrechterhaltener Gewichtsverlust, Angst vor Gewichtszunahme; Umsetzung durch eingeschränkte Nahrungsauswahl, übertriebene körperliche Aktivitäten, selbstinduziertes Erbrechen und Abführen, Gebrauch von Appetitzüglern und Entwässerungsmitteln
    → Erkrankungsrate ca. 0,5 – 1,0%, Ersterkrankungsalter 12 – 17 Jahre, Verhältnis w:m = 10:1, 5 – 10% Sterblichkeitsrate
    → Es gibt auch die atypische AN, wenn alle Symptome außer ein Untergewicht vorliegen!
  • Bulimia Nervosa (Ess-Brech-Sucht): wiederholte Anfälle von Heißhunger und übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts, Ausübung von Kontrolle durch Erbrechen oder Gebrauch von Abführmitteln, übertriebene Sorge um Körperform und Gewicht
    → Erkrankungsrate ca. 1,0% (häufiger als AN), Ersterkrankungsalter 16 – 20 Jahre, Verhältnis w:m = 10:1, Sterblichkeitsrate 2,6%
  • Binge-Eating-Störung: wiederholte Essanfälle und Heißhunger, Aufnahme von großen Mengen an Essen ohne hungrig zu sein/ bis zum Unwohlsein, alleine Essen durch Schamgefühl, Gefühl von Selbstekel, Schuld und Depressivität nach dem Essen, Normal- oder Übergewicht
    → Erkrankungsrate ca. 1,6% (am häufigsten), Erkrankung vor allem im jungen Erwachsenenalter, Verhältnis w:m = 2:1, Sterblichkeit nicht bekannt

Andere Formen, die vorkommen können, sind:

  • Orthorexia Nervosa: zwanghafte Fixierung auf „gesunde“ Ernährung, strikte Ernährungsregeln
  • Pica: Verzehr nicht-nahrhafter oder nicht-organischer Substanzen (z.B. Haut, Haare, Plastik)
  • Rumination-Syndrom: wiederholtes Hochwürgen und erneutes Kauen oder Schlucken des Essens

Mögliche Ursachen, die vorliegen können, sind:

  • belastende Lebensbedingungen (fehlende elterliche Nähe, hohe Erwartungen von außen, Gewalterfahrungen, Vernachlässigung, gestörtes Essverhalten in der Familie, Abwertungen & kritische Kommentare, gesellschaftlicher Druck durch Schönheitsideale, Mobbing, Soziale Medien, Leistungsdruck in bestimmten Sportarten etc.)
  • persönliche Merkmale (negative Körperwahrnehmung, geringes Selbstwertgefühl, Ängstlichkeit, Perfektionismus, Adipositas (in der Kindheit), schnelle pubertäre Entwicklung, außergewöhnliche Körperformen)

Erkennbare Warnsignale, auf die Sie in der Schule achten sollten, sind:

  • ausgeprägtes Diätverhalten z.B. Kalorienzählen, Vermeiden best. Lebensmittel
  • häufiges Aufsuchen eines Badezimmers während/ nach dem Essen (Erbrechen/ Abführen)
  • exzessives, zwanghaftes oder ritualisiertes Sportverhalten/ ständige Bewegung
  • Entwicklung starrer Regeln beim Essen, Vermeiden von Mahlzeiten oder Lügen über das Essen
  • starke Beschäftigung mit Essen bzw. auch mit Figur und Gewicht, starkes Kontrollbedürfnis
  • ständiges Erwähnen von Essen und Kommentieren des Essverhaltens anderer
  • sozialer Rückzug bzw. Vermeidung von Aktivitäten
  • Reizbarkeit, Müdigkeit, sinkende Konzentration
  • plötzliches Tragen weiter Kleidung, stark schwankendes Gewicht (bei Binge-Eating-Störung)

