Der Herbst bietet für die Schülerinnen und Schüler die wertvolle Möglichkeit, sich über die Arbeit mit literarischen Texten und über kreative Schreibübungen der Einzigartigkeit der Dinge in ihrer Umwelt bewusst zu werden und im Sinne eines erfahrungsreichen und ganzheitlichen Lernens einen vertieften und sinnstiftenden Bezug zu ihrer Umwelt aufzubauen.
Sie üben sich in dieser Unterrichtsidee im analytischen Umgang mit literarischen Texten, verfassen eigene Erzählungen und reflektieren im Zusammenhang mit Informationen zur Wortbildung verschiedene Wahrnehmungsqualitäten der Umwelt. Die Phasen 1 und 2 können noch im Klassenzimmer durchlaufen werden, spätestens für Phase 3 muss man das Schulgebäude verlassen.
1. Hinführung: Unsere liebsten Dinge
Die Lernenden erhalten den folgenden Auftrag:
Stell dir vor, du musst aufgrund eines Feuers ganz schnell dein Zimmer verlassen. Du kannst nur einen Gegenstand retten. Wähle aus:
a) die große Muschel aus dem letzten Familienurlaub
b) die Kiste mit Brettspielen
c) dein altes Kuscheltier auf dem Bett
d) den Brief deines liebsten Menschen aus der Schublade
e) den Beutel mit deinen Schulbüchern
f) dein Smartphone auf dem Nachttisch
g) den Apfel aus der Obstschale
Die Schülerinnen und Schüler kommen nach einer kurzen Bedenkzeit in kleinen Gruppen zusammen. Sie begründen ihre Wahl und diskutieren, nach welchen Kriterien eine solche Wahl getroffen wird. Der anschließende Austausch im Plenum sollte zu der Erkenntnis führen, dass wir emotionale Beziehungen zu bestimmten Gegenständen in unserer Umwelt aufbauen. Häufig ist dies motiviert durch Erinnerungen, die wir mit einem Gegenstand verbinden. Diese Erinnerungen sind als Assoziationen immer individuell und damit erhält ein Gegenstand eine einzigartige Qualität. Zudem neigen wir manchmal dazu, Gegenstände zu vermenschlichen. Wir schreiben ihnen Emotionen zu (Wer empfände kein Mitleid mit einem Teddybären, der gerupft und zerfleddert wird?) genauso wie die Fähigkeit zum Handeln (Wie häufig hat der Teddybär seinen Besitzer getröstet?).
2. Erarbeitung des Themas:
Hans Christian Andersen Die Teekanne
Von Beginn an steht somit der Gegenstand als solcher im Fokus der Betrachtung. Um nach dieser Phase der Sensibilisierung zu Andersens Märchen von der Teekanne überzuleiten, führt die Lehrkraft vor der Textbegegnung ein offenes Gespräch mit den Lernenden darüber, was sie mit einer Teekanne verbinden. Gesammelt werden können konkrete Vorstellungen von Aussehen und Beschaffenheit einer Teekanne, Gedanken zum Einsatz und Handlungskontext, Assoziationen durch Erinnerungen, usw. Schon in diesem Gespräch imaginieren die Schülerinnen und Schüler ein konkretes Objekt im Detail und nähern sich damit (auch bei prototypischen Vorstellungen) einer Einzigartigkeit des Objekts, die aus ihrer individuellen Vorstellung (z.B. Farbe und Muster, Position im Schrank der Familie, Erinnerung an einen Nordseeurlaub) resultiert.
Die Schüler lesen Andersens Märchen Die Teekanne und bearbeiten die dazugehörigen Aufgaben (s. Arbeitsblatt). Die Aufgaben 1 bis 3 werden zunächst in Einzelarbeit erledigt, bevor die Lernenden in Gruppen zusammenkommen, ihre Gedanken austauschen und vor diesem Hintergrund gemeinsam Aufgabe 4 ausführen.
Die anschließende Plenumsphase kann die Schülerinnen und Schüler unter Berücksichtigung sämtlicher bisheriger Erkenntnisse je nach Lernstand zu einem Exkurs in die Objekt- und Dingphilosophie weiterführen. Im Kern steht hier der Gedanke, dass aus konkreten Objekten, die uns umgeben, Dinge werden können, wenn wir mit ihnen bestimmte Vorstellungen, Erinnerungen und Emotionen verbinden, sie also einer persönlichen Projektion unterziehen. Objekte sind insofern für diesen Prozess der Verdinglichung empfänglich, als dass sie, wie Andersen in seinem Märchen erzählt, ihre ganz eigenen Merkmale und eine eigene Geschichte besitzen, die nicht selten weiter zurückreicht als die einer individuellen Person und zudem noch nach deren Tod fortgesetzt werden kann. Die Beobachtungen aus Aufgabe 1 können hier veranschaulichend herangezogen werden. In besonderer Weise zeigt sich diese Verdinglichung in Reliquien, Ausstellungsstücken in Museen und Devotionalien im weiteren Sinne. Auch Walter Benjamins Gedanken um den Begriff der Aura in Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit können hier vertiefend erörtert werden.
Zentral ist am Ende dieser ersten beiden Phasen die Erkenntnis, dass die Objekte, die uns umgeben, durch Zuwendung einer Person eine Einzigartigkeit und Lebensfülle erhalten können, die sie zu mehr werden lassen als zu bloßen austauschbaren Gegenständen. Die Wahrnehmung der Objekte im Detail lässt sie uns in ihrer Einzigartigkeit entgegentreten. Der durch die Zuwendung erfolgte Vorgang der Projektion verleiht ihnen einen differenzierenden Wert und macht sie zu Dingen. Genau dies geschieht in Andersens Märchen von der Teekanne. Damit dient der Text auch als praktisches Beispiel für die nachfolgende kreative Phase.
3. Kreatives Schreiben: Die Verdinglichung des Herbstes
Mit der Klasse begibt man sich spätestens jetzt in einen Park oder Wald und die Schülerinnen und Schüler bearbeiten den Auftrag zum kreativen Schreiben (s. Arbeitsblatt), in dem sie schrittweise eine eigene Dinggeschichte verfassen. Die Präsentation der Ergebnisse sollte noch vor Ort erfolgen: Die Schülerinnen und Schüler kommen in kleineren Gruppen zusammen, zeigen ihr Herbstding vor und verlesen ihre Geschichte. Die einzelnen Gruppen entscheiden, welcher Beitrag ihnen jeweils am besten gefallen hat. Diese werden im gesamten Klassenverband vorgetragen. Die Geschichten sollten im Nachgang der Schulgemeinschaft zugänglich gemacht werden.
Literaturhinweise zur Vertiefung
- Walter Benjamin (1935/36): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.
- Remo Bodei (2009, dt. 2020): Das Leben der Dinge.
- Byung-Chul Han (2021): Undinge.


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