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„Gendern“ im Deutschunterricht – Sprachwandel live beobachten

Über das Thema „gendergerechte Sprache“ wird derzeit intensiv diskutiert. Und bisweilen scheint es, als würden die unterschiedlichen Positionen zunehmend dogmatischer. Gerade die Schule und insbesondere der Deutschunterricht wären dabei der richtige Ort, um sachlich auf die Debatte und ihre Grundlagen zu blicken.

Ein Beitrag unseres Autors Dr. Stefan Schäfer

Gendern: Sprachwandel hautnah

Schülerinnen und Schüler erfahren Grammatik in der Schule meist normativ-präskriptiv: Sie sollen im Deutschunterricht nicht zuletzt lernen, was sprachlich richtig und falsch ist, bekommen Stil- und Grammatikfehler angestrichen. Gerade deshalb bestünde eine erste wichtige Einsicht für die Schülerinnen und Schüler darin, dass Grammatik – ebenso wie die Sprachwissenschaft als Ganzes – eine empirische Wissenschaft ist, die deskriptiv arbeitet. Im Falle des Genderns besteht nun die seltene Chance, ganz konkret die aktuelle Richtung des sonst meist eher im Verborgenen sich vollziehenden Sprachwandels „live“ zu beobachten. Und schon die Einnahme der Beobachterposition kann das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler schärfen. Hinzu kommt, dass Schule ja im Idealfall ein wissenschaftspropädeutischer Ort ist: Warum also nicht einmal mit den Schülerinnen und Schülern eine empirische Erhebung durchführen und Passanten in der Innenstadt befragen? Ist der Satz Meine Mutter ist Lehrer. grammatisch korrekt? Gendern Sie bzw. in welchen Kontexten legen Sie Wert auf gendergerechte Sprache? Welche Schreib- und Bezeichnungsweisen (z.B. Schülerinnen und Schüler, SchülerInnen, Schüler*innen, Schüler_innen oder Schüler/-innen) und welche Markierungsmöglichkeiten im mündlichen Gespräch (z.B. „Knacklaut“) würden Sie bevorzugen? Usw.

Genus und Sexus: Gendern als Thema im Deutschunterricht

Im Unterricht selbst kann das Thema „Gendern“ dann in der Folge zum Anlass genommen werden, um sich mit den damit zusammenhängenden Sprachbereichen auseinanderzusetzen.

Zunächst bietet es sich an, die Unterscheidung von Genus und Sexus zu fokussieren, denn gerade an dieser Differenz entzünden sich ja auch weite Teile der Diskussion. Genus und Sexus, so argumentieren die meist männlichen Grammatiker, sind völlig unterschiedliche Kategorien. Das ist richtig. Aber, so erwidern viele Soziolinguistinnen, zwischen Genus und Sexus gibt es große Schnittmengen, und die gehen zu Lasten der Repräsentation der Frauen bzw. deren Anliegen des Femininums im alltäglichen Sprachgebrauch. Und auch das ist richtig. Ganz anschaulich kann das an Tierbezeichnungen dargestellt werden. Traditionell wichtige Nutztiere der Menschen werden im Neutrum bezeichnet: das Rind, das Huhn oder das Schwein. Das betrifft das grammatische Geschlecht (Genus), womit natürlich nicht zum Ausdruck gebracht werden soll, dass die Tiere an sich geschlechtslos seien. Damit sind die Grammatiker bestätigt. Wenn nun aber das biologische Geschlecht tatsächlich wichtig wird, ändern sich die Bezeichnungen − und die Genera. Aus das Rind wird die Kuh oder der Stier; aus das Schwein die Sau oder der Eber. Damit sind die Soziolinguistinnen bestätigt, denn die Schnittmenge zwischen Genus und Sexus ist offensichtlich. Und die meisten unmarkierten Personenbezeichnungen sind nun einmal generisch männlich (die Katzenfreunde also, um in der Tierwelt zu bleiben, die einen Kater besitzen, sind die sprachliche Ausnahme).

