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Erlebnis Deutschunterricht I: Die Schule erhören – Lautgedichte

Mit diesem Beitrag möchten wir eine Reihe mit Unterrichtsvorschlägen eröffnen, die Inhalte des Deutschunterrichts für die Beteiligten erlebbar machen. Lerngegenstände und Lernumgebung werden so arrangiert, dass sie auf die Lernenden einwirken können, also deren Sinne in unterschiedlicher Intensität ansprechen und aktivieren. So treten Lernende in tiefreichende Beziehung mit der Welt.

Raus aus dem Klassenraum

Zwei Aspekte spielen in diesen Unterrichtsvorschlägen eine besondere Rolle: Erstens wird durch die Anleitung und bewusste Aktivierung der Sinne eine Vereinzelung und Verlangsamung im Lernprozess angestrebt, zweitens werden in Lernorte außerhalb des Klassenzimmers aufgesucht, was Motivation und Bewegung schafft.

Lautgedichte rezipieren und produzieren

In unserem ersten Beitrag suchen die Schülerinnen und Schüler über ihr Gehör einen besonderen Zugang zu ihrem Lernort Schule. Sie erfahren akustische Charakteristika und damit einen Teil des „Raumwesens“. Indem die Schülerinnen und Schüler ihr Gehör bewusst fokussieren und genau lauschen, bauen sie eine intime Verbindung zu ihrer Schule auf und nehmen sie in der Konsequenz als persönlich bedeutsamen Ort wahr. Zugleich üben sie sich im interpretatorischen und gestalterisch-spielerischen Umgang mit Lauten und lyrischen Texten. Lyrik als musikalische und klangvolle literarische Gattung bietet sich in diesem Zusammenhang besonders an.

Die Unterrichtsgestaltung

Text: Christian Morgenstern „Karawane“

Der Text wird den SuS ohne Titel vorgelegt. Sie üben in Partnerarbeit einen Vortrag des Gedichtes ein und begründen ihre intonatorische Gestaltungsweise. Im Unterrichtgespräch werden Gedanken ausgetauscht, was die SuS mit dem Gedicht verbinden können, z.B. eine bestimmte Handlung, einen Ort, eine Atmosphäre, ein Erlebnis oder ein Gefühl.

Die SuS erhalten den Titel des Gedichtes und diskutieren dessen Einfluss auf die Vortragsweise.

Die SuS untersuchen vor diesem Hintergrund, mit welchen Mitteln das Gedicht arbeitet, darunter Wiederholungen von Lauten und Silben, onomatopoetische Elemente, vornehmlich dunkle Vokale mit einzelnen Einschnitten durch helle Vokale, Binnenreime, Alliteration.

Im Unterrichtsgespräch wird die Lautgestaltung mit Blick auf den Gedichttitel gedeutet, und diskutiert, inwiefern durch die Lautgestaltung das Wesenhafte einer Karawane ausgedrückt wird.

Die SuS werden auf die kreative Phase vorbereitet, indem sie in jeweils fünf Sekunden Geräusche notieren, die sie mit den von der Lehrkraft genannten Orten verbinden. Sie bringen selbst einzelne Geräusche ein, indem sie vormachen und notieren, wie diese sich anhören.

Z.B. „Kino“ -> Rascheln von Popcorn (rschkrschrsch), Knuspern von Nachos (krpskkrispkrps), Husten (öhö köhö öhö).

Es eigenen sich Orte wie:

  • Restaurant
  • Marktplatz
  • Sportplatz
  • Wald
Nach dem Muster von Morgensterns „Karawane“ verfassen die SuS individuelle Lautgedichte. Die Lehrkraft teilt ihnen einen Ort zu, an dem sie die Aufgabe mithilfe des Arbeitsblattes bearbeiten, z.B.:

  • Schulhof während der Pause / während des Unterrichts
  • Bibliothek während der Pause
  • Computerraum während / außerhalb des Unterrichts
  • Cafeteria
  • Turnhalle während des Unterrichts
  • Schulgang

Im Plenum präsentieren die SuS ihre Lautgedichte. Es bietet sich an, die Texte unter dem Titel „So klingt unsere Schule“ zu sammeln und der Schulgemeinschaft zugänglich zu machen.

Abschließend kann eine vertiefende Übung erfolgen. Hierzu werden unter der Fragestellung „Wer ist unser Klassenzimmer?“ weitere Sinne aktiviert: Die SuS erfassen den Raum durch Berührungen, Gerüche, Farben, Formen und Gegenstände. Die sich dadurch individuell ausbildende Vorstellung vom „Raumwesen“ kann in weiteren Gedichten kreativ dargestellt werden.

Progression für die Sekundarstufe II

Die Übung kann auf der Sekundarstufe II durch verschiedene Vertiefungen erweitert werden, z.B:

  • Lautassoziationen: Zum Einstieg stellen die SuS Vermutungen an, was die Wörter grossiga, bloiko, bosso, fataka, zunbada, kusagauma bedeuten könnten und erläutern ihre Vermutungen. Strategien der Bedeutungszuschreibung sind z.B. die Anlehnung an bekannte Elemente (etwa groß), aber auch Überlegungen zum Vorkommen von Lautverbindungen. Das kann auch mit Stereotypen zusammenhängen (z.B. Verortung der Lautverbindungen in fremden Sprachen oder vermeintlich von Ureinwohnern) und kann besprochen werden.
  • Literaturgeschichte: Da Lautgedichte wichtige Produkte des Dadaismus darstellen, bietet sich ein literaturhistorischer Exkurs an.
  • Anhand verschiedener Texte und Dichterportraits kann die Vielfalt der Lautpoesie und ihrer Hintergründe verdeutlicht werden. Kanonische Lautgedichte sind beispielsweise Paul Scheebarts Kikakokú!, Christian Morgensterns Das große Lalula, Hugo Balls Gadji Beri Bimba, Kurt Schwitters Ursonate, Ernst Jandls schtzngrmm.

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Literaturhinweise und Links

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Über den Autor

Dominik Banhold

Dr. Dominik Banhold ist Lehrer für Deutsch, Englisch und Geschichte am Friedrich-Dessauer-Gymnasium in Aschaffenburg. Er ist Autor zahlreicher Unterrichtsmaterialien (u.a. für Deutsch kompetent), Fortbildner sowie Lehrbeauftragter an der Universität Würzburg.

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