5 schnelle Tipps für einen möglichst sensiblen Umgang

  1. Vermeiden Sie unbedingt jegliche Kommentare bezüglich des körperlichen Erscheinungsbildes und sei es auch nur im Zusammenhang mit Unterrichtsinhalten. Gefährlich sind v.a. gut gemeinte Aussagen, wie: „Du siehst besser aus.“ oder „Du hast gut zu-/ abgenommen.“ Dies können die Schüler/-innen entsprechend ihrer Sicht auslegen.
  2. Unterlassen Sie ebenfalls einen wertenden Sprachgebrauch zu „gutem“ oder „schlechtem“ Essen. Das gibt es prinzipiell nicht, stattdessen kommt es auf die Menge an und das haben die Schüler/-innen i.d.R. verlernt.
  3. Verzichten Sie darauf, die betroffenen Schüler/-innen mit den eigenen Beobachtungen zu konfrontieren oder Aussagen über das Essen während des Essens zu tätigen (z.B. in der Pause).
  4. Glauben Sie nicht, dass die Erkrankung schnell wieder verschwindet, selbst wenn die Schüler/-innen in Behandlung sind oder waren. Anorexie und Bulimie haben nicht umsonst das Wort „Sucht“ im deutschen Begriff. Das Potential zum erneuten Ausbrechen der Krankheit bzw. Verschlechtern des Zustands bleibt bestehen.
  5. Bei Essstörungen ist die eigene Einsicht der betroffenen Person entscheidender als bei anderen Erkrankungen, da die Krankheitseinsicht und die Veränderungsbereitschaft den Grundstein für die Behandlung legen und Menschen nicht zum Essen/ Aufhören gezwungen werden können.

Was können Sie bei Essstörungen tun?

  • Versuchen Sie trotz möglicher Unsicherheiten oder Ängste die Schülerin oder den Schüler anzusprechen, da diese aufgrund der verzerrten Wahrnehmung auf äußere Rückmeldungen angewiesen sind. Wenn Sie sich an die 5 Tipps und die 10 Empfehlungen aus dem ersten Beitrag der Reihe halten, können Sie sich im Gespräch sicher fühlen. Lassen Sie dabei vor allem Geduld und äußerste Behutsamkeit walten.
  • Halten Sie sich vor Augen, dass bei essgestörten Personen der eigene Wert und die Identität stark mit der Körperwahrnehmung zusammenhängen und sie deswegen sehr empfindlich auf Kritik reagieren. Versuchen Sie Informationen über den aktuellen körperlichen Zustand und die Gedanken des/ der Betroffenen im Einzelgespräch zu sammeln und beginnen Sie dabei Ihrerseits mit Beobachtungen, die unabhängig vom Gewicht sind.
  • Stellen Sie sich darauf ein, dass essgestörte Personen sich gut darauf verstehen, ihr Verhalten u.a. aus Scham verschleiern zu wollen und es auch oft schaffen, deswegen kann es sein, dass die Eltern noch nichts bemerkt haben z. B. wenn sie viel berufstätig sind.
  • Verstärken Sie positive Aspekte der Person, die nichts mit Essen oder der Figur zu tun haben.
    ACHTUNG: Auch ehrgeiziges schulisches Verhalten kann ein Symptom/ Ursache sein!
  • Treten Sie gemeinsam mit der Schülerin/ dem Schüler oder mit vorheriger Information an diese an die Eltern heran, vermitteln Anlaufstellen und schaffen auf diese Weise ein gemeinsames Hilfenetzwerk.
  • Versuchen Sie präventiv zu arbeiten, indem Sie die SchülerInnen zur Selbstfürsorge motivieren und erläutern, wieso wir besonnen mit uns und unserem Körper umgehen müssen.
  • Besprechen und leben Sie positive Rollenbilder in Bezug auf Körper und Schönheit vor und versuchen Sie Unsicherheiten und kritische Kommentare der SchülerInnen einzuordnen.

WICHTIG

Es geht NICHT darum eine Diagnose zu stellen, nur weil es aufgrund der äußerlichen Veränderungen vermeintlich einfacher ist als bei anderen psychischen Erkrankungen! Oft genug sind die Betroffenen auch normalgewichtig!

Weiterführende Literatur & Hilfen

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Über die Autorin

Corinna Lajewski

Seit Ihrem Abschluss in Psychologie 2022 in Halle (Saale) lebt Corinna Lajewski mit ihrem Ehemann in Leipzig. Sie arbeitet seit 2023 für die Rahn Education (Dr. P. Rahn & Partner Schulen in freier Trägerschaft gemeinnütziger Schulgesellschaft mbH) und betreut fünf Schulen in Leipzig von der Grundschule über das Gymnasium bis zur Fachoberschule im Rahmen der schulpsychologischen Beratung.

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