Genera im Deutschen: Jakobsons Markiertheitstheorie

Hat man sich diese Unterscheidung einmal bewusst gemacht, kann die Beschäftigung mit den Genera in zwei Richtungen vertieft werden. Zunächst ließe sich fragen, welche Funktion dem Genus im Deutschen überhaupt zukommt: Warum etwa heißt es das Messer, die Gabel und der Löffel oder das Hemd, die Hose und der Rock? Wie erlernen Muttersprachler (und auch Nicht-Muttersprachler) dieses Genuswirrwarr? Und warum ist sowohl das Wirrwarr als auch der Wirrwarr akzeptabel und die Wirrwarr eher nicht? Es scheint aber auch lohnend, die generischen Personenbezeichnungen in den Blick zu nehmen: Ist männlicher Grammatiker ein Pleonasmus? Sind Soziolinguistinnen nicht nur eine Teilgruppe aller Soziolinguisten? Letztere Fragen führen unmittelbar zur Markiertheitstheorie des russisch-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Roman Jakobson. Die Markiertheitstheorie besagt im Wesentlichen, dass bestimmte grammatische Kategorien unmarkiert sind, so bislang das Maskulinum. Das zeigt sich an dem durch den Duden-Verlag bekannt gewordenen „Bäcker“-Beispiel: Ein Mann kann eben nicht Bäckerin werden und eine Frau nicht Bäcker. Jedenfalls solange man im Bäcker nur die Personenbezeichnung sieht. Nimmt man die Rolle oder den Beruf in den Blick, ist klar: Alle Frauen können das Bäckerhandwerk erlernen, aber Bäckerin zu sein, wird niemals einem Mann möglich sein. Dies gilt, wie gesagt, bislang und ist kein Argument gegen das Gendern. Es bedeutet nur, dass maskuline und feminine Formen nicht gleichzeitig markiert sein können. Oder andersherum: Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass in Zukunft das Femininum die unmarkierte Form im Deutschen darstellt: Dann könnte keine Frau mehr Bäcker werden, aber jeder Mann eine Bäckerin (oder im Moment vielleicht wahrscheinlicher: ein BäckerIn).

Laut und Buchstabe: Gendern im Mündlichen

Ein weiteres wichtiges und spannendes Thema eröffnet sich bei der Aussprache des Binnen-I, wenn man also die Majuskel durch eine Art Pause hörbar macht, nicht [Lehrerinnen], sondern [Lehrer innen]. Die meisten Schülerinnen und Schüler dürfte bereits überraschen zu erfahren, dass dieser Laut nicht nur im Deutschen überaus wichtig ist. Er ist nicht im Bewusstsein, weil ihm kein Buchstabe entspricht. Im phonetischen Alphabet wird er mit „Ɂ“ wiedergegeben; es handelt sich um ein glottales Plosiv und wird deshalb auch „Glottisschlag“ (engl. „glottal stop“), aber auch „Knacklaut“ genannt. Dieser Knacklaut hat im Deutschen phonematischen Status, er unterscheidet etwa (phonetisch) zwischen „Eis“ ([Ɂaɪs]) und „heiß“ ([haɪs]). Seine strukturelle Hauptfunktion im Deutschen ist, wie auch das Beispiel deutlich macht, der Vokalneueinsatz. Wer also mit dieser Sprechweise nicht vertraut ist, könnte bei [LehrerɁinnen] zunächst an Lehrer in einem Innenraum denken. Im Kontext einer ganzen Äußerung entstehen solche Missverständnisse aber natürlich nicht. Wichtig und spannend ist dieses Thema nun vor allem deshalb, weil es zum Anlass genommen werden kann, die Schülerinnen und Schüler stärker mit der lautlichen Realität des Deutschen zu konfrontieren. Und wer weiß, vielleicht führt die Beschäftigung mit dem Gendern am Ende sogar dazu, dass 140 Jahre nach Wilhelm Viëtors Streitschrift „Der Sprachunterricht muss umkehren!“ auch in deutschen Schulen einmal der Unterschied zwischen Laut und Buchstabe die ihm angemessene Beachtung finden wird.

Gendern: Sprachpolitik und Perspektiven

Am Thema „Gendern“ könnte man schließlich auch eine intensivere Beschäftigung mit den Partizipien (die Lehrenden, die Geflüchteten) und ihrer Bedeutung, Bildung und ihrem Gebrauch oder mit Suffixen (die Schül-er-in, Schül-er-In-nen) und überhaupt dem ganzen Bereich von Ableitung und Wortbildung ebenso anbinden wie eine Beschäftigung mit Sprachpolitik (political correctness, Euphemismen) und der Frage, in welchem Verhältnis Sprache und Wirklichkeit zueinanderstehen.

Sowohl angesichts der zu Beginn erwähnten Emotionalität, die den sachlichen Austausch stellenweise überlagert, als auch mit Blick auf den stetigen Sprachwandel und seine Mechanismen sind Gelassenheit und Nüchternheit geboten. Natürlich kann jeder Sprachbenutzer und jede Sprachbenutzerin sich zu sprachlichen Fragen nicht nur äußern, sondern auch dezidiert Stellung zu beziehen. Alle Sprachbenutzer können selbstverständlich auch versuchen, andere durch ihre Sprachverwendung zu überzeugen. Doch vorerst gibt es in den aktuell diskutierten Fragen kein „Richtig“ und kein „Falsch“. Auch wenn gegenwärtig die Normen im Umbruch zu sein scheinen, ist es für ein abschließendes Urteil zu früh. Dieses fällt irgendwann die Sprachgemeinschaft als Ganzes. Die individuelle Meinung und die persönlichen Vorlieben haben darauf nur einen denkbar geringen Einfluss. Gleichwohl bleibt das Thema Gendern für den Unterricht spannend und ergiebig.

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Über den Autor

Dr. Stefan Schäfer

Dr. Stefan Schäfer ist Autor von Klett-Materialien für den Deutschunterricht. Zu seinen Veröffentlichungen gehören unter anderem Titel wie „Materialgestütztes Schreiben, Essay und Kommentar“, aus der Reihe Kursthemen „Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen“ u.v.m.

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